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„Keine düsteren Bilder in den Kopf setzen“: Psychologin erklärt, wie man mit Kindern über Krieg spricht

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Nicht immer kann man Kinder vor den Bildern des Krieges beschützen. Um so wichtiger ist es, den richtigen Umgang zu finden, um Kinder so wenig wie möglich zu belasten. 
Nicht immer kann man Kinder vor den Bildern des Krieges beschützen. Um so wichtiger ist es, den richtigen Umgang zu finden, um Kinder so wenig wie möglich zu belasten.  © Vadim Ghirda/dpa

Erst der S-Bahn-Unfall in Schäftlarn, jetzt der Krieg in der Ukraine. Wie spricht man mit Kindern über diese Themen, wieviel Wahrheit verkraften sie? Sybille Steidinger, Heilpraktikerin für Psychotherapie aus Pullach, gibt Tipps.

Es ist Krieg in Europa, und die Medien sind voll davon. Soll ich versuchen, das Ganze von meinem Grundschulkind fernzuhalten?

Sybille Steidinger: Zeitungen würde ich dieser Tage nicht proaktiv so hinlegen, dass ein Grundschulkind ungeschützt die Schlagzeilen lesen und die Bilder dazu sehen kann.

Ab welchem Alter würden Sie die Kinder die Tagesschau ansehen lassen?

Sicher nicht vor der weiterführenden Schule. Für jüngere Kinder gibt es altersgerechte Sendungen. Wichtig ist vor allem, mit den Kindern dann darüber zu sprechen.

Wenn mein Kindergartenkind von sich aus den Krieg nicht anspricht, soll ich als Mutter das dann tun? Nach dem Motto: Du hast sicher mitbekommen, dass…

Davon würde ich eher abraten. Ich würde erst versuchen herauszubekommen, ob im Kindergarten das Ganze schon Thema war, auch beobachten, wie es dem Kind überhaupt geht. Ob es verunsichert wirkt, aggressiv, ob es Ängste hat. Gleichzeitig sollten Eltern aber auch in sich selbst hineinhorchen, rausfinden, wo sie selbst Ängste haben – und ob die situationsgerecht sind oder nicht.

Was heißt das?

Es kann auch sein, dass der Krieg Angstfantasien in mir weckt, die ich von meinen Eltern mit eigener Kriegsgeschichte übernommen haben könnte.

Wenn man große Ängste hat, was hilft dagegen?

Sich mit dem Partner auszutauschen, aktiv zu werden, sich zu engagieren. Dann ist man nicht mehr so hilflos, das wirkt auch koregulierend auf die Kinder.

Bei Grundschulkindern ist klar, dass sie vom Krieg in der Ukraine wissen.

Ich würde trotzdem, ehe ich irgendwas sage dazu, immer erst versuchen rauszukriegen, was das Kind schon weiß. Also fragen: ,Was hast Du mitbekommen davon, redet ihr in der Schule darüber, was denkst Du?’, solche Sachen.

Was antwortet man, wenn die Kinder wissen wollen, ob der Krieg zu uns kommen kann?

Man sagt, was Sachstand ist. Momentan gibt es diesen Krieg, weit entfernt von uns, aber es gibt auch Friedensgespräche, die zwar schwierig sind, aber weiterlaufen. ,Das werden wir nun Schritt für Schritt weiterverfolgen’, kann man sagen.

Also keine düsteren Voraussagen.

Nein, man setzt den Kindern keine Bilder in den Kopf, die nicht notwendig sind. Gut ist auch, wenn man sagt: ,Denk doch an dieses und jenes Buch, in der Mitte war es so spannend und alles schien so schwierig – und es ist doch gut ausgegangen’.

Sybille Steidinger, Heilpraktikerin für Psychotherapie, ist zusätzlich auf Kinder und Jugendliche spezialisiert.
Sybille Steidinger, Heilpraktikerin für Psychotherapie, ist zusätzlich auf Kinder und Jugendliche spezialisiert. © Andrea Kästle

Würden Sie Ihr Grundschulkind auf eine Demo mitnehmen?

Eher nicht. Vielleicht zündet man mit ihm erstmal besser eine Kerze an in der Kirche.

Schwierig ist ja, dass auch schon Grundschüler Smartphones haben, man kann sie vor den Bildern, die der Krieg produziert, nicht beschützen.

Begleitete Mediennutzung ist jetzt wichtiger denn je. Ich würde immer im Dialog bleiben: ,Was habt ihr Neues erfahren zum Thema’. Sowieso gehört in dem Alter die Medienzeit je nach Alter und Nutzungsverhalten begrenzt. Mein Vorschlag für Zehnjährige: Sieben Stunden pro Woche.

In Schäftlarn ist vor drei Wochen erst ein schlimmer S-Bahn-Unfall passiert. Wie nimmt man den Kindern und Jugendlichen die Angst davor, jetzt wieder in eine Bahn zu steigen?

Hier würde ich damit argumentieren, dass nach einem solchen Unfall die Verantwortlichen alles daran setzen, dass so was nicht nochmal passiert. Nie ist eine Bahn sicherer als nach einem Unglück.

Seine Kinder in der nächsten Zeit mit dem Auto in die Schule zu bringen, ist keine Option?

Da kommen Sie in die Vermeidung, und Vermeidung befeuert immer die Angst. Das bringt letztlich niemanden weiter.

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