Zuhören und gehört werden, das war das Ziel aller Beteiligten am Runden Tisch: (v.l.) Peter Kloeber, Elke Essmann, Bernhard Rückerl (Leiter des Pullacher Umweltamtes), Martin Kiechl, Jürgen Weiß und Andreas Most.
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Zuhören und gehört werden, das war das Ziel aller Beteiligten am Runden Tisch: (v.l.) Peter Kloeber, Elke Essmann, Bernhard Rückerl (Leiter des Pullacher Umweltamtes), Martin Kiechl, Jürgen Weiß und Andreas Most.

Runder Tisch

Umstrittener Umbau bei United Initiators: Antworten auf die drängendsten Fragen

  • VonAndrea Kästle
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Die Umbaupläne des Chemieunternehmens United Initiators in Pullach bereiten den Kritikern auch weiterhin Sorgen. Viel zu viel wurde in der Vergangenheit übereinander statt miteinander gesprochen. Der Münchner Merkur hat jetzt Vertreter der Gemeinde, der Agenda 21, des Bund Naturschutz und des Isartalvereins an einem Tisch zusammengebracht, um über die strittigsten Punkte zu sprechen. 

Pullach – Die Pläne von United Initiators, in Pullach das bestehende Werk umzustrukturieren, bewegen in der Gemeinde weiterhin die Gemüter – und werden mit Sicherheit bald wieder auf der Tagesordnung des Gemeinderats stehen. Erneut wird es dann um die Fragen gehen, ob man nicht einen Teil des Industriegebiets zurückwidmen kann als Gewerbefläche, ob „Big Wings“, wie die Bauvorhaben firmenintern genannt werden, nicht auch möglich ist, ohne das Wäldchen im Süden anzutasten, wie auszuschließen ist, dass die Produktion von Gefahrgütern vor der Haustür ständig zunimmt.

Der Münchner Merkur hat alle Beteiligten von Agenda 21, dem Isartalverein, dem Bund Naturschutz, der Gemeinde und der Firma jetzt an einen Tisch gebracht. Zu den wichtigsten Diskussionspunkten haben Vertreter der Gemeinde nun direkt Stellung genommen.

Dreh- und Angelpunkt der Bedenken ist die potentielle Baurechtsmehrung, die das Bauleitverfahren angeblich bringen könnte. Dabei geht es vor allem um zwei Gebiete im Westen des Firmenareals, die bislang Gewerbegebiet waren und künftig Industriegebiet sein sollen. Warum nimmt die Gemeinde diese Umwandlung überhaupt vor?

Jürgen Weiß, Leiter der Pullacher Bauverwaltung: Das Areal ist ein homogenes Werksgelände, es macht Sinn, es auch als solches zu überplanen. Damit in den zwei umstrittenen Gebieten eben nicht alles möglich ist, haben wir dort Nutzungsbeschränkungen festgeschrieben.

„United stellt rund 1000 verschiedene Halbfertigprodukte her, und die Schwerpunkte der Produktion ändern sich ständig. Da Obergrenzen festzulegen für die Herstellung würde die Beteiligten komplett überfordern“, sagt Andreas Most, Zweiter Bürgermeister.

Trotz dieser Nutzungsbeschränkungen können dort künftig nicht nur Büros und Laboreinrichtungen entstehen, sondern auch Produktionsanlagen, außerdem „Lagerhäuser und Lagerflächen“. Das irritiert.

Jürgen Weiß: Die Frage nach der Art der baulichen Nutzung wird mit im Moment neu diskutiert. Man muss aber wissen, dass auch in den potenziell möglichen Produktionsanlagen dann nicht alles produziert werden darf. Was produziert werden darf, sind Dinge, die zum Versand gebraucht werden, also Kanister und Gebinde – und genau das scheint United Initiators wichtig zu sein.

Aber wer garantiert, dass dort nicht doch eines Tages auch Chemikalien hergestellt werden?

Jürgen Weiß: Wir prüfen gerade, ob man zu den Produktionsanlagen Vorgaben im städtebaulichen Vertrag machen kann.

