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Benjamin Comparot, Gesamtleiter des Hornfestivals „Carnaval du Cor“. Er hat deshalb Horn gelernt, weil seine Mutter, die Kirchenmusikerin in Augsburg war, dringend einen Hornisten für ihr Orchester gebraucht hat.

Weltrekord-Hornist verrät: „Wir sind ein bisschen eigen“

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Es ist mittlerweile das größte Festival seiner Art in Europa: Am Wochenende kommen auf Burg Schwaneck in Pullach 163 Hornisten aus 16 Ländern zum „Carnaval du Cor“ zusammen, um gemeinsam Musik zu machen. Das ist nicht nur rekordverdächtig, im vergangenen Jahr haben die Musiker gar einen Weltrekord aufgestellt. Grund genug, bei Gesamtleiter Benjamin Comparot nachzufragen, was das Geheimnis seines Erfolges ist.

Pullach - Am Wochenende kommen auf der Burg Schwaneck 163 Hornisten aus 16 Ländern zusammen. Um gemeinsam Musik zu machen, und um Unterricht bei namhaften Dozenten zu nehmen. Inzwischen ist das Festival das größte seiner Art in Europa und erfreut sich Jahr für Jahr größerer Beliebtheit. Davon haben auch Nicht-Hornisten etwas: Denn die Musiker geben drei Konzerte, mit drei verschiedenen Konzertprogrammen an drei verschiedenen Orten. Einer dieser Orte ist die Erlöserkirche in Schwabing, dort spielen die „Hörnchen“, wie sie sich selbst augenzwinkernd nennen, am Faschingssamstag ab 19 Uhr Werke aus Klassik, Romantik, Pop und Filmmusik. Gesamtleiter des munteren Events ist der Augsburger Benjamin Comparot, der selbst mit zehn angefangen hat, Horn zu spielen und es letztes Jahr im Rahmen des Festivals geschafft hat, dass sich 140 Festivalteilnehmer und 139 hornspielende Gäste aus ganz Bayern an einem Nachmittag im Otfried-Preußler-Gymnasium in Pullach zusammen fanden und Musik von Richard Wagner spielten. Mit diesem Rekord – 279 Hörner – stehen Benjamin Comparot und seine Mitstreiter bis heute im Guinnessbuch der Rekorde – als größtes Hornensemble der Welt. Ein Gespräch darüber, wie man es schaffen kann, derartige Ereignisse auf die Beine zu stellen, ohne die Nerven zu verlieren.

Wie schaffen Sie das – 163 Musiker unter einen Hut bringen?

Das ist manchmal nicht ganz leicht, zumal wir im Vergleich zum Vorjahr erneut um rund 15 Prozent gewachsen sind. Ich glaube, für mich in Anspruch nehmen zu können, dass ich recht strukturiert und gründlich arbeite. Das hilft. Außerdem bin ja nicht allein. Mein Schulfreund und Mitorganisator Markus Meyr-Lischka hilft mir und auch einige Teilnehmer, die schon länger dabei sind. Heuer sind es ungefähr 40 Debütanten, also rund ein Viertel der Teilnehmer. Hier telefoniere ich viel oder skype, um „die Neuen“ optimal auf das Festival vorzubereiten.

Sind da auch Anfänger dabei?  Oder kommen zum "Carnaval du Cor" nur wenigstens ambitionierte Laien? Schließlich haben Sie beste Dozenten!

Nein nein, bei uns machen durchaus auch Anfänger mit! Allerdings, klar, die sind schon in der Minderzahl. Ungefähr fünf Prozent sind es insgesamt. Die meisten sind ambitionierte Laien, 30 Prozent sind Hornstudenten. Eine recht neue Entwicklung ist, dass sich auch junge Profis – wohlgemerkt als Teilnehmer! – für das Festival anmelden. Sie haben bereits eine Anstellung im Orchester gefunden, versprechen sich aber dennoch von unseren herausragenden Dozenten weiteren Input. 


Welche Dozenten sind das denn in diesem Jahr?

Die Liste ist lang. Stellvertretend möchte ich Radek Baborák nennen, früher Solohornist der Berliner Philharmoniker und vermutlich der beste Hornist weltweit. Ihn konnten wir als Stargast gewinnen. Radek hat seine Stelle in Berlin gekündigt, weil er sich ganz auf seine Solokarriere konzentrieren will. Das erleben die in Berlin auch nicht alle Tage. Professor Ab Koster ist dabei, einer der Doyens der Horn-Ausbildung überhaupt. Johannes Lamotke, der soeben bei den Berliner Philharmonikern angenommen wurde. Andreas Kreuzhuber, der ist erst Anfang 20 und schon Solohornist bei den Bamberger Symphonikern. ARD-Preisträger Marc Gruber, aus Stockholm kommt Martin Schöpfer – das Line-up 2020 ist wirklich grandios!

Haben Sie immer so tolle Dozenten?

In den letzten Jahren definitiv. Und das hat auch an anderer Stelle wieder positive Auswirkungen. Nur ein Beispiel: Letztes Jahr war Matias Piñeira als Dozent bei uns, Solohornist bei den Münchner Philharmonikern. Und weil Matias Chilene ist und scheinbar sehr positiv über uns spricht, kommen heuer auch ein paar Hornstudenten aus Chile zum Festival.

Überhaupt, das Festival ist auch von den Teilnehmern international besetzt, oder?

