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Das Prunkstück der Anlage war der Monopteros.

Der Gründer von Höllriegelskreuth

Verwunschene Anlage bei Pullach entdeckt:  Das Steinmetz-Genie und sein Märchenpark

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Ein kurioses Kleinod feiert in Pullach Auferstehung: Im 19. Jahrhundert legte Franz Höllriegel, Steinmetz und Künstler, dort vor den Toren Münchens seinen ganz eigenen Englischen Garten an. 

Ein Portrait von Franz Höllriegel hängt im Pullacher Rathaus.

Pullach – Er war der „Steinmetz des Königs“.  Hatte in Stuttgart seinen Meister gemacht, kam auf Empfehlung des Innenministers von Bayern nach München. Ab 1822 arbeitete er zusammen mit Leo von Klenze für Ludwig I. und prägte den Klassizismus in der Stadt entscheidend mit: Bauten wie die Glyptothek, der Marstall, die Ludwigstraße, die Alte Pinakothek – sie alle tragen auch seine Handschrift. Ab Mitte der 30er-Jahre des 19. Jahrhunderts ließ sich Franz Höllriegel im Isartal nieder – wo er am linken Hochufer einen Steinbruch betrieb, ein Wohnhaus baute und daneben einen kleinen Park anlegte. Mit Monopteros, Mariensäule, Andachtskreuz und einer kleinen Kapelle. Was nach zwei Weltkriegen von diesem einzigartigen Ensemble des Gründers des nach ihm benannten Ortsteils Höllriegelskreuth übrig geblieben ist, hat die Gemeinde jetzt mit Schautafeln versehen – der Höllriegel-Park feiert seine Auferstehung.

Über ein Jahrhundert zugewachsen

Dabei wusste über 100 Jahre lang kaum jemand, was sich da zwischen dem Pullacher Gewerbegebiet und dem Isarkanal verbirgt. Weil Höllriegels Park, der für ihn wohl auch eine Schau- und Ausstellungsfläche war, einfach zugewachsen war. Erst als nach einem Sturm im Jahr 2003 der Wald ausgeholzt werden musste, entdeckte man die teils erhaltenen Skulpturen und die Fundamente der einstigen Gebäude. 

Vom Monopteros existiert nur noch das Fundament.

Die Landschaftsarchitektin Lea M. Zapf schrieb damals ihre Diplomarbeit über diesen einzigen Englischen Garten vor den Toren Münchens. Er stellt auch deshalb ein Kuriosum dar, weil die Objekte, die Höllriegel dort in Zeiten der Aufklärung platzierte, zum Teil religiös motiviert waren. Und irgendwann setzten sich auch Pullacher Bürger, allen voran der Architekt Justus Thyroff, dafür ein, dass die Gemeinde der eigenwilligen Anlage mehr Beachtung schenkt. Nur konnte sie damals noch nicht aktiv werden. Das hat sich diesen Sommer geändert, als Pullach 55 Hektar Isarhang erworben hat und so Eigentümerin des Parks wurde.

Historische Ansichten zeigen: Es war ein Park, kein Wald

Obwohl davon nicht mehr viel übrig ist, weiß man, wie er zu Höllriegels Zeiten aussah. Dank historischer Postkarten und weil ein historischer Plan der Anlage überliefert ist. Wer sich die Wirkung des Natur- und Kunstensembles vorstellen will, muss bedenken, dass es, als der Steinmetz hier tätig war, den Kanal noch nicht gab. Dass damals auch die Grünwalder Brücke samt den zur Brücke führenden Straßen noch nicht existierte. „Der Park ging über die Dr. Carl von Linde-Straße hinaus“, sagt Justus Thyroff. Geprägt war das Areal von baumbestandenen Buckelwiesen. Ein Park eben, kein Wald wie heute, was bedeutete, dass der Betrachter von einem Objekt zum anderen blicken konnte.

Der Architekt Justus Thyroff macht sich für die Wiederbelebung des Höllriegel-Parks stark.

