„Nicht viele Gemeinden stellen so ein Programm auf die Beine“: (v.l.) Bürgermeisterin Susanna Tausendfreund mit Verfassungsrichter Peter Michael Huber und den Mitgliedern des Festkomitees der Gemeinde, Renate Grasse, Andreas Most, Johannes Burges, Holger Ptacek und Johannes Schuster.

70 Jahre Grundgesetz

Dieses Gesetz hat viel ausgehalten

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Auf der Bühne im Bürgerhaus: die europäische, deutsche, Pullacher Fahne. Ein Flügel, ein Rednerpult, Blumen: Die Gemeinde hat jetzt in sehr feierlichem Rahmen ihre Festwoche „70 Jahre Grundgesetz“ eröffnet. Highlight der Veranstaltung: der Vortrag von Professor Peter Michael Huber, der Verfassungsrichter ist und in Pullach wohnt.

Pullach– Dass die Gemeinde Pullach sich diese Festwoche, die am Samstag weitergeht mit einem umfangreichen Musikprogramm ab 16 Uhr (15 Bühnen, 24 Bands) und einer Lesung am Dienstag drauf mit Georg M. Oswald, Jurist und Schriftsteller: Das ist wirklich etwas ganz Besonderes. Im Landkreis München einmalig, aber auch sonst bayernweit nicht so schnell zu finden in dieser Form. 20 000 Euro hat sich die Gemeinde die Sache kosten lassen. Man wolle, meinte Bürgermeisterin Susanna Tausendfreund (Grüne), „voller Freude und ausgelassen“ feiern, gleichzeitig „in Dankbarkeit, Stolz und Verantwortung“ zurückblicken darauf, wie das Grundgesetz überhaupt entstanden ist – nach zwölf Jahren schlimmster Diktatur. Die Pullacher Rathauschefin, selbst bekanntlich Juristin, mahnte in diesem Zusammenhang: „Das Grundgesetz ist nicht als etwas Selbstverständliches zu betrachten.“

Nationalhymne in Variationen

Der Abend im Pullacher Bürgerhaus war voll ausgebucht. Es fand sich kaum ein freier Platz mehr im Saal. Die Leute festlich gekleidet; durch den Abend geführt hat Kabarettist Tom Wende, der verschiedene Varianten der Nationalhymne, die bekanntlich aus der Feder eines Österreichers stammt, auf dem Klavier vorspielte. Mal fetzig im Boogie-Woogie-Rhythmus, mal schmachtend als Tango, mal verspielt – und mal so, wie man sie kennt. Als er dann den Vortragsredner ankündigte, versprach er sich, sagte aus Versehen „Meier“ statt Huber – was dann der Running Gag des Abends geworden ist und zeigte, dass bei aller Festlichkeit auch der Humor nicht hinten runterfiel. Auch Tausendfreund griff den Witz in ihrer Rede auf, und Huber meinte, ehe er anfing: „Ich bin, was meinen Namen angeht, nicht empfindlich. Für meinen Lehrer war ,Huber‘ ohnehin mehr ein Sammelbegriff.“

Wochenschau-Zusammenschnitte

Vorausgegangen war seinen Ausführungen noch ein Zusammenschnitt aus damaligen Fernsehberichten. Johannes Schuster von der WiP, Mitglied im Festkomitee, das die Feierwoche organisiert hat und dem Vertreter aller Parteien angehörten, hatte verschiedene Beiträge aus der damaligen „neuen deutschen Wochenschau“ zusammengeschnitten. Jetzt saß man vor der Riesenleinwand, sah im strömenden Regen die Deutschen, als sie noch keine Bundesbürger waren, wie sie am 18. Juni 1948 anstanden fürs neue Geld; wie sie, jedenfalls in Bayern, wieder im Regen am 14. August 1949 den ersten Bundestag wählten. Wie dazwischen im August 1948 der Konvent auf der Insel Herrenchiemsee die Beratungen übers Grundgesetz aufgenommen hatte, wie dann die über 140 Artikel samt Präambel durch den Parlamentarischen Rat am 8. Mai 1949 angenommen worden sind.

Höhepunkte der Geschichte

Hubers Vortrag: hoch informativ, lehrreich, ausführlich. Er meinte, das Grundgesetz habe sich als „flexibel genug erwiesen, um all die Veränderungen, die in den letzten 70 Jahren passiert sind, aufzufangen“. Die Wiederbewaffnung war mit unserer heutigen Verfassung, zu der das Grundgesetz ja erst nach 1989 wurde, ebenso zu machen wie es die Notstandsgesetze waren, die Ostpolitik Brandts, der Ausstieg aus der Kernenergie. Und dann natürlich die Wiedervereinigung.

Grundrechte im Mittelpunkt

Dabei habe diese theoretische Grundlage unseres Rechtsstaates, die die Grundrechte in den Mittelpunkt rückt und Gesetzgebung, Rechtsprechung und vollziehende Gewalt an sie bindet, das bisherige Rechtsverständnis „vom Kopf auf die Füße“ gestellt. Weil man jetzt nicht mehr „von oben“ auf den Einzelnen blickte, sondern weil jetzt der Staat „um der Menschen willen da sein sollte“. Menschenwürde, Freiheit, Gleichheit vor dem Gesetz: ist seither alles garantiert – auch wenn die Umsetzung dieser Grundsätze manchmal noch ein wenig hinterherhinkte.

Kein Selbstläufer

Huber, dessen kundige Ausführungen eine Mischung waren aus Nachhilfe in Sozialkunde und Plädoyer dafür, sich einzusetzen für die Demokratie, sagte, unser Grundgesetz sei ein „Living Instrument“, aber kein Selbstläufer. Das Bundesverfassungsgericht, dem er seit neun Jahren angehört, habe als unabhängiges Staatsorgan, das aber auch Teil der Judikative ist, manchen Konflikt mit Regierungen bestehen müssen. Sätze wie den vom legendären SPD-Fraktionschef Herbert Wehner: „Wir lassen uns doch nicht von diesen Arschlöchern in Karlsruhe unsere Ostpolitik kaputtmachen“ saß und hielt man aus.

Langer Applaus. Dann standen die Besucher noch eine gute Weile beieinander. Freuten sich auf das Musikprogramm am Samstag. Und blätterten in den Heftchen, die im Foyer auslagen. Es handelte sich dabei – genau: um das Grundgesetz mit dem berühmten ersten Satz, Artikel eins: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

Lesen Sie auch: Steinmeier: Grundgesetz muss stärker in die Köpfe der Bürger.

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