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In guter wie in schlechter Zeit: Der Zustand von Brigitte Krupka hat sich über die Jahre verschlechtert. Sie ist dement und leidet an Epilepsie. Ihr Mann Siegfried ist immer an ihrer Seite. Im November feierte das Ehepaar goldene Hochzeit.

Seniorenheim in Unterschleißheim

Pflegemängel im Haus am Valentinspark - Meine Frau ist schlecht versorgt

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Siegfried Krupka fürchtet um die Gesundheit seiner Frau Brigitte. Sie ist ein Pflegefall, liegt im Seniorenheim „Haus am Valentinspark“ in Unterschleißheim. Dort, so sagt ihr Mann, ist sie nicht gut versorgt. Eine Kritik, die ein Urteil des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen bestätigt.

Unterschleißheim – Ein kurzer Spaziergang wäre heute schön. Doch Siegfried Krupka (72) muss warten, bis er seine Frau in den Rollstuhl setzen kann. Seit er an diesem Tag zu Besuch ist, wie immer ab neun, ist seine Brigitte nur einmal kurz wach geworden. Jetzt schläft sie wieder. Wie so oft. Nicht einmal gefrühstückt hat sie. Das Tablett mit Brot, Semmel und einem Schälchen Marmelade steht unberührt auf einem Tisch im Zimmer 340, dritter Stock, Station „Im Wald“. Hier lebt Brigitte Krupka seit September 2014.

Sie ist dement, braucht außerdem Medikamente gegen Epilepsie. Die ersten Anzeichen ihrer Demenzerkrankung traten vor 16 Jahren auf. Mittlerweile hat ihr Gehirn vergessen, wie man läuft. Sie liegt fast ausschließlich im Bett. Nur zum Essen wird sie in ihren Rollstuhl gehoben, ein spezielles Modell, das ihr erlaubt aufrecht zu sitzen. Aus eigener Kraft schafft sie es nicht mehr. Wie so vieles andere nicht. Essen, trinken, selbst der Weg aufs Klo: Nichts geht mehr alleine. Brigitte Krupka hat Pflegegrad fünf. Sie braucht Hilfe – vor allem die ihres Mannes. Denn im Heim gibt es Situationen, die im schlimmsten Fall lebensgefährlich sein können.

Ohne Dokumentation drohen die Kranken im schlimmsten Fall zu verdursten

Etwa dann, wenn Siegfried Krupka wieder einmal nicht weiß, ob seine Frau genug zu trinken bekommen hat, wenn er nicht da ist. Brigitte kann nicht mehr nach der Schnabeltasse greifen. Die Pfleger müssten helfen. Eigentlich. „Meist stelle ich, bevor ich nach Hause gehe, einen Becher mit Orangensaftschorle auf das Nachtkästchen“, sagt Krupka, „und am nächsten Morgen fehlt nur ein fingerbreit.“ In einen Trinkplan müssten die Pfleger eintragen, wenn sie der Kranken etwas zu trinken gegeben haben. Doch das geschieht offenbar nur unregelmäßig. So kann niemand nachvollziehen, wie viel und ob Brigitte Krupka tatsächlich etwas getrunken hat. Teils weiß Krupka nicht einmal, ob jemand nachts nach seiner Frau gesehen hat. Auch der Plan für die Visiten gibt darüber keinen Aufschluss: „Ich habe erlebt, dass keine Nachtvisiten eingetragen wurden – zwei Tage später ist alles ausgefüllt“, sagt er.

Die Pflegesituation im „Haus am Valentinspark“ ist schlecht. „Wenn gewisse Dinge nicht gemacht werden, liegt das an der Zahl der Pfleger. Teilweise ist nur einer für 20 Bewohner da“, sagt Siegfried Krupka. Der Pflegeplatz seiner Frau kostet pro Monat rund 4000 Euro. 2000 Euro zahlt er selbst. Dafür ist er jeden Tag im Heim. Immer von 9 bis 13 Uhr. Er hilft, wo er kann. Er sagt: „Die Personalsituation ist eklatant.“

Ein Urteil, zu dem auch der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) gekommen ist. In einer turnusmäßigen Untersuchung hat der MDK den Bereich „Pflege und medizinische Versorgung“ mit der Note 3,6 bewertet. Vor nicht einmal einem Jahr bescheinigten die Pflegeexperten „gute“ Zustände. Eine dramatische Entwicklung nach unten: „Alles niedriger als eine Zwei ist schlecht“, sagt Ruth Wermes, Pressesprecherin beim MDK Bayern.

Auf dem Papier gibt es genügend Pfleger - die Realität sieht anders aus

Der Betreiber der Einrichtung, der „Paritätische Wohlfahrtsverband“, hat mittlerweile die Reißleine gezogen. Er hat einen Aufnahmestopp verhängt. „Wir erfüllen die Pflegefachkraftquote nicht und können daher im Augenblick keine weiteren Bewohner aufnehmen“, sagt Dieter Pflaum, der kommissarische Leiter des Seniorenheims. Bei derzeit 169 Heimbewohnern sind auf dem Papier 44 Pflegefachkräfte vorgesehen, sowie 38 Pflegehilfskräfte. Ein großer Teil davon sind Teilzeitkräfte. Schichtdienst, Ausfälle oder Urlaub verschärfen die Situation zusätzlich. „Das sind nur theoretische Stellen“, sagt Pflegexperte Claus Fussek. „Entscheidend ist doch, wie viele wirklich da sind.“ Auch Pflaum gibt zu, dass eigentlich „drei bis vier“ zusätzliche Fachkräfte nötig wären.

Wie konnte es zu diesen Missständen kommen? Pflaum spricht von einem „schleichenden Prozess“, die Situation habe sich „langsam zugespitzt“. Er will jetzt eine zweite Pflegedienstleitung sowie einen Stellvertreter einstellen, die sich insbesondere um den Aspekt Pflege und deren Dokumentation kümmern sollen. Zudem hat er eine neuerliche Prüfung durch den MDK beantragt. Bis Ende Mai ist Zeit, es besser zu machen.

Bei Brigitte Krupka klopft es an der Tür. Eine Heimmitarbeiterin holt den Wäschesack. Als die Tür wieder ins Schloss fällt, sagt Siegfried Krupka: „Wissen Sie, ich will den Pflegern gar nicht an den Karren fahren. Die machen überwiegend einen tollen Job und die, die ihren Job ernst nehmen und wirklich Zeit investieren, die sind verratzt. Die wissen ja auch nicht, wo ihnen der Kopf steht.“

Anmerkung der Redaktion

Im Lauf der Recherche zu dieser Geschichte ist Brigitte Krupka gestorben. Trotzdem hat die Redaktion entschieden, den Text zu veröffentlichen. Siegfried Krupka hat dafür sein ausdrückliches Einverständnis gegeben. Er hofft, dass sich die Zustände in Folge der Berichterstattung verbessern.

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