Ja, wir haben heuer Anmeldungen aus 16 Nationen. Dabei sind natürlich Österreich, die Schweiz, Italien und Dänemark, endlich auch mal Spanien, dann Estland, Chile, die USA, Australien, Brasilien, um nur einige zu nennen. Zum ersten Mal kommt auch eine Hornistin aus dem Irak! Es war gar nicht so einfach, für sie die nötigen Papiere zu beschaffen, aber wir haben alles zusammen bekommen. 


Wann fangen Sie jeweils an, das Festival zu organisieren? Es klingt fast schon nach einem Fulltime-Job!

Das sagt meine Frau auch (lacht). Wenn ein Festival rum ist, wird es schon sehr konkret für die nächste Ausgabe. Bestimme Absprachen, gerade bei den Dozenten, trifft man auch über mehrere Jahre hinweg. Als „Fingerübung“ zwischendurch veranstalten wir auch immer noch eine kleine Zusatzausgabe im Herbst, für alle die, die sich lieber im kleineren Kreis treffen möchten. Back to the roots, könnte man sagen, denn diese Zusatzausgabe findet in derselben urigen Wanderhütte auf der Schwäbischen Alb statt, wo wir uns im Jahr 2000 das allererste Mal trafen. Die heutige Festivalgröße erreichten wir übrigens eher sprunghaft. In manchen Jahren waren wir kaum 20 Teilnehmer! Es gab sogar erste „Einschlaftendenzen“, und da war mir klar, entweder Du gibst jetzt Gas oder das war’s. Markus und ich haben uns für die erste Variante entschieden, und irgendwann wurde es dann fast zum Selbstläufer. Die Dozenten wurden immer namhafter, dadurch zogen die Teilnehmerzahlen an - bis wir 2016 mit 54 Musikern endgültig die Belastungsgrenze „unserer“ Weidacher Hütte erreicht haben. 2017 kam dann der große Sprung auf 100 Teilnehmer im Claretinerkolleg in Weißenhorn, und seit 2018 sind wir in der herrlich romantischen Burg Schwaneck in Pullach untergebracht. Allerdings reichen auch hier die vorhandenen Betten kaum mehr aus.

Kommen Sie überhaupt noch zum Arbeiten? Im Hauptberuf sind Sie ja Geschäftsführer in einem Sachbuchverlag!

Zum Glück komme ich mit recht wenig Schlaf aus. Einen 13 Monate alten Sohn habe ich schließlich auch noch, eine Buchhandlung in Berlin, ein festes Bläserquintett, das ich manage und mit dem wir ganz gut im Geschäft sind, und eben das Hornfestival zweimal im Jahr. Ein bisschen viel ist es manchmal schon. Meine Frau hat mir jedenfalls schon angedroht: Wenn Du nochmal einen Guinness-Rekord organisierst, lasse ich mich scheiden! Sie hatte dabei so ein Funkeln in den Augen. Ich denke, ich sollte das sehr ernst nehmen (lacht).

Was haben Sie eigentlich für Rückmeldungen auf den Weltrekord bekommen?

Unser Eintrag im Guinnessbuch der Rekorde hat natürlich für einigen Wirbel in der Hornszene gesorgt. Unsere Facebook-Gruppe hat auf einen Schlag 400 Mitglieder mehr gehabt. Ein paar Sticheleien gab es natürlich auch, von Musiker-Kollegen, die gesagt haben, sie haben schonmal ein größeres Ensemble zusammengetrommelt … 


Aber das muss man dann halt, wenn man einen Eintrag bei Guinness will, auch dokumentieren, richtig?

Eben! Und den Beweis zu führen, dass man den Rekord tatsächlich aufgestellt hat, ist enorm aufwendig. Das Guinness-Regelwerk umfasst etwa 30 Seiten in kleiner Schriftgröße. Das müssen Sie alles einhalten, sonst wird es nichts.

Jetzt müssen Sie mir noch erklären: Was ist das Besondere am Horn als Instrument?

Vor allem seine Vielseitigkeit! Der Tonumfang geht über vier Oktaven. Ein Horn kann man, wenn man es kann, leiser spielen als eine Querflöte, es kann aber auch lauter sein als eine Trompete. Man kann weich darauf spielen oder aggressiv. Und dann erst dieser „samtene“ Klang in der Mittellage... Nicht umsonst hat Robert Schumann gesagt, das Horn sei die Seele des Orchesters. Noch Fragen?

Und sind denn nun Hornisten besonders nette Menschen?

Na klar. Aber wir sind auch ein bisschen eigen. Wer Horn lernen will, braucht schon auch die Persönlichkeit dazu. Unser Instrument kann man nicht immer perfekt spielen. Das führt schon mal zu Reibungen, und bisweilen ist vielleicht auch was Nerdiges in unserer Art. Positiv formuliert interessieren wir uns sehr für das, was wir tun, und vernetzen uns unheimlich gern. Auch deshalb funktioniert unser Hornfestival so gut!

Und bleibt beim Festival nun auch noch Zeit, um zu feiern?

Ich bitte Sie … Das ist sogar ein echter Schwerpunkt bei uns! Prima Dozenten haben andere, ähnlich gelagerte Veranstaltungen, natürlich auch. Das alleine reicht aber nicht. Wenn wir zusammenkommen, vibriert auf allen Ebenen buchstäblich die Luft. Die mit weitem Abstand größte Altersgruppe ist die zwischen 18 und 29. Geschlafen wird bei uns eher zuhause.

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