Eine Rauchwolke und Feuerschein nach einer Explosion.
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Der letzte größere Störfall bei der damaligen Firma Peroxid in Pullach ist bereits 18 Jahre her. Dieses Foto entstand auf der Grünwalder Eierwiese.

United Initiators

Lagerung von Peroxid: Grünwald blickt skeptisch auf Pläne von Pullacher Chemieriese

  • Marc Schreib
    vonMarc Schreib
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Die Pläne des Chemieriesen United Initiators in Pullach beschäftigen auch die Nachbargemeinde Grünwald. Die Planer besuchten jetzt den Gemeinderat, um Sorgen auszuräumen. Außerdem ist ein Bürgerdialog online geplant.

Grünwald – Der letzte gravierende Störfall ist 18 Jahre her. Auch der Berichterstatter kann sich daran noch gut erinnern. Denn er wurde auf dem Weg zur Arbeit auf der Autobahn vom damaligen Redaktionsleiter angerufen mit der Bitte, auf direktem Weg zu einem gelöschten Brand mit Explosion auf dem Gelände des Pullacher Chemiekonzerns Peroxid zu fahren und darüber zu berichten.

Mittlerweile heißt das Unternehmen United Initiators, und noch vieles andere hat sich geändert. Aber viele Pullacher und auch Grünwalder sind von den Plänen des Chemiekonzerns beunruhigt. Um Auskunft über das Vorhaben der Bauleitplanung zu geben, kamen jetzt die Verantwortlichen in den Grünwalder Gemeinderat. Der Leiter der Pullacher Bauleitplanung, Jürgen Weiß, erläuterte den Stand: Ein Bauleitverfahren für das Gelände von United Initiators ist eingeleitet worden. Das Unternehmen will umbauen und seine Lagerfläche vergrößern, um „werksinterne Konzepte zu optimieren“. Es geht nicht darum, das Baurecht zu mehren, sondern darum, es neu zu ordnen. Einzelne Baufelder werden zu einem zusammengefasst.

Ein Ziel des neuen Bebauungsplanes ist es laut Weiß auch, die Grünflache (6000 Quadratmeter) aus dem Werksgelände herauszunehmen und daneben „neu abzubilden.“ Derzeit aber sei noch kein Baum gerodet. Die Gemeinde Pullach denkt seit einem Jahr auch darüber nach, auf dem neuen Gelände einen Wertstoffhof zu errichten. Das ist auch die einzige Fläche, auf der neues Baurecht geschaffen wird.

Bürger beunruhigt über mögliche Gefahren

Aber wie sieht es mit der Gefahr aus, die von United Initiators für die umliegende Bevölkerung ausgeht? Das interessiert die Bürger am meisten. Denn, wie Weiß erklärt: „Wir haben eine Menge von Befürchtungen, Ängsten und von Wünschen, die an uns gerichtet wurden.“ Viele Störfälle aus früheren Zeiten sind in Erinnerung. „Es gab auch Fragen wie diese: Warum habt ihr 1911 dieses Werk in Höllriegelskreuth erlaubt? Jetzt wäre doch eine ideale Gelegenheit, um alles rückgängig zu machen.“

Das geht nach der Aussage von Jürgen Weiß ein bisschen weit. Auch persönliche Angriffe hat er erlebt in Richtung Rathausführung in Pullach. Man habe, so ein Vorwurf, die Coronakrise dazu genutzt, im stillen Kämmerlein etwas gegen den Willen der Bevölkerung durchzusetzen. Das sei jedoch nicht der Fall. Die Bauverwaltung versichert, dass hier keine riesengroße Veränderung stattfindet, sondern im Prinzip eine bauliche Neuordnung.