Eine weitere Möglichkeit wäre, die Produktionsanlagen unter die Nutzungsbeschränkungen einzureihen.

Jürgen Weiß: Genau, das müsste aber der Gemeinderat entscheiden.

Wäre es prinzipiell vorstellbar, diese Bereiche im Westen, die zusammen 25 000 Quadratmeter umfassen, wieder zurück zu widmen in Gewerbeflächen, in denen prinzipiell weniger erlaubt ist?

Jürgen Weiß: Das ist theoretisch vorstellbar, würde aber ebenfalls einen Gemeinderatsbeschluss voraussetzen. Das hieße auch, dass im Planungsverfahren eine Schleife mehr gedreht werden müsste. Ich will aber auch klarstellen, dass die momentane Festsetzung als nutzungsbeschränktes Industriegebiet ja einstimmig vom Gremium mitgetragen worden ist.

Fazit der Teilnehmer

Elke Essmann, Vorsitzende der Ortsgruppe des Bund Naturschutz:

Wir vom Bund Naturschutz sind mit dem, was von unseren Anliegen berücksichtigt worden ist, eigentlich ganz zufrieden. Ein Naturgutachter hat detailliert festgehalten, was alles getan werden muss, um den Tierarten, die im Wäldchen vorkommen, Ersatzquartiere anzubieten.“

Martin Kiechl, Vorsitzender des Isartalvereins:
„Ich bin weiterhin dafür, dass die ehemaligen Gewerbegebiete wieder Gewerbegebiete werden. Ich hoffe ansonsten, dass der städtebauliche Vertrag als Königsweg wirklich funktioniert.“

Peter Kloeber, Agenda 21:
„Die Richtung, die das Ganze nimmt, ist gut. Uns wäre noch wichtig, dass wirklich Transporte auf die Schiene verlagert werden. Gleichzeitig sollte man mal die Schadstoffe auf der B 11 eine Weile messen - um zu sehen, ob sich durch United dort die Luftqualität verschlechtert.“

Andreas Most, Zweiter Bürgermeister von Pullach (Pullach Plus):
„Wir reagieren mit dem Bauleitverfahren auf einen Antrag, den das Unternehmen gestellt hat. Wir interpretieren dabei nicht, was die Firma unter Umständen machen könnte. Einfluss auf die Zukunft des Areals wollen wir jetzt vor allem über den städtebaulichen Vertrag nehmen, dafür spielt es eigentlich keine Rolle mehr, ob Teilbereiche Gewerbe- oder Industriegebiet sind.“

Jürgen Weiß, Leiter der Pullacher Bauverwaltung:
„Ich bin seit 2004 bei der Gemeinde, wir haben seither über 40 Bauanträge von United bekommen. Alle wurden einstimmig im Gemeinderat genehmigt. Es ist jetzt das erste Mal, dass die Gemeinde sich überhaupt eingespreizt hat in ein Genehmigungsverfahren - eben genau, um zusammen mit der Öffentlichkeit und mit dem Unternehmen gestalterisch mitwirken zu können an ,Big Wings’.“

Was für eine Relevanz hat letztlich der städtebauliche Vertrag? Ist der in allen angeführten Punkten dann auch rechtlich bindend - oder kommt er eher einer Absichtserklärung gleich?

Jürgen Weiß: Der Vertrag wird dann herangezogen, wenn weitere Genehmigungsverfahren anstehen, er wird die Grundlage dafür sein, was die Gemeinde auf dem Gelände letztlich zulässt. Aber man muss aber auch realistisch sein: In diesem Vertrag kann man nur regeln, was rechtlich auch möglich ist.

Ist es denn etwa möglich, wie in der Bürgerinfo-Veranstaltung von einem Besucher vorgeschlagen, in dem Vertrag Obergrenzen für die Produktion festzusetzen?

