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Erlebnisse lassen sie nicht los: Oberbayerin opfert spontan Urlaub - und hilft Flutopfern in Rheinland-Pfalz

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Von: Andrea Kästle

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So harmlos sieht die Ahr heute wieder aus, im Juli zerstörte sie auch Brücken, hier eine Ansicht aus Antweiler.	fotos: privat
So harmlos sieht die Ahr heute wieder aus, im Juli zerstörte sie auch Brücken, hier eine Ansicht aus Antweiler. fotos: privat © privat

Aus einer spontanen Idee wurde für Melanie Schellerer ein Herzensprojekt: Die Pullacherin opferte ihren Urlaub, um den Flutopfern im Ahrtal zu helfen.

Pullach – Als Melanie Schellerer heuer aus dem Sommerurlaub heimkam, versank sie erstmal im Sofa. Das lag zum einen an der Lungenentzündung, die sie sich am Ende eingefangen hatte. Zum anderen aber auch daran, dass sie sich jetzt Fragen stellte, die ihr bislang am Ende des Sommers eher nicht gekommen waren. Sie überlegte, was wirklich wichtig ist in ihrem Leben.

Hochwasser-Katastrophe in Rheinland-Pfalz: Frau hilft drei Wochen den Flutopfern

Die 33-Jährige Pullacherin, die in der Verwaltung in der Kämmerei arbeitet, hat aber auch einen ungewöhnlichen Urlaub verbracht in diesem Jahr. Sie hat einen Urlaub gemacht, der eigentlich keiner war – sie half nämlich im Ahrtal im Landkreis Ahrweiler, Rheiland-Pfalz, all den Menschen, die nach der Hochwasserkatastrophe im Juli dort alles verloren haben.

Drei Wochen lang stemmte Melanie Schellerer zusammen mit anderen Helfern und mit den Betroffenen Putz von den Wänden, schlug hier Fliesen ab, bohrte dort Böden auf. „Man kommt soviel ins Denken“, sagt sie.

Am ersten Tag dachte sie, sie würde das auf keinen Fall drei Wochen durchhalten: Melanie Schellerer beim Abstemmen des ölverseuchten Putzes.
Am ersten Tag dachte sie, sie würde das auf keinen Fall drei Wochen durchhalten: Melanie Schellerer beim Abstemmen des ölverseuchten Putzes. © privat

Dabei hatte sie ursprünglich durchaus herkömmliche Ferien machen wollen. Sie, die sich vor einiger Zeit einen Suzuki Jimny zugelegt und den dann mit Dachaufsatz versehen hat, gehört schon lang den „Dachzeltnomaden“ an, die immer wieder bei Festivals zusammenkommen. Mal machte sie mit Gleichgesinnten eine Offroad-Tour über die West-Alpen, mal kurvte sie einen Tag lang in irgendwelchen Offroad-Parks zwischen Schlammpfützen herum.

Hochwasser in Rheinland-Pfalz: Frau opfert Urlaub - „Habe innerhalb von Stunden mein Auto gepackt“

Heuer hatte sie eigentlich mit Bekannten die Pyrenäen überqueren wollen, im letzten Moment war das Ganze geplatzt. Aber Melanie Schellerer hatte ja längst Urlaub eingereicht gehabt, sie hatte jetzt drei Wochen frei – und entschloss sich dann spontan, ins Ahrtal zu fahren. Um dort mit anzupacken. Andere Dachzeltnomaden waren auch schon vor Ort.

„Ich habe innerhalb von Stunden mein Auto umgepackt, dann ein bisschen geschlafen und bin noch in der Nacht dorthin aufgebrochen.“ Sie habe sich innerlich drauf eingestellt, dass sie dort einen „Ich-werd-jetzt-komplett-dreckig-Urlaub“ machen werde. Sofern man von Urlaub überhaupt sprechen kann.

