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Im Zweifel für den Bischof? SPD Pullach macht Rückzieher bei Umbenennung der Bischof-Meiser-Straße

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Von: Andrea Kästle

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Wie lang dieses Straßenschild in Pullach noch steht, weiß momentan keiner. Städte wie München oder Nürnberg haben ihre Bischof-Meiser-Straßen längst umbenannt.
Wie lang dieses Straßenschild in Pullach noch steht, weiß momentan keiner. Städte wie München oder Nürnberg haben ihre Bischof-Meiser-Straßen längst umbenannt. © Andrea Kästle

Eigentlich war es schon beschlossene Sache, dass die Gemeinde Pullach die Bischof-Meiser-Straße umbenennen wird – auf Antrag des Geschichtsforums. Jetzt will aber die SPD, die im April den Mehrheitsbeschluss mitgetragen hat, das Ganze wieder rückgängig machen.

Pullach - Im jüngsten Gemeinderat ist das Thema daraufhin vertagt worden. Ihnen seien „Zweifel gekommen“, ob eine Umbenennung der Bischof-Meister-Straße wirklich „gerechtfertigt ist“, schrieben jetzt Holger Ptacek und Michael Schönlein, beide im Gemeinderat, und Ortsvereinsvorsitzender Peer Wallenborn im örtlichen „Isaranzeiger“. Eigentlich wollte Ptacek in der letzten Sitzung sein Umdenken begründen, dazu kam es dann aber nicht.

Schriftliche Stellungnahme der SPD

In seiner schriftlichen Stellungnahme schrieb er, Bischof Hans Meiser habe sich in seiner Schrift „Die evangelische Kirche und die Judenfrage“ antisemitisch geäußert auf eine Art, die einem „den Atem raube“. Gleichzeitig enthalte der Text aber auch Stellen, die belegen, dass der Landesbischof, der 1933 seinem Vorgänger Friedrich Veit, einem Nazi-Gegner, im Amt nachgefolgt war, die Verfolgung von Juden aus „rassischen“ Motiven ablehnte. „Man kann also offensichtlich beide Lesarten aus dem Text herausholen.“ Ptacek kommt zu dem Schluss, Meiser sei zwar „stockkonservativ“ gewesen, aber kein „bekennender Hitlerfan“.

Er habe die Gleichschaltung der evangelischen Kirche in Bayern verhindern können, unter ihm sei die Landeskirche „ein Rückzugsraum vor dem totalitären Machtanspruch des Regimes“ gewesen. Er habe sich, wenn auch über Dritte, für Verfolgte eingesetzt, einen Protestbrief gegen die Judenverfolgung hätte er unterschrieben, man fand ihn dann aber taktisch besser ohne seine Unterschrift. Holger Ptacek: „Ich persönlich neige dazu, in Bischof Meiser einen Menschen zu sehen, der in unmoralischen Zeiten genötigt war, einen Spagat zwischen den äußeren Zwängen und den inneren Überzeugungen zu vollziehen“. Nicht viel anders habe Hans Keis gehandelt, Pullachs Bürgermeister in der Nazi-Zeit, nach dem die Fortsetzung der Bischof-Meiser-Straße heißt; auch Keis habe „zwischen den Pullacher und Münchner Nazis laviert“.

Umdenken löst Befremden aus

In der Gemeinde löste das Umdenken von Ptacek und seiner Fraktion Befremden aus. Im Geschichtsforum ist man nicht erfreut, dass man von seiner Meinungsänderung erst aus dem „Isaranzeiger“ erfahren hat, ihm wurde nahegelegt, zu überlegen, ob er noch zum Verein passe. Ptacek ist dort Gründungsmitglied.

Peter Habit, Journalist und im Geschichtsforum mit dem Thema viel befasst, sagt, Meiser habe „zwei Seiten“ gezeigt nach 1933 und zu wenig Mut. „Das Urteil von Historikern ist eindeutig.“ Nie habe er sich zu Judenverfolgung und Euthanasie geäußert, „er war mit dem System liiert“. Unter ihm als Oberkirchenrat hätten Theologen im Predigerseminar Neuendettelsau eine SA-Gruppe gebildet.

Ambivalente Persönlichkeit

Bürgermeisterin Susanna Tausendfreund, Grüne, bleibt bei ihrer Meinung, die sie auch schon im April vertreten hat: „Eine Straßenbezeichnung steht für ein ehrendes Gedenken. Bei aller Diskussion bleibt Bischof Meiser eine ambivalente Persönlichkeit im Hinblick auf seine Positionen in der NS-Zeit.“ Die Gemeinde wird auch zu diesem Thema noch eine Schleife drehen müssen. Man werde sich beraten lassen, sagte Tausendfreund, eventuell von Nora Schulze, einer Historikerin, die ihre Dissertation über Hans Meiser geschrieben hat. Es gehe, sagt auch Peter Habit, um eine „ernsthafte Auseinandersetzung“ mit der Person des Kirchenmannes. Man sei dafür offen, vielleicht auch im Rahmen eines „öffentlichen Kolloquiums“.

Industriestraße wird nach Dr. Franz Pollitzer benannt

Derweil hat Ptacek vorgeschlagen, Richard Eylenburg, einen Sozialdemokraten, der zwischen 1933 und 1945 verfolgt wurde und mit Glück überlebt hat und nach dem die Gemeinde die Bischof-Meiser-Straße eigentlich jetzt benennen wollte, zum Paten für den Sitzungssaal im Rathaus zu machen. Eylenburg war später Zweiter Bürgermeister in der Gemeinde, außerdem Berufungsrichter in Entnazifizierungsverfahren. Immerhin, eine Straße wird die Gemeinde schon dieser Tage neu benennen: Die Industriestraße, die zu United Initiators führt, heißt künftig Dr.-Franz-Pollitzer-Straße. Auch Pollitzer wurde von den Nazis verfolgt, im Gegensatz zu Eylenburg hat er nicht überlebt.

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