Petra Morsbach mit bissiger Klugheit „über Wahrheit des Erzählens“ in der Bücherei

Ottobrunn - Die reizend zurückhaltende Petra Morsbach benutzt mit bissiger Klugheit das sprachkritisch-analysierende Scharfrichterbeil.

Morsbach lässt das Scharfrichterbeil in der Ottobrunner Gemeindebibliothek über die Häupter von Alfred Andersch, Günter Grass und Marcel Reich-Ranicki kreisen.

In Auszügen aus ihrem Essayband „Warum Fräulein Laura freundlich war. Über die Wahrheit des Erzählens“ bringt sie die drei Säulenheiligen der Nachkriegs- und Gegenwartsliteratur ins Wanken. Sie verabsolutiert den Anspruch auf „Wahrheit“ in der Literatur und spürt sprachlichem Selbstverrat nach. Mit dem aufklärerischen Eifer eines Detektivs widmet sich die 54-Jährige dem Aufspüren von Widerständigkeit der Sprache gegen die Absichten des Dichters. „Wo in zwei Sätzen hintereinander das Wort ,Aber‘ steht, hat er nicht klar nachgedacht. Aber es sind nicht nur sprachliche Misslichkeiten, die entlarven, sondern die konkrete Lüge. So lässt die Autorin, die mit ihrem „Opernroman“ den Durchbruch auf dem Buchmarkt erzielte und auch von Marcel Reich-Ranicki hochgelobt wurde, diesem Vieles nicht durchgehen. In seinen „Aufzeichnungen erzählt der Großkritiker, dass er nicht in seiner Jugendzeit in Polen, sondern erst in Deutschland Eier gegessen hat“. Morsbach lässt diese „Unwahrheit“ durchgehen, weil sie die anfängliche Freude symbolisiere, die der junge Marcel empfand, als er sich auf neuem Boden befand. Fazit dennoch: Ein leidenschaftlicher Mann liefere sich eine Selbstdarstellung, weil er sich nicht traut, ehrlich zu sein.

Die „Blechtrommel“ von Günter Grass, die als Bewältigungsbuch des Dritten Reichs gilt, werde dieser Einschätzung, so die Autorin, nicht gerecht. Grass erwecke hier eher den Eindruck großer Ängstlichkeit, indem er die Nazis nur als lächerliches Figurenarsenal zulässt. Und Alfred Anderschs „Vater eines Mörders“ beruhe auf der Lüge, dass das Schüler-Ich nicht von einem Nazi, sondern wegen schlechter Leistungen von der Schule verwiesen wurde. Ein Abend in der Bücherei, der Lust auf das Wiederlesen der abgekanzelten Bücher macht. Aber verliert ein Kunstwerk seine Authentizität, wenn ihm durch forensischen Eifer oder kasuistische Spitzfindigkeit des Kritikers Hochstapelei, Eitelkeit und Verdrängung vorgeworfen werden? Auf diese Art wohl nicht, so kann nicht zwischen wahrer und unwahrer Literatur unterschieden werden.

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