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Mehrmals am Tag bestückt Firat Erenoglu, Leiter der Pullacher AEZ-Filiale, ein gesondertes Regal mit Lebensmitteln, die er einen Tag später wegwerfen müsste.

Lebensmittel-Aktion „Zu gut für die Tonne“ im AEZ Pullach

Verwerten statt verschwenden

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Deutschland pflegt eine Wegwerfmentalität. Jeder Bundesbürger entsorgt laut einer Studie der Universität Stuttgart pro Jahr 82 Kilo Lebensmittel, von denen zwei Drittel noch problemlos verwertbar gewesen wären. Ein Zeichen gegen diese Form der Verschwendung setzt das AEZ in Pullach mit dem Food-Share-Projekt „Zu gut für die Tonne“.

Pullach– Jeder kennt das, beispielsweise von Milchprodukten. Auf deren Verpackung steht ein Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD), der Inhalt kann oft aber noch Tage später bedenkenlos verzehrt werden. Trotzdem landen solche Lebensmittel tonnenweise im Müll. Verantwortungsvoller Umgang mit Nahrungsmitteln sieht anders aus: Genau deshalb werden sie im Amper Einkaufs Zentrum (AEZ) in Pullach jetzt verschenkt.

Die Idee, erläutert AEZ-Geschäftsführer Udo Klotz, sei über einen Zeitraum von eineinhalb Jahren gereift. „Den Lebensmitteln fehlt ja nichts, das ist ganz normale Ware.“ Allerdings besagt eine EU-Richtlinie, der jemand haftet, wenn er Ware mit abgelaufenem MHD „in den Verkehr bringt“ – also auch unentgeltlich. Um diese juristische Klippe zu umschiffen, geht das AEZ mit seinem „Gratis Food Share“-Regal im Kassenbereich nun einen neuen Weg: Die Produkte werde am Tag des Verfallsdatums zum kostenlosen Mitnehmen angeboten. „Damit sind wir auf der sicheren Seite“, sagt Klotz.

Dem 68-Jährigen geht es freilich um mehr. Nämlich um die Botschaft: „Das sind Lebensmittel.“ Und keine Wegwerf-Ware. Aus diesem Grund sind die Gratis-Mitnehmsel sehr prominent platziert, direkt an den Kassen. „Es geht uns darum, das Thema aus der Schmuddelecke herauszuholen. Niemand soll sich verstohlen anschleichen und im Hinterhof in einer Kiste wühlen müssen.“ Nein, man wolle „die breite Bevölkerung ansprechen“ und sie dafür sensibilisieren, verantwortungsvoller mit Lebensmitteln umzugehen.

Ralph Ulbricht, im AEZ Geschäftsführer für den Vertrieb, schwärmt von der Aktion: „Es ist eine Win-Win-Situation für alle. Der Kunde bekommt etwas kostenlos, wir haben ein gutes Gefühl und reduzieren nebenbei unsere Müllkosten.“ Ergänzend betont Klotz, dass das AEZ „kein Sozialverein“ sei, von der Aktion aber durchaus profitiere: „Jeder Kunde hat doch ein begrenztes Budget für den Lebensmitteleinkauf. Wenn er sich ein bisschen was sparen kann, investiert er dieses Geld woanders im Laden, vielleicht in Bio-Produkte oder höherwertigere Erzeugnisse aus der Region.“

Filialleiter Firat Erenoglu (34) bestückt das Gratis-Regal den ganzen Tag über immer wieder neu, je nachdem, welche Sachen mit aktuellem Verfallsdatum er gerade entdeckt. Meist gegen Monatsende sind dies Konserven, ansonsten vor allem Molkereiprodukte. Und Obst oder Gemüse. „Die Resonanz bei den Kunden ist super“, sagt Erenoglu.

Unsere Umfrage vor Ort bestätigte diese Einschätzung. „Eine klasse Idee, hervorragend. Lebensmittel kostenlos anzubieten, bevor man sie eh wegwerfen muss, das ist absolut nachhaltig und sinnvoll“, lobt Yvonne Rowell (49) aus Harlaching. Hans Eibele (75) aus Grünwald sagt: „Eine tolle Aktion. Gerade Joghurts kann man in der Regel noch Tage später essen.“

Nach Buchenau (bei Fürstenfeldbruck) und Dachau ist der Pullacher AEZ-Markt der dritte, der auf kostenlose Resteverwertung setzt. Heuer folgen noch Martinsried und Germering, letztlich sollen alle elf AEZ-Filialen „Gratis Food Share“ anbieten. Mehr noch: Klotz rechnet damit, dass andere Lebensmittelketten nachziehen. „Alle Mitbewerber waren schon bei uns, um sich das Projekt anzuschauen.“ Wenn es Nachahmer gäbe, würde das den 68-Jährigen ungemein freuen, denn ihm geht es ums Prinzip: „Wir wollen ein Zeichen setzen – vieles, was offiziell nicht mehr haltbar ist, ist nämlich kein Fall für die Mülltonne.“

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