„Die Schulen haben im Moment in Pullach Priorität“, sagt Bürgermeisterin Susanna Tausendfreund im Gespräch mit Andrea Kästle.
+
„Die Schulen haben im Moment in Pullach Priorität“, sagt Bürgermeisterin Susanna Tausendfreund im Gespräch mit Andrea Kästle.

Bürgermeisterin Tausendfreund über die Möglichkeiten der Gemeinde am Wohnungsmarkt

„Wir können nicht wahllos Grundstücke kaufen“

  • vonAndrea Kästle
    schließen

Der Siedlungsdruck führt im Landkreis München zu Fantasiepreisen beim Grundstückskauf. Was man in Pullach dagegen unternehmen kann, das erklärt Bürgermeisterin Susanna Tausendfreund. Hier ist der Quadratmeterpreis besonders hoch.

Pullach – Wohnen im Landkreis – ein leidiges Thema. Bezahlbare Wohnungen sind einfach absolute Mangelware, und wer bauen will und nicht geerbt hat, verschuldet sich ohnehin praktisch auf Lebenszeit. Wie steuern die Gemeinden gegen, was können sie überhaupt tun? In Pullach, eine der einerseits finanzstärksten, andererseits aber auch teuersten Kommunen im Landkreis, verweist Bürgermeisterin Susanna Tausendfreund von den Grünen darauf, dass relativ viele kommunale Wohnungen vorhanden sind. Pullach ist eine der teuersten Gemeinden im Landkreis, was kostet bei Ihnen im Moment der Quadratmeter?

Der Bodenrichtwert liegt momentan bei 2000 bis 2200 Euro pro Quadratmeter, auf dem freien Markt wird aber oft mehr verlangt. Und dann auch gezahlt.

Und auf dem Mietmarkt, wie sieht es da aus? Was kostet da der Quadratmeter?

Zwischen 15 und 25 Euro.

Das ist Wahnsinn. Wer kann sich das noch leisten? Eine Familie, die 100 Quadratmeter braucht, muss mit 2000 Euro rechnen im Monat, wo soll das Geld herkommen?

Gott sei Dank gibt es in Pullach nicht nur Privatwohnungen. Sondern die Gemeinde hat das Belegungsrecht für insgesamt rund 600 kommunale Wohnungen, die zum Teil ihr selbst, zum Teil Wohnungsbaugesellschaften gehören.

42 Wohnungen davon sind in Ihrer Amtszeit errichtet worden, in der Hans-Keis-Straße und in der Heilmannstraße.

Ja, wobei über die Heilmannstraße hart gerungen worden ist. Jetzt bin ich stolz, dass beide Gebäude fertig und auch wirklich schön geworden sind.

Wie viel verlangt die Gemeinde für die kommunalen Wohnungen?

Im Altbestand zahlen die Mieter, die dort zum Teil seit 50 Jahren wohnen, im Durchschnitt 8,60 Euro pro Quadratmeter zuzüglich Nebenkosten. Bei Neuvermietungen im Bestand wird für elf Euro vermietet, eine Wohnung im Neubau kostet jetzt zwölf Euro pro Quadratmeter.

Sollte die Gemeinde unter den Umständen nicht auf Teufel komm raus versuchen, Grundstücke zu kaufen? Einfach, um nicht alles dem Markt zu überlassen?

Wir können, wenn ein Grundstück für uns interessant ist, eine Vorkaufsrechtssatzung erlassen. Aber das heißt dann eben auch, dass wir, wenn wir das Vorkaufsrecht geltend machen, für das Gebäude den Marktpreis zahlen müssen. Das ist nicht immer vertretbar.

Im Fall des Hauses am Bahnübergang Jaiserstraße, in dem jetzt die VHS untergebracht ist, haben Sie im letzten Moment einen Rückzieher gemacht.

Das Anwesen wurde versteigert, und während der Versteigerung ist der Preis zu sehr raufgegangen, sodass ich aussteigen musste. Jetzt ist die Gemeinde im Erdgeschoss eben Mieter.

