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Phänomenal - Kühnste Operettenträume erfüllt

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- Ein "Vogelhändler" zum Hinschmelzen im Pullacher Bügerhaus

VON MANFRED STANKA Pullach - Virtuos, wie da einer die Fäden zieht, wie der Wiener Musiktheaterprofi Heinz Hellberg als Dirigent und Regisseur mit eigener, kinderleichter Poesie pralle Geschichten erzählt und eine als verstaubt abgelegte Operette raffiniert im Pullacher Bürgerhaus zum Blühen bringt. Nein, es ist kein Johann Strauss, kein Lehar, nicht einmal Kalman, sondern Carl Zellers "Der Vogelhändler", dieser derb sentimentale Heuler mit seiner anmacherischen Wunschkonzertseligkeit.

Eine zahme Sau muss als Wildschweinersatz her

Die Zuhörer beginnen im ausverkauften Saal, das Stück zu mögen. Ein Sitznachbar summt leise mit, und an der Aufführung mit der Operettenbühne Wien müssen sich künftige "Vogelhändler" messen lassen. Die Operette als eigenständige Kunstform, mit leichter Hand hingeworfen, unterlegt von feiner Ironie, dann aber wieder üppig im Ausbruch der Gefühle. Und ausgerechnet Carl Zellers "Grüß Euch Gott-Anmache" erfüllt diese Erwartungen, und noch weit mehr.

Zum Hinschmelzen das Vorspiel im Stil eines Wiener Marionettentheaters. Die Protagonisten sind in ein geheimnisvolles Halbdunkel gehüllt und in Regungslosigkeit gefangen. Die Ouvertüre bewegt sie zum Leben, sie finden ihre Seele, verneigen sich, und das Spiel kann beginnen. Panik im biedermeierlichen Dorfidyll. "Jekusch, jekusch, das ist schwer, wo nimmt man gleich ein Wildschwein her", jammert der Chor. Der Kurfürst rüstet zur Jagd, und eine Ehrenjungfrau ist auch nirgends aufzutreiben. Also muss eine zahme Sau her - als Wildschweinersatz.

Aber da lässt Alois Haselbacher als Adam aus Tirol sein kerniges Stimmmaterial erstrahlen, steckt Höhenprobleme souverän weg und hält dafür lange Töne mühelos aufrecht. Später, im zweiten Akt, wird er mit seinem melancholischen Walzerlied "Wie mein Ahnl" Wehmut mit Tiroler Bodenständigkeit verbinden. Inzwischen liefert er sich erotische Gefechte mit dem resoluten Soubrettencharme der ihm anverlobten Christl. Susanne Fugger besitzt eine bewegliche Stimme, die silbern aufleuchten kann und sich im Piano verströmt.

Claudia Bayer als aristokratische Schönheit gibt ihrer Figur leise Wehmut, Zwischentöne und eine sich der Nostalgie hingebende Sopran-Lyrik. Verwechslungen und Irrtümer müssen durchlitten werden bis zum Happy-End. Die Dekors und die luxuriös funkelnden und fabelhaft geschnittenen Kostüme im zweiten Akt erinnern an die großen Ausstattungsrevuen der 20er Jahre in Berlin und Hollywood. Auch der Rest des Ensembles erfüllt kühnste Operettenträume. Hellbergs Regie ist präzis. Gesten und Bewegungen sitzen und korrespondieren oft in erstaunlichem Maße mit der Musik.

Phänomenal aber ist der Allrounder Heinz Hellberg am Dirigentenpult. In Zierer entdeckt er einen Vorläufer von Lehars schwelgerisch parfümierter Musik. Er besitzt die Fähigkeit, immer wieder aus dem Piano heraus zu musizieren und findet für mächtig blühende Klangwogen die kräftigsten Farben.

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