Menschen stehen am Volkstrauertag vor der Gedenkstätte an der Hochleite in Pullach.
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Wird umgestaltet: die Gedenkstätte an der Hochleite in Pullach – hier bei einer Veranstaltung zum Volkstrauertag.

„Schnellstmöglich zum Ziel zu kommen“

Namen gegen das Vergessen: Erinnerungsort für NS-Opfer in Pullach geplant

  • vonAndrea Kästle
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Die Gemeinde Pullach will einen eigenen Erinnerungsort für die Opfer des Nationalsozialismus schaffen. Eine Kommission wurde dafür wiederbelebt. Sie soll das Projekt vorantreiben.

Pullach – Seit Jahren schon ist die Gemeinde Pullach dabei, die eigene jüngere Geschichte aufzuarbeiten. Von der Historikerin Susanne Meinl hat sie für die Schriftenreihe, die die Kommune selbst herausgibt, die Schicksale antisemitisch verfolgter Menschen im Nationalsozialismus erforschen lassen, auch ein Band zur „Reichssiedlung Rudolf Heß“ auf dem heutigen BND-Gelände ist erschienen. Eine weitere Schriftenreihe-Folge zu den Zwangsarbeitern, die in Pullach beschäftigt gewesen sind, befindet sich in Arbeit. Jetzt will die Gemeinde noch einen Schritt weiter gehen, praktisch die Konsequenzen ziehen aus den gewonnenen Erkenntnissen – und für die NS-Opfer am linken Isarhochufer einen Erinnerungsort schaffen.

Im jüngsten Gemeinderat wurde deshalb beschlossen, die Kommission, die zu dem Zweck schon mal 2011 gegründet worden war, deren Tätigkeit dann aber eingeschlafen ist, wiederzubeleben. Dem Gremium gehören Mitglieder aller Fraktionen an, die beiden Pfarrer am Ort, Archivar Christian Sachse, das Geschichtsforum – und, wie jetzt auf Anregung von Gemeinderätin Christine Eisenmann (CSU) beschlossen worden ist, auch ein Vertreter der Krieger- und Soldatenkameradschaft.

Bedenken: „Was machen wir, wenn wir jemanden vergessen?“

Diskutiert wurde die Angelegenheit in der Sitzung nicht lang, aber durchaus kontrovers. Cornelia Zechmeister (WiP) argumentierte nämlich, es sei nicht nötig, eine weitere Erinnerungsstätte, wie auch immer die dann aussehen mag, zu errichten. Man habe ja schon eine solche Einrichtung an der Hochleite, dort könne man eine zusätzliche Plakette anbringen, „mit angemessenem Text“. Über einen infrage kommenden Spruch habe man sich ja schon Gedanken gemacht – und dann die Formel, die alle Jahre wieder am Volkstrauertag vom Bundespräsidenten verlesen wird, für passend befunden.

Die Betroffenen namentlich aufzuzählen halte sie, so Zechmeister weiter, für nicht zielführend, „was machen wir, wenn wir jemanden vergessen?“ Es gehe jetzt doch darum, „schnellstmöglich zum Ziel zu kommen“.

Bloß keine „Hopplahopp-Lösung“

Unterstützung an dem Abend im Bürgerhaus bekam sie erstmal nicht. Historiker Sachse meinte, namentliches Gedenken sei längst Standard – und den Opfergruppen gegenüber durchaus angebracht. Umso mehr, als ja in der Gedenkstätte an der Hochleite diejenigen, die aus den Reihen der Pullacher im zweiten Weltkrieg gefallen sind, auch mit Namen aufgeführt werden. Da seien im übrigen „zwielichtige Gestalten“ darunter, die verstrickt gewesen sind ins Regime. Überdies, fügte Bürgermeisterin Susanna Tausendfreund (Grüne) an, stehe die israelische Kultusgemeinde, von der Kommune befragt, einem gemeinsamen Gedenkort „absolut ablehnend“ gegenüber.

Auch Grünen-Gemeinderat Peter Bekk fand eine „Hopplahopp-Lösung“ in dem Punkt alles andere als angeraten. Gerade im Hinblick auf den wieder aufkeimenden Antisemitismus, die rechtsradikalen Tendenzen, mit denen unsere Gesellschaft zu kämpfen habe.

Erstes Thema, mit dem sich die Kommission, wenn sie jetzt wieder zusammentritt, befassen muss, ist freilich, einen geeigneten Ort zu finden – für die neue Gedenkstätte. „An dieser Diskussionsstelle“, sagte Bürgermeisterin Susanna Tausendfreund, „sind wir bisher hängen geblieben“.

Auch in Unterschleißheim will die Stadt den Zwangsarbeitern gedenken, die in der Flachsröste Lohhof arbeiten mussten. Doch ein Irrtum bremst das Projekt aus.

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