Der Abstand des Werksgeländes zur Grünwalder Bebauung beträgt etwas mehr als 700 Meter. Nicht gerade viel, findet Robert Zettel (CSU). Er kann sich erinnern, dass bei ihm im Garten beim letzten Unglück „der Dreck gelegen ist“ und drückte Verständnis für die Betroffenheit von Bürgern aus. Auch die Schallemission betrifft ihn. Denn in einer ruhigen Nacht hört er die Industrieanlage gegenüber. Er hätte gerne die sensiblen Themen schon in der Bauleitplanung thematisiert.

Das aber ist laut Stadtplanerin unmöglich. Emissionsschutzrechtlich sei alles unter Dach und Fach. Lagerung, Kühlung, Lärm, das wird bei der Baugenehmigung noch einmal geprüft. Eine Einspruchsmöglichkeit der Nachbarn gebe es nicht. Schall und Gerüche, das wurde im Rahmen eines immissionsschutzrechtlichen Verfahrens behandelt. Es fehlt nur noch das gemeindliche Einvernehmen in Pullach.

Infos zu Lagerung und Gefährlichkeit der Peroxide

Michael Ritz (FDP) wollte Genaueres über die Lagerung und Gefährlichkeit der Peroxide wissen. Dazu erklärte Werksleiter Kai Eckloff, dass trotz einer Zunahme der gelagerten Produkte ein Störfall, wie er früher auftrat, unter den gegebenen Bedingungen unmöglich sei. Nur die organischen Peroxide würden eine ernsthafte Explosionsgefahr bergen. Bei bestimmten Temperaturen trenne sich die Verbindung von zwei Sauerstoffmolekülen auf. „Dadurch wird Wärme frei. Passiert das unkontrolliert, beschleunigt die frei werdende Wärme die Zersetzung, was zu einem Brand oder gar einer Explosion führen kann.“

Zur Menge: Die Lagerung von organischen Peroxiden wird in Pullach von 1000 auf 1600 Tonnen erhöht. Dass trotzdem nichts passieren kann, liegt laut Eckloff an den zertifizierten Kunststoffverpackungen für 30 Liter mit 25 Kilo Inhalt. Sollte etwas passieren, würde der Kanister aufschmelzen und das Peroxid ins Freie laufen. Dadurch werde eine verdämmte Explosion verhindert. Eine räumliche Trennung hilft ebenfalls bei der Gefahrenabwehr. Es gibt demnach 16 Hallen. Eine jede sei mit einer Brand- und Temperaturerkennung ausgestattet. Selbst wenn etwas geschehen sollte, handele es immer um ein stark begrenztes Ereignis.

Eine Frage in diese Richtung stellte Achim Zeppenfeld (SPD). Er sprach von einem „wahnsinnigen Rückstau auf der Pullacher Seite durch die Ampel an der B 11“. Seine Hoffnung ist, dass durch ein Gutachten die Situation besser wird. Das glaubt Jürgen Weiß vom Pullacher Bauamt nicht. Er fährt mitunter viermal am Tag die Strecke von seinem Wohnort Grünwald zu seinem Arbeitsplatz in Pullach und zurück. Er muss bis zu einer Stunde einplanen, wenn er zu einer Sitzung fährt. Fürdie Misere sei nicht nur die Ampelschaltung, sondern auch der zunehmende Pendlerverkehr verantwortlich. Seit vielen Jahren bemühe sich Pullach, die Situation zu entschärfen.

Bürgerdialog Online:

Unter www.publicdialogue-unitedinitiators.de wird es für Bürger der Gemeinden Pullach, Grünwald und Baierbrunn Montag, 7. Dezember, um 19 Uhr einen Live-Stream geben. Erforderlich zur digitalen Teilnahme ist ein internetfähiges Gerät und die Angabe von Vor- und Familienname, E-Mail-Adresse und Wohnort.

Jeder Fragesteller kann beliebig viele Fragen digital einreichen. Die Möglichkeit, Fragen einzureichen, endet mit der Veranstaltung. Vertiefende Hintergrundinformationen finden Bürger auf der von United Initiators eingerichteten Projekt-Website: https://united-initiators-bigwings.de/

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