Jürgen Weiß: Das wird von uns auf jeden Fall auch geprüft. Insgesamt muss man aber wissen, dass die Firma auch schon jetzt, vor dem aktuellen Bauleitverfahren, ihr Baurecht auf dem Areal noch längst nicht ausgeschöpft hat. Andreas Most: Dass eine Gemeinde Einfluss nimmt auf die Produktionsmengen eines marktwirtschaftlich orientierten Unternehmens - das käme für mich einer Enteignung gleich.

„Der Isarhang ist Trinkwasser-Reservegebiet der Gemeinde. Wenn United dort weiter Wasser entnimmt, hätten wir unter Umständen, wenn mal Mangel herrscht, keine Reserven mehr“, sagt Peter Kloeber von der Agenda 21

Ein Thema ist auch das Wasser, die Agenda 21 fordert etwa, dass Kühlwasser nicht aus den sensiblen Isarhängen entnommen wird, sondern komplett aus dem Kanal.

Andreas Most, Zweiter Bürgermeister (Pullach Plus): Dass United Initiators an den Isarhängen Wasser entnehmen darf, geht zurück auf eine Vereinbarung, die unter Bürgermeister Detig getroffen worden ist. Das Ganze hat ökonomische Gründe, es kostet einfach weniger Energie, das Wasser den höher gelegenen Hangquellen zu entnehmen. Man muss es nicht so weit raufpumpen. Im übrigen ist das Wasser, das zurückfließt, sauberer als das Wasser, das entnommen wird.

Aber es wird nicht an den Stellen wieder eingeleitet, an denen es entnommen wurde.

Andreas Most: Das macht für den Isarhang keinen Unterschied. Letztlich, auch das will ich noch sagen, beträgt die Erwärmung des Isarkanals an der Stelle, an denen das Wasser zurückfließt, 0,4 Grad.

Wie lange darf denn United Initiators noch Wasser vom Hang entnehmen?

Andreas Most: Es wird bei der Kombi bleiben, dass United einen Teil des benötigten Wassers aus den Isarhangquellen und aus dem Kanal entnimmt. Dafür werden weitere Auflagen dazukommen im städtebaulichen Vertrag, die die CO2-Bilanz der Gemeinde erheblich verbessern.

„Ich kann nicht nachvollziehen, warum man Teilgebiete im Bauleitverfahren erst in Industriegebiete umwandelt - um dann dort die Nutzung zu beschränken. Besser wäre doch, die Gebiete gleich als Gewerbegebiete zu belassen“, sagt Martin Kiechl, Vorsitzender des Isartalvereins.

Wie umfangreich wird eigentlich der Vertrag werden – und gibt es dafür eine Matrix?

Andreas Most: Ich gehe von 100 bis 150 Seiten aus. Für 90 Prozent von dem, was im Vertrag geregelt werden wird, gibt es keine Matrix.

Ein Aspekt, über den viel gestritten wird, ist das Wäldchen im Süden, das für Big Wings gerodet werden soll. Wie ist es jetzt eigentlich mit dem Baurecht dort: Könnte das zurückgenommen werden?

Andreas Most: In dem Moment, in dem ein Unternehmen bestehendes Baurecht in Anspruch nehmen will, was mit den Bauanträgen von 2019 ja passiert ist, wird eine Kommune entschädigungspflichtig. Die Summen, die da fällig werden, bewegen sich zwischen ein paar 100.000 Euro und sieben-, achtstelligen Beträgen. Ich glaube, dass das sehr schwierig werden würde.

Noch kurz zum Bürgerentscheid, der in Pullach ja angestrebt wird. Sollten der durchgehen: Gibt es denn überhaupt etwas, was die Gemeinde noch tun könnte, um die Expansion von United zu stoppen, wie es in der Fragestellung heißt?

Andreas Most: Ich habe keinen blassen Schimmer, was die Gemeinde eigentlich machen soll, wenn der Entscheid durchgeht. Letztlich tun wir schon alles, um eine Expansion von United zu verhindern. Was erstmal käme, wäre eine Einstellung des Verfahrens. Wenn dann der alte Zustand wiederhergestellt würde, bedeutete das eine Verschlechterung der Situation für die Pullacher. Diese Verzögerungen würden uns überhaupt nicht weiterbringen!

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