Die Isar, reichlich wild – vor der berüchtigten Stelle bei der Gaststätte Isarburg.
+
Die Isar, reichlich wild – vor der berüchtigten Stelle bei der Gaststätte Isarburg.

Frau (51) gerät in Strudel und stirbt fast

Romantische Kanu-Fahrt auf Isar wird zum Horrortrip: „Wenn wir jetzt weiterfahren, sind wir tot“

  • VonAndrea Kästle
    schließen

Sandra Schulte wäre bei einer Kanutour auf der Isar beinahe gestorben. Die 51-Jährige war in enen Wasserstrudel geraten. Nur ein Zufall rettete ihr Leben.

Pullach – Als sie am Sylvensteinspeicher angekommen waren, wo ihr Abenteuer beginnen sollte, sagt Sandra Schulte, habe sie „schon ein bisschen Angst bekommen“. Sie schob die unguten Gefühle beiseite, „ich bin eine, die gern alles ausprobiert“. Und jetzt wollte sie eben mit diesem Typen, den sie im Internet kennengelernt hatte, eine Bootstour machen, die Isar runter bis Schäftlarn.

Also stieg sie ein ins voll beladene Kanu und bezahlte diesen Wagemut fast mit ihrem Leben. Denn bei Lenggries geriet sie in gefährliche Wasserstrudel und konnte nur deshalb gerettet werden, weil eine Gruppe der Wasserwacht zufällig vom Ufer aus alles beobachtet hatte. „Ich will mit meiner Geschichte andere abhalten davon, auch so leichtsinnig die Isar zu befahren“, sagt Sandra Schulte.

Kanufahrt auf Isar war ein Date - es endete mit Schrecken

Stattgefunden hat der waghalsige Ausflug, der ja eigentlich nur ein Date der etwas anderen Art sein sollte, am 10. August. „Es war traumhaftes Wetter, ein super Tag“, sagt die lebhafte 51-Jährige. Während sie erzählt, bricht immer wieder ihre Stimme, sie kämpft dann mit Tränen. Man hört ihr an, wie sehr sie das Ganze noch immer mitnimmt. Zwei Tage hatte sie mit diesem Mann, den sie noch nie vorher live getroffen hatte, unterwegs sein wollen, sie hatten Schlafsäcke und Isomatten dabei, jede Menge Proviant und sogar einen Campinggrill. Wohlweislich hatte Sandra sich vor Abfahrt wenigstens noch eine Schwimmweste besorgt.

Romantisches Kanu-Date wird zum Horrortrip: Frau aus Pullach in Wasserstrudel gezogen

Schön war die Unternehmung, die sich die Pullacherin so romantisch vorgestellt hatte, allerdings nicht lang. Nach einer Viertelstunde kenterten sie bereits. Der Sylvensteinspeicher hat an drei Stellen Sohlrampen, schräg abfallende Stufen, die ziemliche Bugwellen verursachen können. Sandra Schulte rammte es das Kanu ins Bein, die Surferschuhe wurden ihr weggerissen. „Eigentlich hatte ich in dem Moment schon die Schnauze voll.“ Aber ein Zurück gab es ja nicht. Gemeinsam zogen sie das Boot an Land, leerten es aus, räumten es wieder ein, der Campinggrill und ein Laib Brot schwammen derweil auf der Isar davon.

„Bein und Psyche sind noch nicht geheilt.“: Sandra Schulte sechs Wochen nach ihrem Unfall.

Kanu-Fahrt auf der Isar: Nach vier Stunden bereits völlig erschöpft

Eine Weile ging es dann mehr oder weniger gut, nach dem Speichersee beruhigt sich der Fluss. „Einige Raftings“, sagt Sandra Schulte, hätten sie dennoch bewältigen müssen. Nach vier Stunden Paddeln war sie erschöpft, „obwohl ich viel Kraft habe und ja auch sportlich bin“. Sie macht Pilates und Stand-Up-Paddling.

Irgendwann waren sie in Lenggries, wo hier und dort Leute am Strand lagen, manche badeten auch. Komisch fand Sandra nur, dass außer ihnen keine anderen Bootsfahrer unterwegs waren. „Lass uns einen Platz suchen zum Grillen“, schlug sie vor. Sie saß ja vorn im Kanu. Und sah dann voller Entsetzen, was kam.

Wildwasser-Stelle am Isarburg-Katarakt: „Wenn wir jetzt weiterfahren sind wir tot“

Vor ihr lag der sogenannte Isarburg-Katarakt, eine berüchtigte Wildwasser-Stelle, vor der auch Profis ziemlichen Respekt haben. Auf Seiten wie „Surfandclimb.de“ wird empfohlen, vorher anzulanden, um sich den Abschnitt erst genau anzusehen. Dort steht auch: „Ohne Schienbeinschoner, Helm und Schwimmweste habt ihr euch automatisch für die Isarburg disqualifiziert.“ Sandra Schulte sagt: „Da ging es vier Meter runter, mir war klar, wenn wir jetzt weiterfahren, sind wir tot.“

Das voll beladene Kanu vor der Abfahrt. Eine Viertelstunde später kenterte es schon.

Die beiden hatten weder Helme noch Schienbeinschoner, voller Panik verließ Sandra im halbwegs seichten Wasser das Boot. Sie hatte die Strömung unterschätzt und wurde mitgerissen. Während ihr Bekannter es gerade noch schaffte, ans Ufer zu manövrieren. „Ich bin“, berichtet Sandra Schulte, „durch drei Wasserwalzen durch“, die ganze Zeit schluckte sie Wasser, sie sagt, sie sei zwischendurch bewusstlos gewesen. Immer wieder knallte sie gegen Felsen, irgendwann dachte sie: „Du bist 51, und jetzt stirbst Du.“ Dann fischten die Leute von der Wasserwacht sie aus dem schäumenden Fluss. Und riefen einen Krankenwagen.

Auch mehr als sechs Wochen nach Kanu-Unfall: Krücken noch immer notwendig

Sechseinhalb Wochen ist der Unfall nun her. Sandra Schulte lag in verschiedenen Krankenhäusern. Sie kann noch immer nur mit Krücken gehen - sie hat schwere innere Verletzungen im rechten Bein, dreimal wurde ihr Bein schon punktiert. Die Schmerzen ertrug sie anfangs nur mit stärksten Tabletten, aber sie sagt, das, wovor sie sich am meisten fürchtet, ist, dass sie die Bilder vom „sprudelnden Wasser“, die immer wieder hochsteigen in ihr, nicht mehr aus dem Kopf bekommt. Sie hat sich deshalb angemeldet für eine stationäre Therapie im Winter. „Ich muss meine Psyche wiederherstellen, damit ich wieder arbeiten kann.“ Sie ist selbstständig als mobile Sekretärin.

Ihre Bekanntschaft hat sie bis heute nie wieder gesehen. Er wusste, wann sie wo in welcher Klinik war, aber er hat sie nie besucht. Ihre Sachen hat er ihr vor die Haustür gelegt. Und irgendwann blockierte er sie dann einfach auf dem Smartphone. „Vor dem 10. August“, sagt Sandra Schulte, „war ich glücklich, unerschrocken und voller Lebensmut. Jetzt fühle ich mich wie eine gebrochene Frau“.

Übrigens: Alle Entwicklungen und Ergebnisse zur anstehenden Bundestagswahl aus Ihrer Region sowie alle anderen wichtigen Geschichten aus der Region LK München gibt‘s jetzt auch in unserem regelmäßigen Landkreis-München-Newsletter.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare