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Gerry Walter, hier in jungen Jahren als US-Soldat, würde gern die Familie seines Retters finden.

Flugzeugabsturz 1944 im Forstenrieder Park

US-Soldat sucht seine Retter

Pullach - Am 19. Juli 1944 stürzt die amerikanische "Flying Junior" im Forstenrieder Park ab. Bauern retten den Überlebenden Gerry Walter vor hasserfüllten Nazis. Nun sucht er die Familie seiner Retter. Denn eine Begegnung wird er nie vergessen.

Gerry Walter, wie auch der ermordete James Malcolm Greene, kam mit seinem Fallschirm in einem Feld irgendwo zwischen Solln und Neuried auf. Und dort wurde er gefunden von Bauern, die sahen, wie verletzt er war. Die ihn mit zu sich nahmen. Die ihn verarzteten, dann einen Platz in einem nahegelegenen Krankenhaus für ihn organisierten. Und die ihm, ehe sie ihn dann dorthin brachten, ihr wenige Monate altes Baby in den Arm legten. 

Zu elft waren sie in der Maschine gesessen, die Amerikaner, sie nannten den Flieger vom Typ Liberator „Flying Junior“. Sieben bis acht Mitglieder der Crew, sagt die Historikerin Susanne Meinl, die zusammen mit Markus Mooser die Hergänge an diesem Tag akribisch recherchiert hat, haben den Absturz überlebt. Vier kamen in der Nähe der Forstenrieder Flak auf und wurden dort gefangen genommen. Drei sind im weiteren Umkreis gelandet.

Greene, der vergeblich bei Ortsgruppenleiter G. um sein Leben gefleht hatte, wurde mit sechs Schüssen niedergestreckt. Richard G. Travers, ein weiterer Kamerad, wurde in Solln von hasserfüllten Zivilisten aufgegriffen, die ihn drangsalierten, ihm die Zigarette aus dem Mund schlugen, ihn mit Gewehrkolben prügelten und traten. Bis ein mutiger Medizinstudent dazwischenging. 

Der dritte ist Gerry Walter. Weil sie glaubt, dass 70 Jahre nach Kriegsende eine Versöhnung möglich sein kann zwischen den Nachkommen der Opfer und denen der Täter, hat Susanne Meinl, unterstützt von Markus Mooser, nicht nur die Ereignisse dieses dramatischen 19. Juli 1944 rekonstruiert. An dem die Amerikaner mit 800 Bombern Luftangriffe auf Rüstungsbetriebe in Allach und Höllriegelskreuth geflogen hatten. Sie hat sich auch mit den Nachkommen aller Beteiligten in Verbindung gesetzt.

US-Soldat erfährt von Historikern die ganze Wahrheit

Gerry Walter erfuhr vom deutschen Historikerteam, dass stimmte, was er 1945 gerüchteweise gehört hatte: Dass er nicht der einzige Überlebende der „Flying Junior“ war. Er ist heute mit 92 Jahren allerdings das einzige Besatzungsmitglied, das noch lebt. 

Sein ganzes Leben hat Gerry Walter nicht über seine Kriegserlebnisse gesprochen. Bis er im Jahr 2011 einer Veteranen-Organisation doch ein Interview gab, das auch gefilmt wurde. Dabei berichtete er erst von seinen Einsätzen in Libyen und Italien. Kam dann auf den 19. Juli 1944 zu sprechen. Und fing an zu weinen.

Er war damals noch in der Maschine ohnmächtig geworden. Ein Freund, vielleicht James Greene, vielleicht Travers, schubste ihn aus dem Flieger. Zog auch seinen Fallschirm. Wach geworden ist er durch den Aufprall. Er war verletzt an Händen und Beinen, er sah nichts, er hatte ein Schrapnell in der Wange. 

Walter würde sich so gern bei Familie bedanken

Und während Jim Greene, der Sohn seines ermordeten Freundes, und seine Frau diesen November auf Einladung der Gemeinde nach Pullach kommen, sagte Gerry Walter Susanne Meinl am Telefon, er würde so gern herausfinden, wer das Paar war, das ihn damals gerettet hat. Ihre Namen hatten die beiden ihm nicht sagen wollen, es war zu gefährlich. 

Susanne Meinl glaubt, sie könnten eher in der Nähe von Solln gewohnt haben – dort befanden sich ja auch Krankenhäuser in Reichweite. Zwar sind die zwei mit ziemlicher Sicherheit inzwischen tot. Aber das Baby, das der schwerverwundete Walter damals im Arm gehalten hat, das ihm vielleicht seinen Lebensmut zurückgegeben hat: „Das“, sagt Meinl, „könnte noch leben.“ Und hat ja vielleicht irgendwann einen Zettel gefunden im Haus der Eltern, mit dem es nicht viel anfangen konnte. Auf dem am 19. Juli vor inzwischen 71 Jahren Gerry Walter seinen Namen aufgeschrieben hat.

Aufruf an alle, die etwas wissen

Wer kennt die Geschichte des verletzten US-Soldaten, der zwischen Pullach und Neuried von Bauern versorgt worden ist? Historikerin Susanne Meinl und Markus Mooser sind dankbar für jeden Hinweis – auch weil Gerry Walter selbst den großen Wunsch hat, sich zu bedanken bei seinen Rettern beziehungsweise bei deren Kind. 

Wer irgend etwas weiß, meldet sich bei der Redaktion des Münchner Merkur Landkreis München unter Telefonnummer 089/6 65 08 70 oder schickt eine Mail an lk-sued@merkur.de.

ak

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