Wer damals auf dem kleinen Tempelchen stand, errichtet auf einem 20 Meter hohen Nagelfluh-Sporn, hatte nicht nur „das ganze Isartal in seiner Schönheit vor sich liegen“, so schreibt es Lea Zapf. Sondern er sah auch gegenüber die Burg Grünwald – und konnte im Norden die Burg Schwaneck ausmachen, an der der von König Ludwig I. zum Ritter erhobene Künstler Ludwig von Schwanthaler gerade baute. Diejenigen, die den Park als Kuriosum erkannt haben, wünschen sich, dass diese Blickachsen wieder herausgearbeitet werden. Die Naturschutzbehörde hört das weniger gern. Thyroff dagegen sagt: „Wald hat es hier haufenweise, Park nur einen.“

250 Arbeiter werkten für Höllriegel im Steinbruch

Franz Höllriegel, das erzählt der engagierte Architekt bei einem Rundgang von Objekt zu Objekt beziehungsweise von Objekt zu Ruine, war nicht nur einer der prominentesten Handwerker seiner Zeit. Er war auch ein guter Geschäftsmann. In seinem Steinbruch unten am Fluss, in dem Nagelfluh abgebaut wurde, beschäftigte er bis zu 250 Arbeiter. Sie musste er auch verköstigen und unterbringen; zum Teil wohl in einem mehrflügligen Anwesen mit Stallungen, das er schon 1848 hatte hochziehen lassen. Es existiert bis heute und steht inzwischen unter Denkmalschutz: der Brückenwirt. Dort verbrachte der fromme Steinmetz, der in München zwei Werkstätten unterhielt, auch selbst gern die Sommer mit seiner Frau und den zwölf Kindern.

Die in den 1830ern erbaute Kapelle (darunter) mit Aussichtsplattform.

Das erste Gebäude, das Höllriegel 1835 in seinem kleinen Englischen Garten errichtete, war die Kapelle Sie ist das einzige erhaltene Bauwerk der ganzen Anlage und steht unweit des heutigen Brückenwirt-Biergarten. Innen versah er das kleine Gotteshaus mit einem blauen Sternenhimmel. Zwei anrührende Reliefs, die beide den leidenden Jesus zeigen, verzieren das Kirchlein. Direkt davor legte der Steinmetz-Unternehmer eine heute weitgehend zerfallene Aussichtsplattform an, geschmückt mit einer steinernen Vase, zwei Putten und Bänken.

Andachtskreuz und Bierhütte

Bis zu seinem Tod 1858 erweiterte Höllriegel den Park dann stetig. Dazu kam unter anderem ein Ensemble mit einem drei Meter hohen Andachtskreuz samt gusseisernem Jesus und Betbänken. Und der alles andere überragende Monopteros. Von ihm ist heute auch nur noch das Fundament erhalten. Schließlich entstand irgendwann noch eine offenbar zweigeschossige „Bierhütte“, von der nur noch eine Wand erhalten ist. Offen bleibt, ob sie zur Aufbewahrung von Lebensmitteln diente oder ein Atelier war – oder ob sogar dort der Steinmetz und sein König, der ihn ja ab und an besucht haben soll, zusammensaßen. Zuletzt, in seinem Todesjahr, errichtete der Handwerker und Künstler noch eine Mariensäule, neben der im Krieg ein Querschläger einschlug. Seither ist die Statue verschollen, die Stele brach auseinander – und wurde erst nach 2003 wieder aufgestellt.

Nach Höllriegels Tod verkaufte einer seiner Söhne das Areal bis auf Haus und Park. In den 80er-Jahren ließ sich nahe dem ehemaligen Steinbruch der Maler und Lebensreformer Karl Wilhelm Diefenbach für eine Weile nieder. Der Vegetarier und Anhänger der Freikörperkultur hieß im im Volksmund auch „Kohlrabi-Apostel“. Höllriegel, der „Steinmetz des Königs“, wurde auf dem Südfriedhof beerdigt. Weil er auch Ehrenbürger von Pullach war, legt die Gemeinde an seinem Grab jedes Jahr zu Allerheiligen einen Kranz ab.

Wiedereröffnung

Der Höllriegel-Park wird am Donnerstag, 14. November wiedereröffnet. Um 11 Uhr kann sich, wer will, von Justus Thyroff und Lea M. Zapf durch die ehemals so besondere Anlage führen lassen.

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