hilfe für Schüler mit Behinderung

Starker Begleiter im Klassenzimmer

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Pullach - Zwei Jahre saßen sie im Unterricht nebeneinander. Der Schüler Fabian (16) und der Schulbegleiter Hans-Peter Vogt (76). 60 Jahre trennen die beiden, und doch haben der Junge und der Alte  gemeinsam wie ein Tandem-Team auf ein Ziel hingearbeitet: den Hauptschulabschluss. 

In der Josef-Breher-Mittelschule in Pullach klingt der Unterrichtstag aus. Am Billardtisch im Schulfoyer ist Ruhe eingekehrt. Klassenlehrerin Barbara Meißner und Hans-Peter Vogt besprechen die letzten Termine für das auslaufende Schuljahr. Fabian (Name von der Redaktion geändert) hat sich schon verabschiedet.

Der 16-Jährige besucht die neunte Klasse und wird Ende Juli seine Schullaufbahn beenden. Erfolgreich – trotz eines Handicaps. Er hat ADS, das Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom. Es fällt ihm schwer, sich lange zu konzentrieren und sich den Stoff zu merken. Er gleitet leicht in seine Gedanken ab und manchmal schläft er ein. Aufgrund dieser Defizite fiel es ihm schwer, dem Tempo zu folgen. Doch die Lehrer und der Rest der Klasse können auf Fabian nur bedingt Rücksicht nehmen. Zwar sieht die UN-Behindertenkonvention vor, dass Kinder mit Handicap einen Anspruch darauf haben, gemeinsam mit nicht-behinderten Kindern unterrichtet zu werden. Doch für Lehrer und Schüler ist die Herausforderung groß. Seit zwei Jahren ist Hans-Peter Vogt der Coach an seiner Seite, der sein Augenmerk ganz auf Fabian richtet. Hilfsbereit, höflich, beharrlich und ohne sich in den Unterricht einzumischen. „Wenn er einschläft, wecke ich ihn. Wenn er eine Mitschrift nicht schnell genug von der Tafel abschreiben kann, leihen wir uns nach der Stunde das Heft eines Mitschülers, damit er seinen Hefteintrag vervollständigt.“

Jeden Morgen trifft sich Vogt um 7.20 Uhr mit seinem Schützling im Schulfoyer: „Vor dem Unterricht gehen wir den Stundenplan durch.“ Sie verabschieden sich um 15.30 Uhr, wenn die Hausaufgaben erledigt sind. Hans-Peter Vogt, der Fabians Großvater sein könnte, ist ein hoch gewachsener Herr, der viel im Leben gesehen hat. Ein Mann mit klaren blauen Augen und klaren Vorstellungen. Er war Fernsehredakteur und schulte angehende Journalisten in Entwicklungsländern im Auftrag des Auswärtigen Amts, zuletzt in Afghanistan, wo er sechs Jahre lebte. Zurück in München suchte er eine neue Aufgabe und fand sie beim AWO-Kreisverband, der seit 2013 das Modellprojekt Schulbegleitung im Landkreis München aufbaute. Durch Unterstützung und Training gibt Vogt Fabian den festen Rahmen, den Klassenlehrerin Barbara Meißner (32) ihrem Schüler schon ab der fünften Klasse gewünscht hätte. Für die Mitschüler sei der zweite Erwachsene im Klassenzimmer zunächst ungewohnt gewesen, erzählt Barbara Meißner, mit der Zeit sei er als Fabians Sitznachbar aber akzeptiert worden.

Im Laufe der Monate knüpfte Vogt ein Netzwerk zwischen Fabian, seinen Eltern und der Schule. „Ich bin die Brücke“, sagt er: „Es fehlt die Selbstorganisation und der häusliche Ordnungsrahmen.“ Immer wieder sucht er als Schulbegleiter das Gespräch mit den Eltern, regt im Sinne seines Schützlings an, dass der 16-Jährige mehr Sport treibt und sich öfter mit Gleichaltrigen trifft. „Ich bin der Stressfaktor für die Familie, einer der ständig puscht und drängelt.“

Keine leichte Rolle. Und manchmal kommt er an die Grenzen seiner Geduld. „Dann ist es am besten, dass ich raus gehe.“ Luft schnappen, Abstand gewinnen. „Da brauche ich eine Stunde zum Runterkühlen“, sagt Vogt, der selbst Vater von drei erwachsenen Töchtern ist. Aber es gibt Erfolge. Freunde haben Fabian zum Vereinssport mitgenommen. Und vor Prüfungen bemerkt Vogt, dass der Junge sich freut, wenn Klassenkameraden gemeinsam mit ihm und seinem Schulbegleiter den Stoff durchgehen wollen. Am Ende der zwei Jahre aber haben die beiden ihr allergrößtes Ziel erreicht: Fabian hat den Hauptschulabschluss geschafft. Nun folgen ein Praktikum und damit erste Berufserfahrungen. „Ziel der Schulbegleitung ist es, dass die Kinder selbständig werden“, sagt Christian Kleiber, der das AWO-Projekt leitet. Vogts Einsatz sei „einzigartig“ gewesen. Der Halt, den er Fabian gegeben habe, hätte den 16-Jährigen ein großes Stück voran gebracht.

Im Jahr 2013 startete der AWO-Kreisverband das Projekt mit 20 Kindern. Drei Jahre wurde das Modellprojekt wissenschaftlich begleitet und am Ende so gut bewertet, dass der Kreistag im April entschied, die Schulbegleitung als festen Bestandteil der Jugendhilfe fortzusetzen.

Seither führt Christian Kleiber Einstellungsgespräche: „Wir haben viele Anfragen von Eltern und vom Kreisjugendamt.“ 70 Kinder, die aufgrund eines psychischen oder physischen Handicaps ganz individuelle Hilfe brauchen, werden nächstes Schuljahr begleitet, sie besuchen Förderschulen, Privatschulen und sämtliche andere Schulen. Die Projekt-Mitarbeiter werden nach dem Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes bezahlt. Auch Hans-Peter Vogt macht weiter. Nächstes Schuljahr begleitet er einen Jungen am Gymnasium Unterhaching.

Charlotte Borst

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