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Luftaufnahme aus dem Juni 1938: Die „Reichssiedlung Rudolf Hess“ in Pullach aus nordöstlicher Richtung nach Fertigstellung des ersten Bauabschnitts.

Sehr viel neues Material

Historiker lüften Geheimnisse des BND

Pullach - Seit 80 Jahren gehört das Gebiet an der Heilmannstraße zur Gemeinde und ist doch ein eigener Mikrokosmos, zu dem die Pullacher keinen Zutritt haben. Auch politische Entscheidungen, die das Weltgeschehen maßgeblich beeinflussten, sind dort gefallen.

„Achtzig Jahre Zeitgeschichte an einem Ort, wie unter einem Brennglas und mit solch vielschichtigen Überlagerungen“, das macht die Faszination an diesem Gelände und seiner Geschichte für die Historikerinnen Susanne Meinl und Sonja Neumann aus. Die vom Geschichtsforum Pullach initiierte und von den beiden Historikerinnen wissenschaftlich begleitete Ausstellung zur Geschichte des BND-Geländes wurde nun in einem Katalog dokumentiert. Dieser fand als Band sechs Eingang in die Pullacher Schriftenreihe. Die Entstehung des Katalogs ist für Meinl ein absolutes Novum: „Die offizielle Zusammenarbeit zwischen dem Bundesnachrichtendienst, der Gemeinde und dem Geschichtsforum war ein großer Schritt für alle Beteiligten.“

Im Dezember 2013 wurde die Ausstellung von 2500 Pullachern besucht (wir berichteten). Nun ist sie als offizielle Winterausstellung im Dokumentationszentrum Obersalzberg zu sehen und wird dort mit neuen Schwerpunkten einem internationalen Publikum zugänglich gemacht. Die Resonanz auf die Ausstellung sei sehr positiv gewesen, sagt Susanne Meinl. „Wir haben hinterher sehr viel neues Material von den Leuten bekommen. Und dieser Prozess hält immer noch an“. Ihre Forschungstätigkeit sei eben nicht nur durch Archivarbeit, sondern auch durch spannende, sehr persönliche Begegnungen geprägt gewesen.

So habe sie beispielsweise über zwei Jahre versucht, die Familie eines Chauffeurs in Österreich zu finden. Bei einer Führung in der Pullacher Ausstellung stand Susanne Meinl schließlich einer Frau aus dessen Familie gegenüber. Auch von ihr erhielt sie neues Material, zum Beispiel ein Foto von Gerda Bormann. Dieses neue Material ermöglichte nicht nur neue Erkenntnisse, sondern wurde auch teilweise in den Band der Pullacher Schriftenreihe integriert.

Mit viel Bildmaterial und Dokumenten zeichnet der Katalog die Geschichte des Geländes und der mit ihm verbundenen Personen nach, beginnend mit der Entstehung der „Reichssiedlung Rudolf Hess“, eine Mustersiedlung des Nazi-Regimes. Auch die Unterbringung der „Civil Censorship Division“ ab 1947 sowie anschließend der Organisation Gehlen und des Bundesnachrichtendienstes sind untrennbar mit dem Gelände verbunden. Für Susanne Meinl lieferte die Recherche zwei besonders wichtige Erkenntnisse: „Die Erkenntnis des Jahres 2013 war die Rolle, die dieser Ort im NS-Regime innehatte. Hier wurden Vorbereitungen für die Münchner Konferenz ebenso getroffen wie für die Alpenfestung. Die Erkenntnis des Jahres 2014 war die Tragweite der Civil Censorship Division.“

Der Blick zurück ist nicht genug. Von großer Bedeutung ist auch, wie es mit dem rund 68 Hektar großen Areal inmitten der Gemeinde weiter geht. Der Bundesnachrichtendienst, der nach Berlin umzieht, will etwa 15 Hektar des Geländes behalten. Ein Großteil des freiwerdenden Areals steht unter Ensembleschutz. Bürgermeisterin Susanna Tausendfreund (Grüne) kann sich dort beispielsweise die Einrichtung eines Bildungscampus, vorstellen. Doch vor dem Jahr 2023 ist nicht mit einer Umsetzung zu rechnen. Auch der Umgang mit dem geschichtsträchtigen Erbe muss bedacht werden. Für Erwin Deprosse, den Pullacher Gemeindearchivar, wäre wünschenswert, wenn im Bormannhaus nach Freigabe durch den BND ein Dokumentationszentrum errichtet wird.

Seltene Einblicke: So sieht's beim BND aus

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Heute Buchvorstellung mit Zeitzeugen

Am heutigen Montag, 17. November, wird der sechste Band der Pullacher Schriftenreihe „Pullach, Heilmannstraße“ um 17.30 Uhr im Bürgerhaus der Öffentlichkeit vorgestellt. Dort werden auch zwei Zeitzeugen sprechen. „Vor zwei Jahren hätte ich eine solche Veranstaltung mit zwei Zeitzeugen auf der Bühne nicht für möglich gehalten,“ freut sich Historikerin Susanne Meinl. „Das ist ein Zeichen des Wandels, der in der Gemeinde zu beobachten ist. Das wichtigste Ergebnis der Ausstellung ist die Kommunikation, die dadurch in Gang gekommen ist.“ Auch die Autoren stehen an diesem Abend zur Diskussion zur Verfügung.

mel

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