Die Heilmannstraße 53/55 hingegen hat die Gemeinde 2016 kaufen können.

Genau. Das Grundstück wurde gekauft, um dort Wohnungen zu bauen. Ich hatte mich mit den Verkäufern von Anfang an einigen können.

Warum klappt das nicht öfter? Vor einigen Jahren wurde in Großhesselohe von einem der C&A-Erben ein Riesengrundstück verkauft. Jetzt werden dort fünf Villen errichtet, samt Swimmingpools.

Ich kann keine Auskunft darüber geben, zu welchem Betrag das Grundstück verkauft wurde. Diese Gegend von Pullach ist sehr hochpreisig. Die Bebauung basiert auf dem bestehenden Baurecht und den Beschlüssen des Gemeinderats.

Die Gemeinde könnte sich doch den Grund locker leisten. Pullach liebäugelt ja auch mit einem neuen Schwimmbad für 20 Millionen Euro.

Wir können nicht jedes Grundstück kaufen, das auf den Markt kommt. Wir haben im Moment auch ganz andere Prioritäten. Ich bin froh und stolz, dass wir die zwei Wohnungsprojekte abgeschlossen haben. Jetzt müssen wir uns anderen Themen widmen, den Schulen, dem Schwimmbad.

Die Kuhwiese als Standort fürs Schwimmbad ist wohl vom Tisch?

Ich gehe davon aus, dass sich der Gemeinderat auf einen Neubau am jetzigen Standort einigen wird. Billiger wird das Vorhaben dadurch nicht, und zusätzlich würde das heißen, dass das Schwimmbad zwei, drei Jahre nicht zur Verfügung stünde. Andererseits sparen wir dann wenigstens in der Bauphase das Defizit, das uns der Schwimmbad-Betrieb ja regelmäßig beschert.

Naja, die Stadt München baut ja auch nicht, wenn das Cosimabad marode ist, ein neues Schwimmbad auf die Theresienwiese. Nochmal, kurz: Warum sichert sich die Gemeinde nicht mehr Grundstücke?

Wir können doch nicht einfach wahllos Grundstücke kaufen, solche Investitionen müssen sich am Ende immer rechnen und sie müssen gemeindlichen Zwecken dienen. Aber Sie können mir schon glauben: Ich halte immer Augen und Ohren offen, wo eventuell Grund zur Verfügung steht. Allerdings brauche ich, um dann agieren zu können, natürlich auch eine Mehrheit im Gemeinderat.

Die Frage ist ja, in welche Richtung will sich die Gemeinde entwickeln? Wer soll sich Pullach noch leisten können?

In unseren kommunalen Wohnungen ist auch Platz für Menschen, die auf Grundsicherung angewiesen sind. Hier steht der Staat ganz oder teilweise auch für die Miete ein. Geringverdiener, die keine staatliche Unterstützung erhalten, wie auch Normalverdiener, die auf dem normalen Wohnungsmarkt wenig Chancen hätten, können sich diese Wohnungen leisten. Das ist doch auch eine schöne Tatsache, oder?

Was ist eigentlich mit dem Warnberger Feld? Bekommt die Gemeinde das Areal zwischen dem Kloster St. Gabriel und den Pater-Rupert-Mayer-Schulen überhaupt?

Das ist alles noch in der Schwebe. Das Areal wäre für die Gemeinde Pullach eine Schlüsselfläche, aber über Grundstücksverhandlungen kann ich keine Auskunft geben.

Wäre dort eine Wohnbebauung denn möglich?

Nein. Das Grundstück ist Teil des regionalen Grünzugs und liegt in der Frischluftschneise für die Stadt München. Auch der Gemeinde war es immer wichtig, die Fläche von Bebauung frei zu halten. Dort wären im Sinne des Gemeinbedarfs nur Sportflächen und eben ein Schwimmbad möglich.