Helfer im Hochwasser-Krisengebiet Rheinland-Pfalz: „Man kann das gar nicht beschreiben“

Man merkt ihr bei jedem Wort an, wie sehr Melanie Schellerer mitgenommen hat, was sie vor Ort sah. Es gibt Dörfer im Ahrtal, in denen sind 95 Prozent der Häuser weggeschwemmt oder zerstört worden. „Man kann das gar nicht beschreiben.“ Über Stunden sei das Wasser nicht abgelaufen, über Stunden sog sich alles voll, die Wände, die Decken, die Böden. Später kam der Schimmel.

Von einem Tag auf den anderen, erzählt sie, haben die Bewohner dort „ihr komplettes Leben verloren, es war einfach nichts mehr übrig“. Man habe daran, wie dankbar sich die Leute dafür gezeigt haben, dass ihnen geholfen wurde, gemerkt, wie schlecht sie wirklich dastanden.

Nach Hilfe in Hochwassergebiet: Erlebnisse, die einen nicht loslassen

Was sie erlebt hat, habe sie, als sie krank zuhause lag, „nicht mehr losgelassen“. Sie dachte nach über die Sinnhaftigkeit ihres Alltags. Kurierte sich aus – und fuhr gleich wieder los. Die letzte Oktober- und die erste Novemberwoche war sie wieder im Ahrtal, jetzt ging es nicht mehr darum, Mauern freizulegen, damit sie trocknen können. Sondern um andere Arbeiten, Häuser rückzubauen etwa, deren Eigentümer im alten Dorf keinen Neuanfang mehr wagen wollten. „Manche“, sagt sie, „wissen einfach nicht, wie es weitergeht“.

Hochwasser in Rheinland-Pfalz: 40 Leute, um ein Haus zu entkernen

Anfang September, als Schellerer vor Ort gewesen ist, ging es vor allem darum, die Wände abzustemmen, die Häuser waren „komplett durchweicht“. „Teils liefen“, erzählt sie, „Wasserbäche raus aus der Wand.“ 40 Leute brauchten sie, um ein Haus zu entkernen, rund eineinhalb Tage lang. Sie war immer wieder in anderen Dörfern eingesetzt, in Dernau, in Bad Neuenahr-Ahrweiler, in Antweiler.

Am ersten Morgen habe sie sich gedacht: „Dann nehme ich halt den Bohrhammer in die Hand, es wird ja nicht so schwer sein.“ Nach eineinhalb Stunden konnte sie nicht mehr. Half dann eine Weile dabei, Schutt wegzuräumen, was ja auch gemacht werden musste. Irgendwann meinte jemand zu ihr aufmunternd, nach einer Woche würden die Schmerzen in den Muskeln nachlassen. So ist es dann auch in ihrem Fall gewesen. Ein Problem sei auch gewesen, sagt sie, dass die Flut immer wieder auch Öltanks zum Platzen gebracht hatte, ein Teil des Schutts war also ölbelastet.

Melanie Schellerer packte drei Wochen im Ahrtal mit an.
Melanie Schellerer packte drei Wochen im Ahrtal mit an. © Andrea Kästle

40 bis 50 Leute waren sie unter der Woche, an den Wochenenden packten bis zu 120 Freiwillige mit an. Gegessen haben sie immer zusammen, die Dachzeltnomaden unterhielten auch ein Küchenzelt. Auch dort hat Melanie Schellerer eineinhalb Tage mitgearbeitet.

Fluthelfer im Ahrtal: Das Miteinander hat gezählt

Mitgenommen aus dem Ahrtal hat die junge Frau die Erinnerung an die Herzlichkeit der Menschen dort, denen sie und die anderen Dachzeltnomaden geholfen haben. Sie habe erfahren, sagt sie, „wie toll das sein kann, wenn ein Zusammenhalt da ist“. Und in keinem Moment, das sei das eigentlich Schöne gewesen, sei es darum gegangen, wozu der Einzelne unter Umständen in der Lage sein würde. „Sondern die Frage war immer nur: Was können wir gemeinsam erreichen? Das Wir hat gezählt.“

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