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Johannes Schuster leitet rund 45 Renaissance-Tänze an.

„Circulus saltans Puelach“ lässt die Renaissance aufleben

Tanzschritte in die Geschichte

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Mit ausgelassenen Kreistänzen und edlen Figuren geht es einmal im Monat rund im Pfarrsaal. 24 Pullacher gründeten vor zehn Jahren den „circulus saltans Puelach“ und lassen noch immer die Tänze der Renaissance aufleben.

PullachJohannes Schuster ist ein rühriger Mensch, wenn er zu erzählen beginnt, dann hält es ihn nur schwer auf dem Stuhl, so viel Begeisterung sprüht aus seinen Worten und Gesten. Seit Jahren leitet er den Volkstanzkreis Pullach. Besonders aber liebt der 65-Jährige die italienischen Tänze der Renaissance.

Anlässlich der 1200-Jahrfeier Pullachs im Jahr 2006 waren alle Bürger aufgerufen, das Festjahr durch Beiträge mitzugestalten. Der tanzbegeisterte Johannes Schuster, der auch Gemeinderat ist und den Isartaler Tisch leitet, gründete damals mit seiner Frau Karolina und elf weiteren Paaren den Tanzkreis „circulus saltans Puelach“, den „springenden Kreis Pullach“.

Mal aufrecht, mal majestätisch

In ungezwungener Atmosphäre erfreuen sich etwa sieben Paare vor allem an englischen und französischen Tänzen. Sie treffen sich einmal im Monat, am Sonntagabend, im Pfarrsaal zum Tanz, und kommen beim Schreiten, Drehen und Springen ordentlich ins Schwitzen. „Zeit, über die Schrittfolge nachzudenken, bleibt da nicht“, sagt Schuster schmunzelnd.

Johannes Schuster leitet rund 45 Renaissance-Tänze an.

In der Renaissance kam es auf die Haltung an: Der aufrechte ehrliche Mensch war ein Ideal. „Den italienischen Fürsten erkannte man weniger an seinem Gewand, als vielmehr an seiner Art sich zu bewegen – aufrecht und majestätisch.“

Johannes Schuster legt den Kopf in den Nacken, mustert seine imaginäre Dame prüfend und wirft im nächsten Moment stolz den Kopf zur Seite. Dann mimt er die Tänzerin: Wie sie dem herrischen Blick mit schwungvoller Kopfbewegung folgt, spielt ihre Rolle nach, wie sie die Augen des Herrn sucht und ihnen gleich wieder ausweicht. „Uralte Bewegungsfolgen“, sagt Schuster. „Das ist nicht nur eine andere Art zu tanzen, sondern ein Tanzen in der Geschichte“, die graublauen Augen des Tanzmeisters leuchten: „Man spürt, wie sich die Menschen damals gegeben haben.“

Um in der Gesellschaft dazuzugehören, war das Tanzen Voraussetzung: „16 Stunden pro Woche haben die damals geübt. Tanzen zu können, war damals wichtiger als heute der Führerschein. Man durfte einen Tanz nicht ablehnen, aber wer patzte, wurde durch den Saal an seinen Platz zurückgeführt und durfte sich für den Rest des Abends nicht mehr auf der Tanzfläche wagen.“ Der Ruf stand also auf dem Spiel.

Spuren der Patrizier in der alten Pullacher Kirche

Doch wie kommen die Pullacher ausgerechnet zu einem Renaissance-Tanzkreis? Der Bezug findet sich im Deckengewölbe der alten Pullacher Heilig-Geist-Kirche, die Schuster schon als Sechsjähriger vertraut war, weil seine Mutter Mesnerin war. Das schöne Kirchlein wurde Ende des 15. Jahrhunderts in seiner heutigen Form von der Münchner Dombauhütte erbaut – mit dem Geld einiger reicher Münchner Familien. Pullach war ein Dorf mit 15 Bauernhöfen, einer Handvoll Handwerkern und rund 250 Einwohnern.

Ein Blick an die Decke zeigt zentral das Wappen des Herzogs Sigismund von Bayern-München. Gleich daneben ist die angeblich älteste Darstellung des Münchner Kindl zu sehen, nicht weit entfernt prangt das Wappen der Münchner Patrizier-Familie Pötschner auf einem Stein. „Es waren wohl Münchner Patrizier, die die Initiative und das Geld zum Bau der Pullacher Kirche gaben“, die Familien Barth, Ligsalz, Pötschner, Pütrich, Ridler und Wilbrecht,

Durch internationale Handelsbeziehungen hielten Tanzgepflogenheiten aus Italien und Frankreich Einzug in die Gesellschaft der Münchner Geschlechter. „Unser Gewand ist daher der Mode der Renaissance in der Region Münchens nachempfunden.“ Männer in langen Kleidern, Frauen mit bauschigen Ärmeln. Johannes Schuster engagierte eine Theaterschneiderin, die den Frauen die typische Schnitte dieser Zeit erklärte und für jedes Paar passende Stoffe aussuchte, der Materialwert für ein Gewand lag zwischen 100 und 300 Euro. „Dreimal in der Woche trafen sich die Frauen und werkelten gemeinsam“, eine schöne Zeit sei das gewesen. „Die Theaterschneiderin staunte. Die hatte nicht gedacht, dass wir solche Spinner sind und das durchziehen“, sagt Schuster und sein Schalk blitzt in den Lachfalten der Augen auf.

Er selbst suchte nach Tanzbeschreibungen, sie zu lesen, im veralteten Deutsch und Englisch, stellte sich jedoch als schwierig heraus, denn was damals ein Tanzmeister für selbstverständlich hielt, das erwähnte er nicht. „Ohne meine Volkstanzerfahrung wäre es nicht gegangen“, Schuster fand Hilfe bei anderen Tanzkreisen und im Internet, „das war eine wahre Fundgrube“.

Johannes Schuster hat 300 Volkstänze im Kopf und inzwischen etwa 45 Renaissance-Tänze. „Da bin ich eher ein kleines Licht“, sagt er. Aber gerade die italienischen Tänze aus der Zeit der Medici seien anspruchsvoll. „So mancher Sprung grenzt an Ballett. Das erfordert großes Können, halbwegs intakte Gelenke und eine sehr gute Muskulatur.“

Acht bis zehn Stunden braucht Schuster, der heute im Ruhestand ist und früher als Ingenieur für Nachrichtentechnik gearbeitet hat, um einen neuen Tanz vorzubereiten. Ein Leben ohne Tanzen – das kann sich er sich schwer vorstellen. „Das wäre für mich ein Verlust, Tanzen ist für mein Leben extrem wichtig. Ich verstehe Männer nicht, die nicht tanzen.“

Mittanzen:

Die nächste Probe ist am Sonntag, 5. Februar. Wer Interesse hat, beim „circulus saltans Puelach“ mitzumachen, ist willkommen. Geprobt wird im Pfarrsaal an der Parkstraße 11a. Dort treffen sich die Tänzer einmal im Monat, sonntags von 18 bis 20 Uhr. Mehr Information: Tel. 089/ 793 34 26

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