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Geheimdienste: Hier waren sie in und um München aktiv

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Von: Andrea Kästle

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 Der Stacheldraht des Bundesnachrichtendienstes (BND) gehört längst zum Ortsbild in Pullach. 
 Der Stacheldraht des Bundesnachrichtendienstes (BND) gehört längst zum Ortsbild in Pullach.  © Andrea Kästle

In Herrsching befand sich ein Versteck für Überläufer aus dem Osten. Von Schleißheim aus versuchte der „Foreign Broadcast Information Service“ der CIA über Satellit laufende Kommunikation der Sowjetunion zu belauschen. Im Großraum München waren während des Kalten Kriegs Nachrichtendienste aus der ganzen Welt zuhause,

Pullach/Ismaning - Im Umgriff der Landeshauptstadt unterhielten Geheimdienste über 250 Dienststellen, über die der Journalist Finn Overdick seit Jahren recherchiert. Jetzt hat er für die Volkshochschule im Norden des Landkreises seine Erkenntnisse in einem hoch spannenden Vortrag zusammengefasst.

Spinnennetz im Verborgenen

Die Veranstaltung konnte im Stream, aber auch live verfolgt werden, was ungefähr zu gleichen Teilen genutzt worden ist. Rund 15 Leute waren in die Volkshochschule Ismaning gekommen, 18 schalteten sich von zuhause aus zu. Sie bekamen, wie VHS-Direktor Lothar Stetz sich ausdrückte, einen „faszinierenden Einblick in eine Gegenwelt“ vermittelt, mit der man im Alltag freilich keinerlei Berührungspunkte hat. „Unfassbar“, fand er, „welches Spinnennetz“ Agenten und Verfassungsschutz gewebt hätten in Oberbayern, „man ist fasziniert und erschrocken“.

Terroranschläge verhindert

Dabei, das sagte Finn Overdick natürlich auch, „brauchen wir Nachrichtendienste. Sie sind ein wichtiges Element eines Staates“. Sprechen über sie würde man freilich nur, wenn es darum geht, über Misserfolge zu berichten. „Einige Terroranschläge in Deutschland konnten verhindert werden dank der Arbeit der Dienste. Das ist wichtig, darüber wird nicht gesprochen.“ Auch über Afghanistan sei der BND bestens im Bilde gewesen. Allerdings kämen Pannen vor bei der Übermittlung der Informationen, die dann überdies, wenn sie mal angekommen sind, auch nicht immer richtig interpretiert würden: „Das ist das Problem.“

Geheimdienst-Akten im Online-Archiv

Dabei ist allein schon spannend, wie Overdick überhaupt dazu kam, sich mit dieser Parallelwelt zu befassen, zu deren Wesen es gehört, dass eben genau nicht publik wird, was in ihr passiert. Der Journalist, der aus Luxemburg kommt, war Mitte 2017 zufällig im öffentlichen Online-Archiv der CIA auf alte Geheimdienst-Akten gestoßen, darin kamen auch Tarnadressen des Pullacher BND vor. Er hatte dann einen Burnout, hörte auf bei der Tageszeitung, für die er gearbeitet hatte, und zog nach München. Der Liebe wegen. Und begann hier, die Dependancen des Nachrichtendienstes, auf die er gestoßen war, zu fotografieren und die Bilder auf Instagram und Twitter zu posten. Er ist in den Netzwerken „le cueilleur“, der Sammler.

In Ismaning nun zeigte sich, wie groß die Sammlung seiner Geschichten bereits ist. Keine Frage, auf die er nicht kundig und ausführlich antworten konnte. Seinen Vortrag unterlegte er mit vielen Außenaufnahmen, außerdem mit einer Karte, auf der er mit grünen und roten Punkten die verschiedenen „Niederlassungen“, von denen niemand wissen sollte, was darin vorging, markiert hat. Die Karte war ziemlich bunt.