In der Ortsmitte hat die Gemeinde mit der Bahnhofswiese noch ein Grundstück in allerbester Lage, das man gestalten könnte. Wäre das nicht die ideale Fläche für ein Genossenschaftsprojekt?

Insgesamt bin ich von genossenschaftlichen Vorhaben, die meist ein Mehrgenerationenwohnen vorsehen oder auch mal eine Demenz-WG in ein Wohngebäude integrieren, sehr angetan, das sind tolle Projekte ...

… und das Gelände in Pullach dafür wäre ideal! Mit dem Bahnhof in unmittelbarer Nähe, für den ohnehin eine kulturelle Nutzung angedacht gewesen ist.

Meine Vorschläge für das Gelände habe ich bereits eingebracht: Ladengeschäft, Praxen und Wohnen auf dem ehemaligen Herzoghausgrundstück. Eine kulturelle Nutzung des denkmalgeschützten Bahnhofs und ein Familien- und Seniorenzentrum wären wünschenswert. Ich will aber im Moment die Fläche über der Tiefgarage für eine Bebauung nicht antasten. Priorität haben jetzt erst mal die Schulen. Und letztlich entscheidet sowieso der Gemeinderat.

Warum haben jetzt die Schulen Priorität?

Weil alle Schulen, die Grundschule, die Mittelschule und das Gymnasium zu klein sind und den heutigen Anforderungen nicht mehr entsprechen. Es kann sein, dass wir jeweils neu bauen müssen. Aber, noch mal kurz zum Thema Genossenschaft: Wenn jemand mit einem alternativen Wohnprojekt bei mir vorstellig wird und auch ein Grundstück mitbringt – der rennt durchaus offene Türen ein.

Was ist eigentlich mit dem denkmalgeschützten Bauernhof, in dem die Schmiede drin war – das Haus gehört der Gemeinde, soll aber verkauft werden?

Ja, das hat der Gemeinderat so entschieden. Wir hatten das Gebäude gekauft, um es für die Schulen nutzen zu können, das hat sich aber als unmöglich erwiesen.

Damit verschleudern Sie Tafelsilber.

Wir könnten dieses Gebäude niemals so sanieren und nutzen, dass sich das Ganze am Ende auch rechnet oder einen allgemeinen Nutzen hat.

Für wie viel wurde das Anwesen, eines der schönsten und ältesten Gebäude in Pullach, angeboten?

Wir wollen gemäß Gutachten 2,6 Millionen erzielen. Das Haus zu sanieren, dürfte noch einmal das Eineinhalbfache kosten.

Wie sieht es inzwischen mit dem BND-Areal aus? Vor kurzem hat Daniel Föst (FDP) im Bundestag wissen wollen, ob das 68-Hektar-Gelände nicht langsam freigegeben werden könnte, um dort ein Wohnquartier zu entwickeln.

Ob und wann Teile des Areals freigegeben werden, steht noch nicht fest. Über diese Flächen hätte die Gemeinde dann die Planungshoheit. Einen neuen Ortsteil zu entwickeln, ist nicht in Planung. Zu den 68 Hektar gehören übrigens auch die Waldflächen außerhalb der Einfriedung. Noch arbeiten etwa 1000 Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes in der Gemeinde. Weniger werden es in Zukunft auch nicht werden. Aus Gemeindesicht werden wir alles vermeiden, die Preise in die Höhe zu treiben.

Trotzdem, nur kurz: Was wäre alles denkbar auf dem großen Gelände?

Eine mögliche Freigabe betrifft nur den Westteil des Geländes. Hier kommt partiell schon eine Wohnnutzung in Betracht, aber auch sonstige, bestandsorientierte öffentliche Nutzungen, etwa durch Bildungseinrichtungen. Das Areal, die ehemalige Bormannsiedlung, eine Wohnsiedlung für Funktionäre der Nationalsozialisten, steht unter Ensembleschutz, die NS-Stabsleitervilla und der ehemalige Kindergarten stehen unter Denkmalschutz.

Das Gespräch führte Andrea Kästle.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare