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Es diskutieren (v.l.) BR-Intendant Ulrich Wilhelm, Manuela Pietraß (Professur für Erziehungswissenschaft mit Schwerpunkt Medienbildung an der Bundeswehr-Uni), Moderator Sigmund Gottlieb (Chefredakteur BR Fernsehen), Stefan Winners (Vorstand bei Hubert Burda Media) und Mathias Müller von Blumencron, Chefredakteur Digitales bei der FAZ.  

Podiumsdiskussion an der Bundeswehr-Universität Neubiberg

„Fake News wirken wie Gift“

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Immer schneller, immer mehr Nachrichten, jederzeit abrufbar: In der Bundeswehr-Uni Neubiberg haben hochrangige Journalisten über schwierige Zeiten, „Fake News“ und die Glaubwürdigkeit einer ganzen Branche diskutiert.

Neubiberg – „Schöne neue Welt?“ Eher nicht. Aber auf jeden Fall spannend, mit Chancen, aber auch Risiken und Herausforderungen. Die Frage, die das Thema der Podiumsdiskussion in der Bundeswehr-Universität in Neubiberg vorgab, war provokant gestellt. Eine einfache Antwort gab es nicht.

Beim zweiten Teil des Titels war diese deutlich leichter zu geben. „Medien in der Bewährungsprobe.“ Ganz bestimmt. „Ich hätte nie gedacht, dass unser Thema so schnell an so großer Bedeutung gewinnt“, sagte Manuela Pietraß, die die Professur für Erziehungswissenschaften mit Schwerpunkt Medienbildung an der Bundeswehr-Universität inne hat, mit Blick auf die politischen Entwicklungen in der Türkei und in den USA.

„Fake News“ kommen nach Deutschland

Mit der Hochphase des US-Wahlkampfes kamen die „Fake News“. Sie geistern durchs Internet, schwappen nach Europa und kratzen stark an der Glaubwürdigkeit der Medien. „Fake News wirken wie Gift“, stellte BR-Intendant Ulrich Wilhelm klar. Er saß mit Professorin Pietraß, Stefan Winners, Vorstand bei Hubert Burda Media, und FAZ-Digitales-Chefredakteur Mathias Müller von Blumencron auf dem Podium.

Auf die Frage von Moderator und Chefredakteur BR Fernsehen, Sigmund Gottlieb, ob solche „Fake News“ auch in Deutschland, gerade in diesem Wahljahr 2017, an Bedeutung gewinnen, war die Antwort ebenso eindeutig: „Ja, auf jeden Fall“, sagte Winners. Für Müller von Blumencron aber kein neues Phänomen des digitalen Zeitalters. „Das 20. Jahrhundert war ein Zeitalter der Ideologien, geprägt von Phasen, in denen mehr geglaubt als gewusst wurde, in denen wenige Leute den Kurs bestimmt haben.“ Für ihn ist es unverständlich, nun „so zu tun, als ob das etwas ganz Neues sei“.

Soziale Medien: Plattform-Betreiber in die Pflicht nehmen

Er stellte sich auch klar gegen die Forderung von Winners und Wilhelm, die sich einen deutlich größeren Einfluss des Gesetzgebers wünschen im Kampf gegen die Verbreitung falscher Nachrichten. Wilhelm forderte schärfere Strafen für Beleidigungen und üble Nachrede im Netz und mehr Haftung für Plattform-Betreiber, die „sich auf das Argument zurückziehen: Wir sind nur eine Plattform“. 

Wenn jemand in den klassischen Medien verleumdet werde, könne er rechtlich dagegen vorgehen. „Wenn das Ganze in sozialen Netzwerken passiert, hat der Betroffene viel weniger Rechte.“ Auch Winners hat, zum Beispiel auf der Plattform Xing, die er für Burda betreut, beobachtet, dass „Kampagnen in sozialen Medien es schaffen, Unternehmen in allerkürzester Zeit in Bedrängnis zu bringen und Stimmung zu machen.“

„Schneller und aggressiver mit sozialen Medien umgehen“

Dennoch: Müller von Blumencron sträubt sich gegen ein staatliches Eingreifen, das Betreiber der Plattformen in die Pflicht nimmt. „Will ich wirklich, dass mein Beitrag vorab gefiltert wird? Nein.“ Sein Mittel im Kampf gegen Falschnachrichten: „Wir müssen lernen, schneller und aggressiver mit diesen Medien umzugehen.“

Und wie? „Beispielhaft zeigen, wie und wo mit welchen Nachrichten, Un- und Halbwahrheiten gearbeitet wird und darüber aufklären“, sagte Wilhelm. Einig waren sich die Redner, dass Kinder und Jugendliche zudem noch stärker im Umgang mit Medien geschult werden müssten.

Katzenvideos vs. kompetenter Berichterstattung

Denn die Digitalisierung fordert Medien und Konsumenten gleichermaßen. „Die Digitalisierung stellt uns Journalisten unter permanenten Zeitdruck. Es ist für uns eine Herausforderung, die wir so selten erlebt haben“, bestätigte Moderator Gottlieb. Jeder kann sich im Internet innerhalb kürzester Zeit mit einer Vielzahl an Kanälen über aktuelles Tagesgeschehen informieren – oder Katzenvideos teilen, „mit denen man immer noch mehr Klicks generiert als mit kompetenter Berichterstattung“, wie Müller von Blumencron feststellt.

Und wie viel Qualitätsjournalismus ist dann überhaupt noch möglich, wenn Katzenvideos die meisten Klicks generieren?, hakte Gottlieb nach. Er ist wichtiger denn je, darin waren sich die Redner einig. Denn er muss die schnell und überall verfügbaren Nachrichten einordnen, verifizieren, analysieren. „Die Leute wollen immer schneller wissen, was die Neuigkeiten bedeuten“, sagte der FAZ-Digitales-Chef. Gleichzeitig sind „unsere Konsumenten ungeduldiger, kritischer, unnachgiebiger geworden“, betonte Moderator Gottlieb. Auch durch falsche Nachrichten, die im Internet auftauchen. „Glaubwürdigkeit ist das zentrale Element“, um gegenzusteuern, meinte Professorin Pietraß. Wie kann diese wieder gestärkt werden? Für Müller von Blumencron ist die Antwort ganz einfach: Mit „gutem Journalismus“.

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