Rakete
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Die Trägerrakete Spectrum soll Satelliten in niedrige Erdorbits transportieren, 1200 Kilometer von der Erde entfernt.

Unternehmen leitet Paradigmenwechsel ein

Von Ottobrunn in den Orbit: Bayerische Firma schickt bald Satelliten ins Weltall

  • Max Wochinger
    VonMax Wochinger
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Weil Satellitentechnik immer kleiner wird, braucht die Raumfahrtindustrie kleine Trägerraketen. Deutschland will in Europa Nr. 1 Standort werden. Epizentrum ist Ottobrunn.

Ottobrunn - Es ist, als würden sich die Mitarbeiter von Isar Aerospace über gewöhnliche Transporter oder die Deutsche Post unterhalten. Es geht darum, kleine Ladungen zu transportieren – oft nicht größer als Schuhschachteln. Nur, der Lieferort ist nicht ganz alltäglich: der Orbit. Das junge Start-up Isar Aerospace tüftelt an der ersten bayerischen Weltraumrakete. Die Trägerrakete Spectrum soll Satelliten in niedrige Erdorbits transportieren, 1200 Kilometer von der Erde entfernt. So wie die Post, nur schneller: Die 27-Meter-Rakete beschleunigt beim Start auf 28.000 Kilometern pro Stunde.

Isar Aerospace leitet Paradigmenwechsel ein: Satelliten werden immer kleiner

Isar Aerospace, erst 2018 von drei Studenten der Technischen Universität München gegründet, bietet sogenannte kommerzielle Launches an – mit bis zu 1000 Kilogramm Ladung. Was in Ottobrunn gerade geschieht, ist ein Paradigmenwechsel. Bisher entwickelten klassische Raumfahrtunternehmen ihre Raketen „auf Kosten der Steuerzahler“, so das Bundeswirtschaftsministerium. Firmen wie Isar Aerospace bauen nun Raketen mit privaten Geldern. Die Satelliten, die Spectrum in den Orbit bringt, ermöglichen mobile Internetverbindungen, Navigation, autonomes Fahren und das Monitoring der Erderwärmung. Die Satelliten werden immer kleiner. Dementsprechend gibt es neue Anforderungen an Trägerraketen: kleiner und günstiger. Isar Aerospace hat dieses Marktpotenzial erkannt. Dieser Markt entwickelt sich von der kleinen Manufaktur zur Industrie.

Isar Aerospace: 170 Mitarbeiter - Tendenz stark steigend

Bei Isar Aerospace arbeiten 170 Mitarbeiter – Tendenz stark steigend. Am 13. Juli veranstaltet die Firma eine Jobmesse in Ottobrunn: Gesucht werden unterschiedliche Techniker und Schlosser. „Wir wollen unsere Belegschaft in den nächsten Jahren verdoppeln“, sagt Betriebswirt Martin Schleich beim Gang durch die Produktionshalle. Die Halle am Rande des Landschaftsparks in Ottobrunn wächst: Techniker installieren momentan mächtige 3D-Drucker, CNC-Fräsen und andere Hightech-Maschinen. Mitarbeiter bauen die Montageabteilung auf – ein Reinraum mit besonderen Anforderungen an die Sauberkeit. „Wir haben eine hohe Eigenfertigung“, erklärt Produktionsleiter Christian Wenzl. Sie gehe in Richtung 90 Prozent. Das sei in Europa „sehr außergewöhnlich“, sagt er. Viele Teile kommen aus den 3D-Druckern, etwa das Gehäuse der Düsen. Das verwendete Material ist streng geheim. „Es ist extrem hitzebeständig und stabil“, sagt Maschinenbauer Wenzl. Gerade habe Isar Aerospace weitere 3D-Drucker bestellt. Kein Wunder: Der Microlauncher will in die Massenproduktion einsteigen. Das Ziel der Ottobrunner ist die Produktion von zehn Trägerraketen im Jahr, also 100 Motoren. Das hieße, dass die Techniker in Ottobrunn zwei Motoren pro Woche bauen müssen. „Wir kaufen permanent Maschinen, um unsere Produktion zu erweitern“, sagt der Produktionschef.

In seiner Halle herrscht Aufbruchstimmung in Raketentempo. Bald geht’s los: Kommendes Jahr soll die erste Spectrum mit Ladung in den Orbit düsen. Welche Satellitentechnik die Rakete mitnimmt, steht noch nicht fest. Elf Minuten wird die Aktion dauern – vom Start bis zum Aufprall der Trägerrakete auf der Erde. Kosten soll ein Launch unter zehn Millionen Euro, sagt Christian Wenzl. Vergleichbare Starts hätten den Preis von 40 Millionen Euro, so das Unternehmen.

Die Rakete wird nicht abstürzen.

Produktionsleiter Christian Wenzl

Nächstes Jahr soll es in Norwegen losgehen

Im Moment werden Teststände für Versuche in Schweden gefertigt. Isar Aerospace wird kommendes Jahr die selbststeuernde Rakete in Norwegen starten, überwacht wird sie auch in Ottobrunn. Raumfahrt ist eben ein internationales Geschäft, die Mitarbeiter kommen aus 27 Nationen. Das Trägersystem war noch nie in der Luft. So viel Aufwand und Investitionen und am Ende stürzt Spectrum ab? „Die Rakete wird nicht abstürzen“, versichert Wenzl. Das Design funktioniere gut. Ein Restrisiko bleibe aber. Bei den anstehenden Versuchen gelte es, Leistungsschwankungen auszugleichen.

Derzeit testen Ingenieure und Techniker in Ottobrunn, wie sich der 4000-Liter-Tank aus Carbon verhält, wenn die Rakete wackelt. Dazu haben sie eine Versuchskonstruktion in der Halle aufgebaut. „Eine Rakete zu bauen ist eine extreme technische Herausforderung“, sagt Produktionschef Christian Wenzl. Sie sei keine Dating-App. „Aber“, fügt Betriebswirt Martin Schleich hinzu, hier zu arbeiten „ist schon verdammt cool“.

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