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Positives Beispiel fürs Zusammenleben: die Frühjahrskirmes 2014 der DITIB-Moschee in Taufkirchen.

Muslime im Landkreis

„Pegida hat hier keine Chance“

Warum im Landkreis München kaum Nährboden für Ressentiments gegen Muslime besteht, erklären diese selbst.

Taufkirchen - Montag für Montag beobachten Melike Kapicibasi, Mehmet Bölen und Bahadir Koyuncu, wie das sogenannte, selbsternannte ...-gida-Volk auf die Straßen der deutschen Innenstädte zieht und pauschal demonstriert gegen „den Islam“, gegen „die Muslime“ und damit auch irgendwie gegen Melike Kapicibasi, Mehmet Bölen oder Bahadir Koyuncu und viele andere Muslime. Doch fragt man bei den islamischen Gemeinden im Landkreis München nach, hört man eigentlich immer diese, im ersten Moment sogar etwas überraschende Antwort: „Pegida? Das ist bei uns nicht wirklich ein Thema“, sagt etwa Mehmet Bölen, Erster Vorsitzender der Türkisch-Islamischen Gemeinde in Unterschleißheim.

Freilich beobachten die Mitglieder der islamischen Gemeinden im Landkreis die wöchentlichen Pegida-Demonstrationen mit einiger Skepsis. Die muslimischen Bürger gehen mit dem Thema aber sehr entspannt um. Der Grund: Die Integration funktioniert. Und der Nährboden für die Ressentiments der Pegida gegenüber dem Islam fehlt in der wirtschaftlich starken Metropolregion um München.

Rund 11 500 muslimische Bürger leben im Landkreis München. Das sind umgerechnet 3,5 Prozent Bevölkerungsanteil – zum Vergleich: Bundesweit sind es fünf Prozent. Sie alle sind unterschiedlicher Herkunft und leben hier zum Teil in der dritten Generation. In Unterschleißheim und Taufkirchen gibt es lokale Ableger der größten muslimischen Organisation in Deutschland, der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion, kurz DITIB (Diyanet Isleri Türk Islam Birligi).

Melike Kapicibasi ist eine von zwei weiblichen Vorsitzenden der Türkisch-Islamischen Gemeinde in Taufkirchen, die rund 240 Mitglieder zählt und zu DITIB gehört. Die 40-Jährige hat sich in den vergangenen Wochen immer wieder zu diesem Thema geäußert und könne sich eigentlich nur wiederholen, wie sie sagt: „In unserer Gemeinde reden wir darüber nur am Rande.“ Schließlich gebe es keinen Anlass zur Sorge. „Wir kennen die Leute in Taufkirchen. Wir sind immer im Austausch und wissen daher, dass sich so eine Stimmung bei uns nicht breit machen könnte.“ Ein Beleg dafür seien beispielsweise die beiden Informationsveranstaltungen zur einer geplanten Flüchtlingsunterkunft in Taufkirchen, wo die Hilfsbereitschaft sehr groß gewesen sei. Da habe man gemerkt: „Pegida hat hier keine Chance.“ Mit „Hier“ meint Kapicibasi Taufkirchen, wo seit 2012 eine Moschee steht.

Der Integrationsbeauftragte des Landkreis München, Ali E. Danabas, kennt den Grund, weshalb die Wir-sind-das-Volk-Rufe aus Dresden und anderen deutschen Städten im Landkreis München kein Gehör finden. Das hänge unter anderem damit zusammen, dass es in der Metropolregion München kaum Arbeitslosigkeit gebe, sagt er. Dadurch würden solche irrationalen Abstiegsängste, wie man sie unter Pegida-Demonstranten findet, gar nicht erst entstehen. Die Gelassenheit der Muslime im Umgang mit Pegida hat aber noch einen anderen Grund: „Es gibt im Landkreis keine Konfrontationen zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen“, so Danabas. Dass das auch so bleibt, dafür sorgt Danabas höchstpersönlich. In seiner Funktion als Integrationsbeauftragter tauscht er sich ständig aus mit den Mitgliedern der islamischen Gemeinden. Seine Hauptaufgabe besteht darin, Maßnahmen zu initiieren, die das Zusammenleben zwischen Nicht-Deutschen und Deutschen im Landkreis verbessern. Das funktioniert in erster Linie durch die Herstellung von Dialog zwischen Menschen unterschiedlicher kultureller und religiöser Herkunft. Das ist wichtig. Denn es gebe, so Danabas noch einen weiteren Grund dafür, dass Pegida die muslimischen Bürger im Landkreis kalt lässt: „Viele sind solche Debatten gewohnt. Sie sehen Pegida als die Folge jahrelanger undifferenzierter medialer und politischer Debatten über den Islam.“ Der Islam werde dabei all zu oft mit Islamismus gleichgesetzt. „Die Muslime leiden doch selber am meisten unter dem Missbrauch ihrer Religion.“

Um so ärgerlicher sei es, mit islamistischen Gewalttätern über einen Kamm geschoren zu werden. Pegida sei schließlich die logische Konsequenz. Dabei seien die meisten Muslime im Landkreis nicht sehr religiös, sagt Danabas: „Viele essen zwar kein Schweinefleisch. Aber das ist schon das Religiöseste, was sie machen."

Thomas Radlmaier

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