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Die Sternheim-Villa war einst eine bedeutende Dichterresidenz.  

Zwei neue Bände der Pullacher Schriftenreihe

Erinnerung an Glanz und Gräuel

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Glamouröse Zeiten in der Dichter-Residenz und Juden, die ermordet oder vertrieben werden: Mit zwei sehr unterschiedlichen Kapiteln der Pullacher Geschichte befasst sich nun die Schriftenreihe.

Pullach – Vor 14 Jahren hat die Gemeinde Pullach damit begonnen, kleine Bände herauszugeben über die Ortsgeschichte. Sechs Folgen umfasst die „Pullacher Schriftenreihe“ bereits, jetzt wurden vom Gemeinderat die Bände sieben und acht bewilligt – und dafür etwa insgesamt 40 000 Euro lockergemacht.

Die Themen, die die beiden neuen Bände behandeln, sind besonders. Besonders wichtig im einen Fall, besonders schön zu lesen im anderen. Es geht in einem Band um die jüdischen Familien, die in Pullach lebten, ehe sie während der NS-Zeit vertrieben oder ermordet wurden. Dieses Heft schreibt die Historikerin Susanne Meinl, die bereits einen Band über die NS-Mustersiedlung auf dem BND-Gelände verfasst hat. Sie hat dem Gemeinderat schon einige Ergebnisse ihrer Recherchen vorgelegt: Aus dem Leben von mindestens 28 ehemaligen Pullachern will sie erzählen. Wobei der Witz ist, dass ein „Gutteil von ihnen ... bereits vor 1933 die jüdische Religionsgemeinschaft verlassen“ hatte, getauft oder konfessionslos war. Was freilich bei der Rassenideologie der Nazis keine Rolle spielte. Nächstes Frühjahr soll ihr „Gedenkbuch der jüdischen Bürgerinnen und Bürger“ fertig sein.

Noch heuer hingegen dürfte der andere Band in den Verkauf gehen. Er behandelt die aufregende und glamouröse Geschichte der Villa Sternheim und ihrer Besitzer. Die Eigentümer, Thea und Carl Sternheim, machten ihr Wohnhaus, wie Archivar Christian Sachse in der Sitzung erläuterte, „zur zweitgrößten Dichterresidenz, die es in Deutschland gab“. Gegen Ende des Kaiserreichs kamen hier Künstler und Literaten „aller Couleur“ zusammen. Das Bellemaison, heute genutzt von der Firma Schoeller, habe eine „Riesenbedeutung“. Das Haus wurde nach der Novemberrevolution von einem entthronten Fürsten erworben, während des Zweiten Weltkriegs zog dort eine dem Regime eng verbundene homöopathische Klinik ein.

Autor dieses Bandes ist Michael Davidis, der in Pullach aufgewachsen ist und über 20 Jahre am Deutschen Literaturarchiv Marbach als Wissenschaftler gearbeitet hat. In Marbach liegt auch der Nachlass der Sternheims. Davidis verlangt für sein Manuskript kein Honorar.

Angelika Metz (WIP) regte an, das Gedenkbuch von Meinl zusammenzufassen mit weiteren Bänden über Zwangsarbeiter und „deutsche“ Kriegstote in Pullach, die ebenfalls in Planung sind. Es sei doch praktisch, wenn man alle Aspekte zum Thema „Drittes Reich“ in einem Band versammelt habe. Auch Johannes Schuster fand, vier Bände über die NS-Zeit seien zuviel. Odilo Helmerich, SPD, konterte: „Die jüdischen Bürger gehören zu Pullach dazu. Das ist etwas, was überfällig ist.“ Und, so der Tenor, in einem eigenen Band zu behandeln sei.

Bürgermeisterin Susanna Tausendfreund, Grüne, bat um „ein bisschen Vertrauen“: Man werde mit dem Geld gewissenhaft haushalten. Die Recherchen von Historikerin Meinl will der Gemeinderat später auch als Grundlage nehmen für eine Umgestaltung des Kriegerdenkmals an der Hochleite. Dort wird bislang nur „deutscher“ Opfer zwischen 1933 und 1945 gedacht. Das soll sich aber ändern.

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