Wortartist Holger Paetz rückt die Brille zurecht. Foto: fkn

Von Pflanzen-Freaks und Fleischeslust

Pullach - Kabarettist Holger Paetz siniert über gnadenlose Fleischesser und fundamentale Veganer im Pullacher Bürgerhaus

Ein wünschenswerter Nebeneffekt des Fastens ist die Steigerung der Aufmerksamkeit und Konzentration. Und gerade darauf waren die Pullacher beim Gastspiel von Holger Paetz (60) so sehr angewiesen. „Auch Veganer verwelken“, verkündete er im Bürgerhaus mit betrübt schadenfrohem Lächeln den fleischigen und den anderen Zuhörern. Er vermehrte mit dieser Aussage nur noch mehr die Verwirrung zwischen gnadenlosen Fleischessern und fundamentalen Veganern.

Fett, Wurst, Mett Hack, Schnitzel oder Tofu, Käse aus Soja und Hefeschmalz? Genüsslich vertiefte sich der Kabarettist in diese so gegensätzliche Speisenfolge, die sonst nur Fernsehköchen über die Lippen kommt. Aber gewaltiges Interesse ist ihm sicher! Schließlich verlangt der Verdauungstrakt, nicht zuletzt höchste Aufmerksamkeit, und Paetz nörgelt mit destruktiver Unentschiedenheit zwischen zwei Extremen.

Wo entscheiden sich die Fäden des Geschicks? Soll man sich eine „halbe Sau reinziehen“ und damit auf die Baggage von Ernährungswissenschaftlern pfeifen? Sich „Schweineschmalz wie Nutella aufs Brot schmieren und sich der Thrombose und Arteriosklerose, der Diabetes und dem Bluthochdruck bedenkenlos ausliefern? Also ganz der Lust am Fleisch abschwören - Unruhe im Saal und viel Gelächter -, und sich mit emphatischem Gesinnungswandel vom Fleisch-Saulus zum Veganer-Paulus wandeln und damit den Obstbaum seiner Früchte zu berauben, obwohl dieser seine „Kinder nicht loslassen will“?

Damit dieser Konflikt nicht in ein endloses Monologisieren ausufert, gönnt sich der Aschaffenburger mit dramatischem Sinn für Effekte einen ständig widersprechenden Part in seinem Programm. Eine Frau, natürlich, sogar seine eigene.

Aber als glühender Veganer ist man, wie einst die ihres Glaubens gewissen Märtyrer, unerträglicher Pein ausgesetzt. Im Metzgerladen, wenn die Verkäuferin mit abschätzigem Blick feststellt: „Sie sind lange nicht bei uns gewesen“ und heimtückisch nachfragt: „Haben sie einen anderen Metzger?“ „Nein, ich ernähre mich fleischlos!“ Die Kunden nähern sich dem Abtrünnigen, versuchen mit inquisitorischem Eifer das entlaufene Lämmlein wieder in ihrer Schar aufzunehmen. „Sie sehen auch gar nicht gesund aus“, reklamiert die eine, und ein weiteres unfehlbares Killerargument untermauert die Heimsuchung: „Katzen fressen Gras, wenn sie kotzen.“ Der alle Widerstände niederschmetternde Bannspruch der Vegetarier: „Tiere haben ein Lebensrecht“ wird aufgefangen von der deutschen Bischofskonferenz: „Tiere haben kein unantastbares Lebensrecht.“

Aber dieser unentschlossene Esser, der beiden Parteien jeweils ein ihnen gewogenes Lied entgegenzwitschert, ist zweifellos ein Konformist. Also heult er zugleich mit den Wölfen und delektiert sich am Aas, also totem Fleisch, um sich dann mit gemahlenen Flohsamenschalen, Avocado und Austernpilze im Bauch bei den Veganern zu rechtfertigen.

Mit einer eleganten Drehung greift Paetz zum verbalen Rührbesen und vermengt Politik mit Rinderhack. Mit Kochlöffel-Grandezza zaubert er die ehemalige Verbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) als Schutzpatronin des Schnitzels auf die Bühne und unterstreicht deren Gewitztheit bei der Suche nach Pferdefleisch in der Lasagne. In einem seiner cholerischen Anfälle unterstellt er der CSU idiotische Fragen: „Vegetarier bist du g’word’n, kriegt man da eigentlich einen Ausweis?“

Erst verteufelt er die Methoden der Massentierhaltung. Aber kurz darauf bekommmen die Veganer schon dank ihres Aussehens ihr Fett weg. „Fahle Haut auf dem Kopf, sie riechen, und was sie essen, das gärt. Und sie lachen nicht!“ Die Pullacher schon.

Ein widersprüchliches Programm, das sich als ähnlich inkonsequent einordnen lässt wie das Verhalten der Menschheit dem Tier gegenüber. Der Wortartist mit seinen klugen Einsichten setzt nicht so sehr auf schenkelklopfende Lachsalven. Ein oft fragendes Lächeln im Parkett scheint den 60-Jährigen mehr zu beglücken. sta

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