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Einst haben sie ihn aus dem Sperrmüll in Hamburg gezogen: Hedwig Rost und Jörg Baesecke mit ihrem Theater-Koffer, der ihnen erlaubt, sich die Welt unter den Arm zu klemmen – und überallhin mitzunehmen.

Pullacher Ehepaar trat damit in ganz Europa auf

Theater im Koffer: Die kleinste Bühne der Welt kommt ins Münchner Stadtmuseum

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Hedwig Rost und Jörg Baesecke aus Pullach haben mit ihrer Bühne im Koffer Theatergeschichte geschrieben. Durch ganz Europa sind sie damit getourt und haben sogar vor Astrid Lindgren gespielt. Jetzt kommt ihr „kleinstes Theater der Welt“ ins Münchner Stadtmuseum.

Pullach – Dieser Koffer ist gerade mal 25 mal 35 Zentimeter groß und neun Zentimeter tief. Er ist ziemlich abgeschabt, aus Pappe. Und doch enthält er, wenn man so will, die ganze Welt. Er ist nämlich ein Theater – zum Mitnehmen. 30 Jahre lang war dieser Koffer die „Kleinste Bühne der Welt“, auf der die beiden Wahlpullacher Hedwig Rost und Jörg Baesecke die verschiedensten Geschichten gespielt haben. Tragödien und Komödien der Weltliteratur, Märchen und Mythen aus aller Welt, aber auch Selbstgeschriebenes über weltgeschichtliche Ereignisse wie die russische Revolution. Stücke von weltweit bekannten Autoren wie E.T.A. Hoffmann oder Johann Peter Hebel. Jetzt kommt der Koffer, den Jörg Baesecke Anfang der 1980er Jahre aus dem Sperrmüll in Hamburg gezogen hat, ins Museum. Ins Münchner Stadtmuseum, um genauer zu sein, wo er ab dem 8. Februar hinter einer Vitrine in der Puppentheatersammlung zu bewundern sein wird.

Hedwig Rost und Jörg Baesecke sitzen in ihrer gemütlichen Küche in Pullach. Sie sagen, sie werden durchaus wehmütig, wenn sie daran denken, dass die ihren Koffer, aus dem sie beruflich so lange gelebt haben, bald selbst nicht mehr anfassen können. „Ich verdräng’s noch“, meint Hedwig Rost, andererseits sage ihr die Vernunft, dass sie die kleine Kofferbühne in letzter Zeit ja immer seltener auf die großen Bühnen mitgenommen haben, auf denen sie spielten.

Den Sommernachtstraum mit Gurkenstücken

Ein Foto aus den ganz frühen Jahren, aufgenommen bei Hamburg. Hedwig Rost und Jörg Baesecke spielten damals vorwiegend bei Straßenfesten, und Rost machte schon allein deshalb Musik, um die Leute anzulocken. Zu sehen ist hier das Bühnenbild eines russischen Märchens, es heißt „Der Kranich und die Reiherin“. Kranich und Reiherin sind die Flaschenbürsten, ein Kratzschramm aus Kupfer war die aufgehende Sonne. 

Sie seien aus dem kleinen Koffer rausgewachsen, sagen sie. Würden auch wegwollen von der Ironie, die die Stücke, die sie auf ihrer Minibühne ausschließlich mit Alltagsgegenständen gespielt haben, leicht bekamen. Die beiden Liebenden Theseus und Hippolyta aus dem „Sommernachtstraum“ von Shakespeare waren bei ihnen etwa Gurkenstücke, ein Gurkenhobel zwischen den beiden stand für die gesellschaftlichen Gegebenheiten, die sie nicht zusammenkommen ließen. „Orpheus“ wiederum war im Mini-Theater ein braunes Hühnerei, umgeben von den Eierbriketts der Unterwelt, seine Harfe: ein Eierschneider, der am Ende den armen Orpheus zerriss. Heute sagt Hedwig Rost: „Wir haben gemerkt, dass es vielleicht die größere Kunst ist, etwas ernst zu nehmen. Und stimmig rüberzubringen.“

Jörg Baesecke hatte den Koffer noch nicht lang, als die beiden sich kennenlernten in Hamburg. Er machte damals schon Theater, hatte auch schon zwei Stücke quasi im Koffer, ein Märchen und den „Robinson“, der als Filzstift auf einer Insel strandet, die eine umgekehrte Untertasse ist, bewachsen mit einem Eisschirmchen als Palme. Dann gab er einen Workshop, den Hedwig Rost besuchte, sie machte damals schon Musik, auch Tanz, „es ging darum, mich künstlerisch zu finden“. Auch sie meinte schnell, dass man aus der Mini-Bühne mehr machen könne.

