Immer mehr Eltern schulen ihre Kinder später ein

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Immer mehr Kinder im Landkreis, die aufgrund ihres Alters eigentlich schulpflichtig sind, bleiben ein Jahr länger im Kindergarten. Diesen Trend bestätigt Schulamtsdirektorin Sigrid Binder. Auch eine weitere Entwicklung ist unübersehbar: Schulanfänger zeigen immer häufiger ein sozial auffälliges Verhalten.

Landkreis– Bereits im vergangenen Jahr sei die Zahl der Mädchen und Buben, die zurückgestellt wurden, außergewöhnlich hoch gewesen, sagt Binder. Diese Entwicklung setze sich heuer fort. Zwar liegen dem Staatlichen Schulamt im Landkreis München nach Angaben der stellvertretenden Schulamtsleiterin keine belastbaren Zahlen vor. Binder hat aber in einer Dienstbesprechung mit den Grundschulleitern auch über die sogenannten Rücksteller gesprochen. „Dabei haben mir viele die Entwicklung bestätigt.“ Waren es laut Binder vor einigen Jahren gerade einmal zwei oder drei Kinder pro Schule, die ein Jahr länger im Kindergarten geblieben sind, sind sieben, acht Rücksteller bei dreizügigen Grundschulen mittlerweile die Normalität.

Bei größeren Schulen können es sogar deutlich mehr Kinder sein, die erst ein Jahr später eingeschult werden. „Wir haben heuer 26 Rücksteller“, sagt Rektorin Juliane Dworzak von der Grundschule am Jagdfeldring in Haar. Die vier- beziehungsweise fünfzügige Grundschule besuchen derzeit über 400 Schüler. Im vergangenen Jahr lag die Zahl lediglich bei 17 Rückstellern.

Doch warum gibt es plötzlich so viele Rücksteller? Binder beobachtete bereits bei der Umstellung vom neun- zum achtstufigen Gymnasium (G8) einen ersten Anstieg. Viele Eltern hätten die Hoffnung, dass ihre Kinder dann stabiler seien und in der Schule besser mitkommen würden. Aus diesem Grund ist Binder gespannt, wie sich die Rückkehr zum neunstufigen Gymnasium auf die Rücksteller-Zahlen auswirken wird.

Doch das lernintensive G8 ist wohl längst nicht mehr der alleinige Grund dafür, dass viele Kinder erst ein Jahr später zum ersten Mal die Schulbank drücken. Laut Binder gebe es unabhängig von den Zurückstellungen immer mehr Kinder, bei denen während der Schuleinschreibung ein auffälliges Verhalten zu erkennen sei. Neben mangelnden Sprachkenntnissen gehe es dabei vor allem um Auffälligkeiten im sozialen und emotionalen Bereich.

Derartige Auffälligkeiten spiegeln nach Ansicht Binders den gesellschaftlichen Wandel und die veränderten Lebensbedingungen wider. „So sind viele Familien darauf angewiesen, dass beide Elternteile berufstätig sind“, nennt Binder ein Beispiel. Sie hätten darum weniger Zeit, die sie mit ihren Kindern verbringen können. Wichtig für die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes sei aber auch der Umgang mit Konflikten in der Familie. „Kinder müssen sich reiben und Grenzen austesten können“, so Binder. Um Auffälligkeiten frühzeitig zu erkennen und darauf reagieren zu können, gebe es einen engen Austausch zwischen Kindergärten und Schulen, betonten Dworzak und Binder.

Sorgen bereitet Rektorin Dworzak das Verhalten einiger Eltern, deren Kinder eigentlich an einer Förderschule besser aufgehoben wären, dies aber nicht akzeptieren wollen und den Nachwuchs doch auf die Regelschule schicken.

Binder wiederum rät den Eltern, sich gut zu überlegen, ob sie ihre Kinder vom Schulbesuch zurückstellen lassen wollen. „Da eine Unterforderung des Kindes sich ebenfalls negativ auswirken kann, sollte man genau hinsehen, in welchen Bereichen ein Förderbedarf besteht.“ Es reiche nicht, das Kind nur ein weiteres Jahr im Kindergarten zu lassen. „Oft braucht es eben auch eine spezielle Förderung.“

Rubriklistenbild: © dpa / Armin Weigel

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