Ausverkauft! Bei Edeka Simmel in Unterhaching gab’s am Freitag kein Klopapier mehr. Den Ansturm darauf können sich weder Junior-Chef Andreas Simmel (r.) noch Marktleiter Nico Gehlert erklären.
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Ausverkauft! Bei Edeka Simmel in Unterhaching gab’s am Freitag kein Klopapier mehr. Den Ansturm darauf können sich weder Junior-Chef Andreas Simmel (r.) noch Marktleiter Nico Gehlert erklären.

Hamsterkäufe wegen Coronavirus

Kampf ums Klopapier: Edeka-Chef greift zu drastischer Maßnahme - „Eine Riesensauerei“

  • Martin Becker
    vonMartin Becker
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Das Coronavirus hat überall Einfluss - auch beim Einkauf. Im Internet wird nun überteuertes Klopapier zum Kauf angeboten. Ein Edeka-Chef greift jetzt dagegen durch.

  • Seit Beginn der Corona-Krise kaufen die Menschen wir verrückt Klopapier.
  • Daraus wollen dreiste Menschen nun ein Geschäft machen.
  • Im Internet bieten sie ihre Hamstervorräte an Klopapier überteuert an.
  • Ein Edeka-Chef greift jetzt durch.

Unterhaching/Pullach – Die Regale daheim: nach einem mehrwöchigen Urlaub in Neuseeland: leer. Also wollten Bernhard und Elisabeth Schweiger aus Unterhaching sich nach der Heimkehr mit dem Nötigsten versorgen. Bei Edeka Simmel im Gewerbegebiet am Grünwalder Weg kaufte das Ehepaar, 68 und 67 Jahre alt, ein: Tomaten, Mozzarella, Schinken, Waschpulver, Fleisch, Basilikum. „Und eine Packung Küchenkrepp mit zwei Rollen“, berichten die Eheleute. Damit begannen die Probleme.

Corona-Krise: Edeka-Chef greift durch - Klopapier erst ab 25 Euro 

An der Kasse nämlich wurden die beiden Senioren von einer Edeka-Mitarbeiterin gestoppt. Wegen der Coronakrise würden Toilettenpapier und Küchenrollen rationiert – man dürfe pro Einkauf nur eine Packung mitnehmen, und der Mindesteinkaufswert müsse bei 25 Euro liegen. Die Rechnung der Schweigers summierte sich aber nur auf 15,42 Euro. „Also wurde uns die Küchenrolle an der Kasse wieder abgenommen. „Wir waren total baff“, berichtet Elisabeth Schweiger dem Münchner Merkur. „Wir empfinden dies als Skandal. Man wird somit gezwungen, mehr einzukaufen als man benötigt. Unseres Erachtens wird hier mit der Corona-Krise Profit gemacht.“

Nur ab einem Mindesteinkaufswert von 25 Euro gibt es eine Packung Klopapier oder Küchenrolle. An dieser Regelung im Simmel-Edeka stören sich viele Kunden.

Mit ihrem Ärger sind die Schweigers nicht allein: Kurt Hoffmann aus Taufkirchen ist das Gleiche widerfahren. „Dass als Maßnahme gegen Hamsterkäufe die Abgabe von Toilettenpapier, Küchenrollen oder Papiertaschentücher rationiert werden, ist nachvollziehbar“, findet er. „Aber ob das in Kombination mit einem Mindesteinkauf von 25 Euro rechtens ist?“ Auch der Edeka Simmel in Pullach handhabte dies so.

Klopapier in der Corona-Krise: Edeka-Chef entsetzt: “Wie in Kriegszeiten“

Inzwischen hat sich Peter Simmel (60), Chef der nach ihm benannten Edeka-Märkte, eingeschaltet und die Vergabepraxis beim Klopapier ändern lassen. „Diese Einzelfälle tun mir aufrichtig leid“, sagt er auf Nachfrage des Münchner Merkur. „Menschlichkeit hat immer Vorrang.“ Aber es gelte auch, in der Corona-Krise begehrte Güter wie Toilettenpapier gerecht zu verteilen. Und das nicht einfach.

Peter Simmel wählt drastische Worte. „Es ist ein Schwarzmarkt. Wie in Kriegszeiten.“ Die Ware: Klopapier. Die Maßnahme, nur eine Packung pro Einkauf zuzulassen, habe nicht gefruchtet. „Manche Leute sind zehn Mal und öfter reingegangen, haben sich immer an einer anderen Kasse angestellt und so lange Klopapier gekauft, bis ihr Auto randvoll gestopft war.“ Mit Hamsterkäufen habe das nicht mehr zu tun, vielmehr stecke dahinter die perfide Masche, die Verunsicherung normaler Kunden auszunutzen, Ihm sei zugetragen worden, sagt Peter Simmel, dass „im bayerischen Oberland“ jemand eine Garage randvoll mit Klopapier und Konservendosen befüllt habe, um diese Güter zu Wucherpreisen über Plattformen wie Ebay oder Amazon zu verkaufen.

+++Ottobrunner Rathausmitarbeiter unter Quarantäne+++

Nach Maßnahmen von Edeka-Chef in Corona-Krise: Zuspruch von Kunden

„Die Lage der Menschen in der Coronakrise wird ausgenutzt. Sowas ist eine Riesensauerei“, sagt Peter Simmel. Sein Sohn Andreas ergänzt: „Um diesem Verhalten einen Riegel vorzuschieben, haben wir den Mindesteinkaufswert von 25 Euro ausgegeben. Unser Ziel ist es nicht, zu profitieren, sondern jedem Kunden Klopapier verfügbar zu halten. Auch die Kunden, die für 200 Euro einkaufen, erhalten nur eine Packung.“

Einkaufen muss jeder. Ach die Bundeskanzlerin wagte sich am Samstag ins Getümmel eines Berliner Supermarkts - und kaufte Toilettenpapier.

Die Simmels erhalten für diese Maßnahme durchaus auch Zuspruch. Als Google-Rezension hat ein Kunde zur Lage in Unterhaching geschrieben: „Ich finde es super. Manche Kunden sind einfach unverschämt. Macht bitte 30 Euro Mindesteinkauf, so kann jeder Toilettenpapier bekommen dank euch.“ Und in einem Facebook-Post heißt es zur Simmel-Praxis: „Wenn das jedes Lebensmittelgeschäft in Deutschland bzw. weltweit so umsetzen würde, gäbe es keine leeren Klopapierregale. Denn was der Mensch an Lebensmitteln zu sich nimmt, kommt ja unten wieder raus. Das Umsetzungsverhältnis von 25 Euro Lebensmitteln zu einer Packung Klopapier ist sehr großzügig bemessen.“

Während die Supermärkte leergekauft werden, kämpfen viele kleine Betriebe und Gastronomien bereits jetzt ums Überleben. Der emotionale Aufruf eines Hannoveraner Bäckers rührte nun viele Menschen zu Tränen. Ministerpräsident Söder reagierte sofort.

+++Ayinger Brauerei verzichtet auf Pacht, um Wirte in der Coronakrise zu unterstützen+++

Corona-Krise und Klopapier-Käufe: Edeka-Chef muss neue Regeln einführen

Dass die Unterscheidung zwischen normalen und „bösen“ Kunden schwierig und auch mit der 25-Euro-Regel schwer kontrollierbar ist, hat Peter Simmel mittlerweile eingesehen. Deshalb gilt ab sofort ein neues Prozedere: Toilettenpapier und Küchenrollen werden nur noch an der Kasse direkt vom Personal ausgegeben – über die persönliche Gesichtserkennung sollen damit notorische Wiederholungstäter entlarvt werden.

Ob dies den Kleinkrieg ums Klopapier beendet? „Meine Mitarbeiter werden teils unter der Gürtellinie beschimpft, mein Team leidet furchtbar unter diesen Diskussionen – viele arbeiten an der physischen und psychischen Belastungsgrenze“, sagt Peter Simmel. „Es ist grenzwertig.“ Er wünscht sich in der Corona-Krise Augenmaß beim Einkauf, denn normalerweise wäre genug Klopapier für alle da.

Übrigens, bei der Familie Schweiger hat sich Peter Simmel persönlich entschuldigt. Elisabeth Schweiger nimmt die Sache inzwischen mit Humor: „Wir wagen einen neuen Versuch, um ein bis zwei Röllchen zu erwischen.“

Welche Dimensionen die Hamsterkäufe bei Klopapier angenommen haben, zeigt ein Bild, das im Netz aufgetaucht ist.

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