+
Hannah Stegmayer ist Leiterin des Bürgerhauses in Pullach.

Pullachs Bürgerhaus-Leiterin spricht ein Plädoyer für die Kulturbranche

„Wir sind wichtiger als die chemische Industrie“

  • Marc Schreib
    vonMarc Schreib
    schließen

Pullachs Bürgerhaus-Leiterin Hannah Stegmayer hat ihr Herz der Kultur und ihrem Auftrag verschrieben. Sie sitzt an der Schnittstelle zwischen Theater- und Konzertbesuchern einerseits und den Künstler auf der anderen Seite. Beide sind auf ihre Weise stark betroffen von der Coronakrise, was Hannah Stegmayer nicht unberührt lässt.

Pullach – Sie verweisen in Ihrem Plädoyer im gemeindlichen Amtsblatt auf die Kultur, die uns abgeht.

Ich übe auch ein bisschen Kritik an den Medien, weil sie momentan wenig Material haben. Sie sind in einem ähnlichen Dilemma wie der Künstler.

Inwiefern?

Der Künstler versucht sich in neuen Formaten im digitalen Bereich. Das finde ich ziemlich problematisch, muss ich sagen. Denn es kommt dadurch zu einer Sättigung, und die Zuschauer wollen das gar nicht mehr sehen. Die große Begeisterung für die Digitalisierung ist mit Vorsicht zu genießen, weil sich die Künstler in einen Bereich begeben, in dem sie nicht zu Hause sind.

Sie sind an einer Schnittstelle, von der aus Sie die Entwicklung gut von allen Seiten betrachten können.

Ja, und ich denke, dass wir einen kulturpolitischen Auftrag als Kulturamt haben. Die Kreativwirtschaft ist ein Wirtschaftsfaktor mit Stellenwert. Sie trägt drei Prozent des Bruttoinlandsproduktes bei. Das gibt das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie kund. Unser Zweig ist in Sachen Wertschöpfung bedeutsamer als die chemische Industrie und weist einen Umsatz von rund 100 Milliarden Euro pro Jahr auf. Ich bin der Frage nachgegangen, ob Kultur systemrelevant ist. Die Zahlen jedenfalls belegen das eindeutig. Das Problem, bei einem wegfallenden Kulturbetrieb bleiben die Inhalte aus. Dabei ist Kultur eben das, was den Geist beweglich macht, was Verhaltensmuster vorgibt. Und was auch abschreckende Beispiele aufführt, über die man schreiben kann und worüber sich diskutieren lässt. Es ist eine gehaltvolle Nahrung für den Geist, und wir kommen nicht in die Versuchung, uns nur noch mit banalen Themen zu beschäftigen. In der Literatur ist alles viel konturierter dargestellt als im wirklichen Leben.

Sie haben da bestimmt persönliche Präferenzen?

Nehmen wir den Fall vom „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ von Bertolt Brecht, eine Goldgräberstadt, und vergleichen es mit Pullach. Man verspielt alles, weil es einem zu gut geht und man ins Dilemma gerät. Oder anderes Beispiel: Michael Kohlhaas von Kleist. Da geht es um jemanden, der sich aufgrund seines Gerechtigkeitssinnes streitet. Dadurch gelangt er bis zum Ruin. Sie haben hier eine Gemeinderatsdiskussion über Macht und Ohnmacht. Und jeder will Gerechtigkeit, aber was ist das, wenn ich so lange darauf hinarbeite, bis ich ruiniert bin? Dem Michael Kohlhaas sind seine Pferde verhungert. Oder die Ehre der Katharina Blum. Hier wird eine Frau zur Mörderin. Zunächst einmal wird sie aber von den Medien zerpflückt und in die Enge getrieben. Denn ist einmal etwas Falsches im Umlauf, gehört einem das eigene Wort nicht mehr und es nimmt eine eigene Richtung an. Alles aktuelle Themen, über die es sich zu diskutieren lohnt.

Das heißt, Sie sehen auch mit Sorge auf die Entwicklung in Pullach?

Ja. Nichts ist logisch, alles ist psychologisch. Es gibt viele Individuen mit Empfindlichkeit und eigener Perspektive, und jeder hat irgendwie Recht. Und jetzt gibt es Instrumentalisierungen, aber in einem Machtkampf setzt sich am Ende der politisch Stärkere durch. Altes Spiel. Der Idealist setzt sich vielleicht gar nicht durch. Trotzdem geht jeder mit einem Schaden raus.

Wie wird das Bürgerhaus aus der Coronazeit hervorgehen, haben Sie da eine Prognose?

Die Erfahrung, die ich mache: Die Kunden, die jetzt die Karten kaufen, schreiben uns wahnsinnig viele Briefe. Sie freuen sich sehr auf eine neue Saison und haben ein ungeheures Bedürfnis nach Kultur. Sie machen sich um die Künstler Sorgen. Einige sind sehr weitsichtig und sagen: „Wenn wir jetzt nichts für die Künstler tun, gibt es sie später nicht mehr, wenn wir sie brauchen.“ Denn jetzt gehen Strukturen kaputt, wenn sich die Künstler zurückziehen. Die Aufbauarbeit ist extrem schwierig. Bis der Künstler als Einzelkämpfer einen Marktwert besitzt, dauert es sehr lange.

Gibt es Künstler, die in Pullach aufgetreten wären und die den Ausfall nun schmerzlich beklagen?

Ja natürlich. Wir haben ja auch welche engagiert, die relativ neu und jung sind und noch nicht etabliert. Wir betreiben Aufbauarbeit. Auf hohem Niveau. Und die Künstler hatten noch keine Möglichkeit, sich Reserven aufzubauen. Für sie ist es existenzgefährdend. Meine Veranstaltungsplanung erstreckt sich über mehrere Jahre: Jetzt ist es so, dass wir die Saison genau um ein Jahr verschieben. Aber auch alle Buchungen, die bereits für 2021 vorgenommen wurden, sollen stattfinden. Es wird daher ein kulturell reicher Frühling zwischen März und Juli 2021. Wenn es möglich ist. Ich hoffe und bin zuversichtlich, dass die Besucher die größere Dichte annehmen.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Sanierung der Alten Apotheke beginnt Anfang 2021
Gute Nachricht für die Vereine: Mit der Sanierung der Alten Apotheke an der Bahnhofstraße in Höhenkirchen-Siegertsbrunn soll Anfang 2021 Jahres begonnen werden.
Sanierung der Alten Apotheke beginnt Anfang 2021
Glasfaser-Ausbau für Badersfeld zum Nulltarif?
Der Ortsteils Badersfeld ist der letzte weiße „Highspeed“-Fleck in Oberschleißheim. Nun schiebt die Gemeinde den Breitbandausbau an. Der könnte günstig werden, aber auch …
Glasfaser-Ausbau für Badersfeld zum Nulltarif?
VHS-Nord bietet komplettes Programm an - Der Leiter erklärt, wieso
Die Volkshochschulen hatten zu kämpfen, haben es teilweise noch. An der VHS-Nord wird das komplette Programm durchgezogen - und das Semester wurde verlängert.
VHS-Nord bietet komplettes Programm an - Der Leiter erklärt, wieso
Bei der Höhenkirchner Feuerwehr brennt’s: Hilft ein neues Führungsduo?
Sie haben zu wenig Personal, um tagsüber Einsätze zu fahren, und jetzt tritt auch noch ein neues Führungsduo den Dienst an: Bei der Feuerwehr Höhenkirchen knistert‘s.
Bei der Höhenkirchner Feuerwehr brennt’s: Hilft ein neues Führungsduo?

Kommentare