35 Produktionen im Koffertheater

1984 brachten sie ihr erstes gemeinsames Stück heraus, den „Sommernachtstraum“. Damals war es noch so, dass Jörg Baesecke das Theater bediente und Hedwig Rost dazu Geige spielte. Was sich schnell änderte. Bald mischten sich die zwei als Erzähler auch in ihre Geschichten ein und schufen so eine zweite Handlungsebene. Rund 35 Produktionen haben sie letztlich in ihrem Koffertheater gezeigt. Wobei jeweils immer schon das Aufbauen dieser besonderen Bühne zur Aufführung dazugehörte. Wenn einer von ihnen die kleinen Silberschnallen am Koffer aufspringen ließ, den Bühnenrahmen festschraubte mit zwei winzigen Schraubzwingen, wie schließlich der rote Seidenvorhang zurückgezogen wurde, auch der Kulissenvorhang sich hob.

Inszenierung der russischen Revolution

Rund 100 Auftritte absolvierten sie im Jahr, bis 1996 haben sie beruflich ausschließlich aus diesem Koffer gelebt. Besonders gern mochten sie ein Märchen aus Schweden: „Der Junge, der sich beim Tod Brot lieh“, weil es leicht ist und gleichzeitig doch ein schweres Thema behandelt, das Sterben. Ihre längste Inszenierung ging um die russische Revolution, die sie mit Streichhölzern und einer brennenden Zigarette nachstellten und die 20 Minuten in Anspruch nahm.

Erstes Gastspiel in Schweden

Nach wenigen Jahren war Hedwig Rost und Jörg Baesecke, die anfangs vorwiegend bei Straßenfesten spielten, der Sprung von der Straße auf die Bühne gelungen. Ihr erstes Gastspiel führte sie noch in den 80er Jahren nach Schweden. Letztlich sind sie sehr viel herumgekommen. Traten in England auf, wo alle immer den Sommernachtstraum sehen wollten, waren in Paris und in Italien – und mehrmals auch in der ehemaligen DDR. Zehn Tage vor der Maueröffnung sind sie noch in Leipzig zu sehen gewesen mit ihrem Revolutionsprogramm, für das sie sogar einen kleinen Eisernen Vorhang hatten bauen lassen – und das sie kurz drauf um die sogenannte sanfte Revolution in den heutigen neuen Bundesländern erweiterten.

Auftritt vor Jugendlichen in Berliner Problemviertel

Einmal, erinnert sich Jörg Baesecke, mussten sie in einem Problemviertel in Berlin spielen. Dort saßen dann auch Problemjugendliche im Zuschauerraum, denen sie ihren „Krieg der Sterne“ zeigten, ohne viel Aufmerksamkeit zu bekommen. „Die haben lieber Rülpswettbewerbe gemacht.“ Dann zeigten sie am Schluss halt noch den „Orpheus“ – und plötzlich wurde es im Zuschauerraum ganz still. Einer der Jungs war Grieche, und er hatte seine Kumpels angewiesen, jetzt gefälligst aufzupassen. Am Ende meinte einer von ihnen: „Ist ja echt brutal, ey.“

Astrid Lindgren war begeistert

Sehr besonders war freilich auch, als sie 1988 für eine Festveranstaltung beim Oetinger-Verlag gebucht worden waren. Sie hatten gewusst, dass Astrid Lindgren kommen würde, sie waren unheimlich aufgeregt. Und dann saß da die große Autorin in der ersten Reihe, neben ihr James Krüss, der ihr, weil sie schon nicht mehr gut sah, immer wieder mal erläuterte, was so passierte auf der winzigen Bühne. Hinterher schrieb sie Rost und Baesecke einen kleinen Brief, darin heißt es: „Ich habe nie so ein kleines und so lustiges und witziges Theater gesehen.“

„Wir sind jetzt in einem Alter, in dem Abschiednehmen anfängt, soll denn unser Köfferchen wieder auf dem Sperrmüll landen?“, meint Hedwig Rost, sie findet: „ Es ist ja eine Ehre, dass es ins Museum kommt.“

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