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Prunk und Protz regierten im Inneren, hier das Treppenhaus.

Bellemaison in Pullach mit bewegter Geschichte

Sternheim-Villa: Trügerischer Prunk

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Das Bellemaison in Pullach hat eine bewegte Geschichte: Hohe Herrschaften gingen ein und aus, van Gogh hing an den Wänden. Doch Protz und Prunk trügten. 

Pullach – Hier verkehrten Frank Wedekind und Alexej von Jawlensky. Das Haus beherbergte eine beachtliche Bibliothek und eine der bedeutendsten Kunstsammlungen des frühen 20. Jahrhunderts: Im „Bellemaison“, dem schönen Haus in Höllriegelskreuth, das seinen Erbauern leider kein Glück brachte. Ihm widmet sich der soeben erschienene siebte Band der „Pullacher Schriftenreihe“.

Autor der bestens zu lesenden Broschüre ist Michael Davidis, ein in Pullach aufgewachsener Historiker, der lange im Literaturarchiv in Marbach gearbeitet hat. und der die bedeutende Dichterresidenz mit der wechselvollen Geschichte selbst noch kennt aus der Nachkriegszeit, als sie vorübergehend umfunktioniert worden war in eine homöopathische Klinik.

„Sichtbares Denkmal der Liebe“

Als „sichtbares Denkmal unserer Liebe“ hatte der Schriftsteller Carl Sternheim das im Stil Ludwigs XVI. erbaute Schlösschen in den Grünzug am südlichen Rand von Pullach pflanzen lassen. Aber genau sie, die Liebe, wurde in der prunkvoll eingerichteten, viel zu protzig geplanten Villa am Ende nie heimisch. Schon ein halbes Jahr nach ihrem Einzug im Juni 1908 sehnte sich Carls zweite Frau Thea wieder fort. Sie hatte sich im Provisorium in der Habenschadenstraße 33 viel wohler gefühlt. Das hatten die beiden bewohnt, seitdem sie schon geschieden war von ihrem ersten Mann. „Bellemaison“ war aber noch Baustelle war. Das Provisorium war in den Tagebüchern ihr „kleines Haus am Rand der Felder“.

Lüster aus Nyhmphenburg und 12 van Goghs

Derweil scheint Sternheim einen Hang dazu gehabt zu haben, über seine Verhältnisse zu leben. Er nutzte, schreibt Davidis, sein „schönes Haus“ weniger „als Ort geistiger Auseinandersetzung“ denn als „Bühne eitler Selbstdarstellung“. Bestückte die Bibliothek mit kostbaren und aufwendig gebundenen Erstausgaben deutscher und französischer Literatur, möblierte die 32 Zimmer mit Möbeln aus Paris und ließ fürs Speisezimmer eigens einen Porzellanlüster in Nymphenburg anfertigen. Die Kunstsammlung war spektakulär und beinhaltete unter anderem zwölf van Goghs. Aber Thea fand, das ganze Schlösschen sei doch nur „Beton auf Kies“.

Unglückliche Ehe

Und während in ihrem Traum von einem Haus Künstler, Schriftsteller und Politiker ein und aus gingen und sich eintrugen ins Gästebuch, haderte Thea mit ihrem neuen Leben an der Seite des ehemaligen Geliebten – der nun ihr verschwenderischer Mann geworden war. „Warum achtet man mich?“, fragte sie sich in ihren Tagebuchnotizen. Sie fürchtete: „Nicht darum, weil ich das tue, was ich für richtig halte, aber wohl darum, weil ich … mich gut anziehe, Geld ausgebe.“

Sternheims Verwandtschaft ging ihr längst ziemlich auf die Nerven: Der Schwager von Carl, der Architekt gewesen war und „Bellemaison“ konzipiert hatte, wohnte nebenan. Später ging auch noch sein Vater bankrott – und zwang die Sternheims endgültig, den ungeliebten Wohnsitz aufzugeben nach nur vier Jahren.

Die Villa Sternheim ist heute der Firmensitz der Schoeller Group.

Zu der Zeit war Thea ohnehin gefühlsmäßig schon nicht mehr in Pullach zuhause. „Das einstmals reizende Dorf“ verliere „immer mehr seinen ländlichen Charakter“, klagte sie. Die Bayern waren der gebürtigen Rheinländerin ohnehin „das unerträglichste Volk, das ich kenne“. Dazu kam, dass in unmittelbarer Nachbarschaft Albert Pietzsch Pläne schmiedete für seine Elektrochemischen Werke – gegen die Carl Sternheim als Gemeindebevollmächtigter, zu dem er sich hatte wählen lassen, erfolglos ankämpfte.

800 000 Mark Schulden hatte ihm sein Vater hinterlassen, 600 000 generierten er und Thea aus dem Verkauf von „Bellemaison“. Sie siedelten nach Belgien, wo er, ein „Halbjude“ nach den absurden Rassegesetzen der Nazis, überlebte. Irgendwann trennte sich das Ehepaar. Er heiratete noch einmal, eine Tochter Wedekinds – aber auch diese Ehe hielt nicht.

Klinik für Nazis

Derweil gaben im Schlösschen alle paar Jahre neue Schlossherren einander die Klinke in die Hand. Bellemaison gehörte erst einem schwerreichen Junggesellen, der die einstige Dichterresidenz mit Jagdtrophäen und ausgestopften Tieren bestückte, schließlich kauften sich dort die Schaumburg-Lippes ein, die 1936 bei einem Flugzeug-Absturz ums Leben kamen. Dann wurde die Villa zur homöopathischen Klinik, in der sich gern die Nazis behandeln ließen. Später hätte man das Anwesen fast abgerissen, während rundherum die Industrie wuchs. 

Kulisse für Gruselfilm

Davidis schreibt: Bei einer abendlichen Fahrt mit der Isartalbahn in den frühen 1980er Jahren sei ihm mal ein „Lichtschein aus der Ruine“ aufgefallen. Kurzentschlossen stieg er aus und traf in dem einst so stolzen, jetzt heruntergekommenen Haus ein Filmteam an, das vor der Südfassade einen Gruselfilm drehte. „Die Sorge, dass die bewegte Geschichte der … herabgesunkenen Villa selbst als Gruselstory mit der Abrissbirne als Hauptakteurin enden könnte, erwies sich glücklicherweise bald als gegenstandslos.“ Denn 2002 kaufte sich die Schoeller Group in „Bellemaison“ ein. Die Villa fungiert als Firmensitz des Unternehmens, das die heute gängige Bierflaschen-Kiste aus Kunststoff erfunden hat.

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