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Professor Ernst Pöppel hat in Sinnesphysiologie und in Psychologie 

Interview

Pullacher Hirnforscher sagt: „Lebensfreude im Alter muss das Ziel sein“

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Der Pullacher Professor Ernst Pöppel (78) ist als Hirnforscher, Psychologe und Autor international renommiert. Gemeinsam mit seiner Co-Autorin Beatrice Wagner verfasste er Bücher wie „Je älter desto besser“ und „Dummheit. Warum wir heute die einfachsten Dinge nicht mehr wissen“. Werke, die nicht nur für Fachpublikum geschrieben sind. Über seine Einschätzung zur steigenden Lebenserwartung und wie man geistig lange fit bleiben kann, spricht er im Interview mit dem Münchner Merkur.

-Herr Pöppel, wir werden immer älter, und gleichzeitig scheint die Zahl der Demenz- und Alzheimererkrankungen weiter anzusteigen. Welche Chance haben wir, im Alter geistig mobil zu bleiben?

Das ist eine komplizierte Frage, will man sie wissenschaftlich fundiert beantworten; andererseits hilft manchmal auch der „gemeine Hausverstand“. Die Lebenserwartung wird weiter ansteigen, aber nicht beliebig. Ob wir alle länger fit bleiben ist sehr fraglich. Manche sind mit 50 Jahren uralt, andere mit 90 Jahren taufrisch. Ich habe gerade eine wissenschaftliche Korrespondenz mit Professor Mario Bunge, der nächstes Jahr 100 Jahre alt wird. Der höchste Risikofaktor für die Entwicklung einer Alzheimer-Demenz ist das Alter. Da wir im Durchschnitt älter werden, steigt also auch das Risiko.

-Was raten Sie Menschen, um geistig aktiv zu bleiben?

Um geistig aktiv zu bleiben, muss man geistig aktiv sein; das klingt banal, aber das ist offenbar gar nicht so leicht zu erreichen. Man muss seine Aktivität auf Ziele richten, die zu einer Befriedigung führen können. Das ist ohne Anstrengung und auch ohne Frustrationen und Rückschläge nicht zu erreichen. Ich persönlich empfehle gerne, täglich einige Gedichtzeilen auswendig zu lernen. Ich werde deshalb belächelt, doch gibt es dafür gute Gründe. Gedichtzeilen haben eine zeitliche Struktur, und wenn man zeitliche Strukturen anwendet, dann wird die zeitliche Informationsverarbeitung im Gehirn trainiert. Aber Gedichte haben natürlich auch einen Inhalt, oft emotionaler Natur, wenn etwa Schmerz zum Ausdruck gebracht wird. Damit erfüllen Gedichte, die man kennt, die man auch sprechen kann, eine psychotherapeutische Funktion. Man weiß dann, dass es anderen auch so gehen kann. Aber es müssen nicht nur Gedichte sein. Man kann studieren, eine neue Sprache lernen, sich die Welt geistig erobern, etwas gestalten.

-Was sind die schlimmsten Sünden?

Mangelnde körperliche Aktivität. Man sollte mindestens drei Mal die Woche richtig ins Schwitzen kommen. Das empfiehlt jeder gute Arzt. Sport ist auch das beste Antidepressivum. Um seine Schlafqualität zu verbessern, sollte man abends auch nicht zu spät und nicht zu schwer essen. Wenn man älter wird, dann wacht man oft nach wenigen Stunden auf und kann nicht gleich wieder einschlafen. Das ist kein Problem und könnte sogar das natürlichere Schlafen sein. Und den morgendlichen Schlaf sollte man dann nicht durch einen Wecker abkürzen. Viel diskutiert wird der Alkohol-Konsum. Moderater Wein-Konsum zum Beispiel hat eine herzschützende Wirkung. Wer zu viel oder gar keinen Alkohol trinkt hat im Durchschnitt eine schlechtere kognitive Kompetenz. Die schlimmste Sünde: Die Verantwortung für sich auf andere abschieben, beispielsweise auf die ärztliche Zunft. Man muss schon selber leben.

-Gibt es Übungen, einen Trainingsplan, um das Gehirn auf Trab zu halten?

Es ist vermutlich sinnvoll, einen Trainingsplan zu entwickeln und auch einzuhalten; aber nicht sklavisch. Manchmal muss man auch über die Stränge schlagen. Man sollte nicht Sklave seiner selbst werden und jeder Freude aus dem Weg gehen, um damit einen Tag vielleicht länger zu leben. Lebensfreude durch die Befriedigung körperlicher, geistiger und seelische Bedürfnisse muss das Ziel sein.

-Welches Essen ist eine gute Grundlage und Unterstützung für die grauen Zellen?

Alles muss eine Balance haben. Einseitige Ernährung wie der vegane Lebensstil ist des Teufels. Wir sind von der Natur nun einmal anders gemeint, und Ideologien helfen da nicht weiter.

-Sie sind jetzt 78 Jahre alt und immer noch als Hirnforscher, unter anderem an der LMU in München, an der Uni in Peking und seit 1993 an der Leopoldina (Deutsche Akademie der Naturforscher) tätig. Welche Ziele haben Sie noch?

Ich bin beteiligt an dem Aufbau einer Universität in Yangon in Myanmar. Von Singapur ausgehend entwickle ich mit Kollegen ein eurasisches Projekt, um neue Wege in der Forschung zu gehen. Aber hauptsächlich bin ich noch Wissenschaftler, der in der Grundlagenforschung über das Gehirn Neues erkunden will. Das geschieht vor allem mit Doktoranden in Peking und in München. Wobei mir besonders wichtig ist, dass wir die Interdisziplinarität und die Internationalität pflegen.

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