Isartrails bei Pullach
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Aus ehemals schmalen Trampelpfaden sind mittlerweile breite Radlerwege geworden, zerfurcht und matschig.

Antrag der Agenda 21 in Pullach

Isartrails: Naturschützer wollen Wald zwischen Grünwalder und Großhesseloher Brücke für Radler sperren

  • vonAndrea Kästle
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Seit vielen Jahren gibt es Diskussionen um das Mountainbiken in den Isarhängen. Jetzt machen Naturschützer einen neuen Vorstoß.

Seit acht Jahren wird von der Stadt, dem Landkreis und beteiligten Interessengruppen über eine Strecke gerungen, die den Mountainbikern an der Isar freizugeben sei – oder eben nicht. Jetzt hat die Agenda 21 den Antrag gestellt, zwischen Grünwalder und Großhesseloher Brücke die Querfeldein-Radler auf den asphaltieren Weg am Kanal zu verbannen – und den Isarhang in diesem Bereich für sie zu sperren.Das Thema wird am heutigen Dienstag im Gemeinderat verhandelt.

Viele Nebenwege

Die Wege im Isarhang, zwischen Hochufer und Kanal, waren lange die schönsten, verwunschensten in der Gegend. Wenn man in Pullach mal ungestört spazieren gehen wollte – dann ging man hierher. Als man sich jetzt mit Hans Eschler und Peter Kloeber das Gelände, das zu zwei Dritteln der Gemeinde gehört, noch einmal zeigen lässt, ist man doch erstaunt, wie sehr sich alles verändert hat. Aus schmalen Trampelpfaden sind breite Wege geworden, voller Matsch und Reifenspuren. Überall gehen vom Hauptweg Nebenwege ab. Eschler und Kloeber, die letztes Jahr für ihr Engagement in der Agenda 21 von Landrat Christoph Göbel geehrt worden sind, sagen: „Das hier ist eine Idylle. Es ist der natürlichste Teil von Pullach.“

Es ist ein kalter Tag, zwischendurch schneit es immer wieder, entsprechend wenig ist los. Während des Spaziergangs trifft man genau auf zwei Radler, einer kurvt quer durchs Gelände, was ja noch erlaubt ist, einem begegnet man am Beginn des immer noch unheimlich schönen Wegs – beim Brunnhaus, dem ältesten Haus der Gemeinde, von dem aus früher Wasser über die Hofbrunnstraße ins 1717 erbaute Schloss Fürstenried gepumpt worden ist. Der Architekt Justus Thyroff wohnt hier, wenn er aus dem Haus geht, muss er aufpassen, dass er nicht von einem Radler umgefahren wird.

468 Tier- und Pflanzenarten

Die Isarhänge zwischen München und Schäftlarn sind ein sehr sensibles Areal, in dem für eine Projektskizze des Landratsamtes genau 468 Tier- und Pflanzenarten, Moose und Flechten registriert worden sind. Hier wachsen Pflanzen wie das Kugelschötchen, das Ufer-Reitgras, der Ausdauernde Lein, der Hellgelbe Sommerwurz, die Krebsschere, eine Unterart des Habichtskrauts, die inzwischen auch bundesweit vom Aussterben bedroht sind. Auch ein Pilz wurde nachgewiesen in dem Gebiet, der sehr selten geworden ist, er heißt Graubrauner Schleimstielschneckl. An bedrohten Vögeln haben sich hier eingelebt: die Rohrdommel, der Uhu, der Flussuferläufer, ebenso gesichtet wurden Kreuzottern, Schlingnattern, die Ödlandschrecke, verschiedene seltene Käfer, 38 Schmetterlingsarten sowie viele Schnecken und Spinnen.

Die Luft ist feucht, es gluckert überall. Neun Quellen kommen aus dem Hang und werden an verschiedenen Stellen gefasst. Früher hat Pullach hier seinen Trinkwasserbedarf gedeckt, inzwischen ist es der Chemiekonzern United Initiators, der aus dem Areal einen Teil des Wassers bezieht, das er braucht, um seine Produkte zu kühlen. In den Tümpeln, die sich hier überall gebildet haben, blühen Sumpfdotterblumen. Es ist ein unaufgeräumtes Stück Natur – Baumstämme liegen quer, sie sind mit Moos überzogen.

Genau 468 teils seltene Tier- und Pflanzenarten, Flechten und Moose, berichten Peter Kloeber und Hans Eschler, sind in dem Gesamtgebiet rund um den Trail vom Landratsamt erfasst worden. Die beste Lösung nach ihrer Auffassung wäre, den Isarhang unterhalb der Waldwirtschaft und bis zur Grünwalder Brücke gleich zum Naturschutzgebiet zu erklären. „Dann könnte der Staat das Radfahren hier verbieten.“ Einen entsprechenden Antrag haben die Grünen vor Jahren im Kreistag sogar gestellt – er liegt noch immer unbearbeitet bei der Oberen Naturschutzbehörde.

Wiederstreitende Interessen

Das Ringen um den Isartrail: der fast schon verzweifelte Versuch, in einem besonders sensiblen Gebiet widerstreitende Interessen irgendwie unter einen Hut zu bekommen. Im Februar 2020 hat der Kreistag das „Lenkungskonzept NaturErholung Isartal“, das letztlich links und rechts der Isar eine insgesamt 78 Kilometer lange Bikertrasse vorsieht, dafür aber sämtliche Nebenwege sperren will, dann zwar beschlossen. Weiter ist daraufhin nichts mehr passiert.

Die Pullacher versuchten durchaus, ihren Wald irgendwie zu schützen. Ein vom Umweltamt in Auftrag gegebenes Rechtsgutachten half dabei nur bedingt weiter; denn es stellte zwar fest, dass Radler sich hier nur auf „geeigneten Wegen“ fortbewegen dürften, aber welche Wege nun geeignet wären und welche nicht, wurde offen gelassen. Das müsste nun eigentlich die Untere Naturschutzbehörde festlegen – aber die war ja Teil der Lenkungsgruppe und verficht natürlich auch deren Ergebnis. „Das alles ist ziemlich komplex“, meint dieser Tage Abteilungsleiter Bernhard Rückerl. „Die einzig rechtlich wasserdichte Handhabe, die wir haben, ist, den Wald immer wieder mal zu sperren, weil die Radler eine wirtschaftliche Nutzung verhindern.“ Genau das wollen die Pullacher künftig auch tun – so sieht es jedenfalls die Beschlussvorlage für heute Abend vor.

Enttäuscht von der Gemeinde

Hans Eschler und Peter Kloeber, die beim Spaziergang immer wieder stehenbleiben an besonders schönen Stellen, finden trotzdem, die Gemeinde habe sich zu wenig hinter das Thema geklemmt, sie sagen: „Wir haben uns mehr grünen Zug erwartet.“ Bürgermeisterin Susanna Tausendfreund sei zu Radler-freundlich eingestellt. Die beiden befürchten, dass, wenn der Trail irgendwann erst einmal offiziell ausgewiesen worden ist, der Zulauf, den die Trasse jetzt schon hat, noch größer wird. 987 Biker sind vor einiger Zeit an nur vier Tagen in dem Gebiet gezählt worden.

Letztens habe er, erzählt Hans Eschler, eine Anzeige gelesen für ein Haus in Pullach, in der wurde damit geworben, dass die Immobilie „in unmittelbarer Nähe eines Eldorados für Radler“ liege. Und auf Instagram wird von dem Trail ohnehin längst auch auf Englisch geschwärmt.

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