In den Akten gestöbert: Penelope Poetis aus Pullach erzählt eine fiktive Geschichte vor dem dunklen Panorama des Dritten Reichs. Foto: michel

Penelope Poetis stellt ihr erstes Buch vor

Pullach - Die Pullacherin Penelope Poetis hat ihr erstes Buch geschrieben. „Offenen Auges“ beschreibt, wie schwierig es im Dritten Reich war, den richtigen Weg zu wählen - gestützt auf Originaldokumenten.

Archive scheinen oft eine magische Wirkung auszustrahlen, nicht zuletzt dadurch, dass sie bislang unbekannte Welten erfahrbar machen. Die in Pullach lebende Penelope Poetis erzählt von einer Zeitreise, die im Archiv des Münchner Max-Josef-Stift im Stadtteil Bogenhausen begann. Die 23 Jährige, sie studiert Archäologie, belegt Gesangsstunden als lyrischer Sopran, und hat nunmehr mit ihrer Buchpremiere „Offene Augen“ aus drei Blickwinkeln einen fast vergessenen oder lange verdrängten Abschnitt in der Geschichte des von ihr besuchten staatlichen Mädchengymnasiums facettenreich beleuchtet.

Intensive Einblicke in das 288 Seiten starke Paperback in der Pullacher Buchhandlung Isartal gewährte Penelope Poetis bei ihrer ersten Buchvorstellung mit anschließender Lesung. Archivfunde, Briefe und zeitgeschichtliche Dokumente ergänzen sich mit der faschistischen Gesetzgebung, und als drittes Glied entstand aus der historischen Indiziensuche eine fiktive Geschichte. Eine, die reale Charaktere, die Poetis in den Akten aufstöberte, und die sie nun mit von ihr dazu erfundenen Akteuren zu einem inspirierten zeitgeschichtlichen Panorama der Jahre 1933 bis 1945 formte. Über allem aber liegt der dunkle, oft lebensbedrohende Schatten einer menschenverachtenden, rassistischen Gesetzgebung. Sie findet sich gebündelt im „Sartorius“ wieder: Verfassungs- und Verwaltungsrecht, eine Sammlung von Reichsgesetzen, Verordnungen und Erlassen summieren sich hier zu ein Gesetzbuch im Widerstand gegen Gerechtigkeit und Moral. Und da auch menschenverachtende Bücher ihr Eigenleben führen und oft ihre Leser suchen und finden, ist dieses mit Hass und Gift gefüllte Kompendium in der Bibliothek ihres Vaters in die Hände geraten.

In einem anrührenden kurzen Prolog schildert die Autorin, wie ihr Vater Pantelis Christian Poetis, seit 2009 Honorarkonsul der Islamischen Republik Pakistan mit zyprisch/griechischen Wurzeln, als junger Mann sein Jurastudium verdiente. Und zwar als Nachtwächter. Dabei fiel ihm die brüchige Schwarte mit Gesetzestexten in die Hände, und er las sich aus Langeweile fest. Also kaufte er das Buch, und es verschwand für 30 Jahre im Bücherschrank.

Zu Beginn des zwölften Schuljahres am Max-Josef-Stift erhielt sie von ihrer Klassenlehrerin das Angebot, am schuleigenen Archiv im Keller mitzuarbeiten. „Wir hatten einen alten Laptop, auf dem wir Dokumente digitalisieren sollten. „Die meisten Schreiben stammten aus der Zeit des Nationalsozialismus und waren für mich hochinteressant. Schließlich faszinierte Geschichte das wissenshungrige Mädchen seit ihrem achten Lebensjahr. Es waren Briefe darunter, von ehemaligen Schülerinnen (Mitschwestern, wie sie im heutigen schulsprachlichen Umgang immer noch genannt werden), die von ihrer NS-Zeit als Schulmädchen erzählten. Immer mehr Berichte von Zeitzeugen traten zutage. „Vielleicht ist es für kommende Generationen interessant, wie unsere Schulzeit in den Jahren gewesen ist, über die man nicht mehr berichten will.“ Penelope spürte immer mehr einem von den Nazis deformierten Zeitgeist nach, drang fasziniert und auch mit abgestoßener Ungläubigkeit ein in verquere Ideale, die etwa den Bund Deutscher Mädel als weiblicher Zweig der Hitlerjugend anfeuerten. Immer mehr formt sich vor den Augen des Mädchens das arische Bild von der blonden Mutter, die gebären sollte, um dem Führer und der arischen Rasse Kinder zu schenken.

Der Terror gegen Juden, politisch Andersdenkende und die Zwangssterilisierung von Behinderten, sind nur eine Spitze der Greuel, die sich mehr und mehr vor der Pullacherin auftürmten. Und eine das Rechte missachtendes Gesetz spricht schamlos fanatisch Recht. Es werden Poetis zwei Zeitzeugen begegnen, die über Verdrängungen reden und aus all diesem unermesslichen Material formt die Sammlerin von Fakten eine Erzählung, die weit mehr ist als eine Liebesgeschichte.

Urplötzlich verschwinden Lehrkräfte, Mitschülerinnen können im letzten Moment in die Schweiz, nach Frankreich emigrieren, und in sehr glaubhafter Differenzierung entsteht auch das literarische Abbild einer Frauenfigur, die sich ganz den Nazis und deren Frauenbild verschrieben hat. Und es spricht für die Einfühlsamkeit der Autorin, wie sehr sie diese Figur nicht nur mit negativen Auswüchsen behaftet, sie nicht dämonisiert, sondern sie immer Mensch bleiben lässt - mit all ihren Sehnsüchten, Enttäuschungen und der Gewissheit ihres Versagens. Ein Schicksal von Zahllosen.

Das Wichtigste an diesem Buch ist die in fast jeder Zeile auflodernde Aufforderung, sich Fragen zu stellen, nicht nachzulassen im Wissenwollen, wie es damals war. Und wer mit der Autorin plaudert, der entdeckt neben dieser Neugierde, die klare und unwidersprochene Fakten zutage fördert, eine Gesprächspartnerin, die mit Leichtigkeit und Witz im Dialog über Musik, Gesangskarrieren und über ihre Zukunft plaudert.

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