 Der Eingang des BND in der Heilmannstraße in Pullach.
 Der Eingang des BND in der Heilmannstraße in Pullach. © Andrea Kästle

Aus Camp Nikolaus wird der BND

Dabei war die Gegend um München allein schon wegen ihrer geografisch günstigen Lage Ausgangspunkt zahlreicher Operationen. Wichtigster Akteur war freilich die von der USA finanzierte „Organisation Gehlen“, intern, weil sie „am 6. Dezember 1946 oder 1947“ in der ehemaligen Bormann-Siedlung in Pullach Quartier bezogen hatte, „Camp Nikolaus“ genannt, aus der dann im April 1956 der BND hervorgegangen ist. Tarnadressen, Scheinfirmen, geheime Häuser, Wohnungen und konspirative Schulen und Abhörstationen: Alles war bald vorhanden in Oberbayern. In München-Solln in der Heilmannstraße gab es den Club „The Bridge“ mit Kino und Bar, in den die Amerikaner ihre deutschen Kollegen gern einluden, wobei die Gäste nach dem dritten Bier mitunter mehr ausplauderten, als Gehlen lieb sein konnte. Derweil unterhielt die CIA unter anderem in Murnau paramilitärische Ausbildungsstätten mit dem Ziel, kommunistische Länder zu destabilisieren. Nur, leider: Von den Untergrundkämpfern, die nach entsprechender Vorbereitung dann nach Albanien oder in die Sowjetunion entsandt worden sind, haben die wenigsten überlebt. „Die meisten wurden verraten und umgebracht.“

BND-Depot in Hochbrück

So ging es weiter und weiter, Overdick wurde kaum fertig mit seiner Aufzählung: In der Villa Amalienburg am Tegernsee wurden Mitarbeiter in psychologischer Kriegsführung gegen die Sowjetunion geschult, in Bogenhausen unterhielt das amerikanische Verteidigungsministerium bis 2010 eine luxuriöse Verbindungsstelle: „Die Villa mit verbunkertem Keller steht heute noch leer.“ Aber auch mitten in München fanden sich Außenposten des BND - in der Türkenstraße in den 50er Jahren gleich „sechs oder sieben“. In Hochbrück wiederum hatte der Pullacher Nachrichtendienst auf einem Riesen-Areal ein Depot, bis etwa 2006. „Viele Dienststellen gab es jahrelang, andere nur monatelang.“

 Geheimdienst-Experte Finn Overdick. 
 Geheimdienst-Experte Finn Overdick.  © privat

Pool und Tennisplatz im Geheim-Quartier

Freilich ist der BND mit seinen ehemals 7000, teilweise NS-belasteten Mitarbeitern mehrfach reformiert und restrukturiert, auch verkleinert worden. Auch das Areal in Pullach und seine Nutzung wurden an dem Abend von Overdick erklärt; so hätten die Mitarbeiter Tennisplätze zu ihrer Verfügung gehabt und auch einen Pool, ferner vor Ort vorhanden: eine eigene Tankstelle, eine Waschanlage, „bis Anfang der 90er Jahre standen Lkw abfahrbereit in den Garagen“. Für den Fall, dass der Osten übergriffig werden würde.

Gespräche mit den Taliban

Unter Klaus Kinkel fanden in der „Präsidentenvilla“ auch „inoffizielle Gespräche mit den Taliban“ statt. Die Umsiedlung nach Berlin, die ja in Teilen schon stattgefunden hat, darf man sich durchaus aufwendig vorstellen. Die hochgeheimen Unterlagen wurden nachts in Lastwagen Richtung Norden gefahren, jeweils einem Lastwagen sei ein „schwer bewaffneter Dienstwagen“ gefolgt, sagte Overdick. Das BND-Büro in der Bundeshauptstadt: das größte zusammenhängende Bürogebäude Europas.

Geheimdienst öffnet sich

Inzwischen, auch das ließ der Journalist nicht unerwähnt, geht der BND offen mit seiner Vergangenheit um und gewährt Außenstehenden durchaus auch Einblicke in die eigenen Strukturen. Ja, meinte Finn Overdick abschließend, er habe schon vor, sein gesammeltes Wissen mal in Buchform zu veröffentlichen. Er sei aber mit den Recherchen noch nicht ganz fertig.

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