+
„Er war nur NSDAP-Mitglied“: Aus seiner Parteizugehörigkeit will der Gemeinderat Michael Haslbeck keinen Strick drehen, sein Name bleibt auf den Schildern

Die Diskussion kam bereits zum dritten mal auf

Gemeinderat entscheidet: Nazi-Bürgermeister bleibt auf Straßenschild

  • Bert Brosch
    vonBert Brosch
    schließen

Soll man einem Nazi eine Straße widmen? Ja, findet der Putzbrunner Gemeinderat. Die „Michael-Haslbeck-Straße“ behält ihren Namen. Trotz NSDAP-Vergangenheit des Namensgebers.

Putzbrunn – Die „Michael-Haslbeck-Straße“ in Putzbrunn, benannt nach dem von den Nationalsozialisten ernannten Bürgermeister, darf ihren Namen behalten. Bereits zum dritten Mal nach 1999 und 2017 hat der Gemeinderat über eine Umwidmung beraten, das Gremium votierte jedoch einstimmig dagegen. Es wird künftig aber ein Zusatzschild geben mit der Aufschrift: „Eingesetzter Bürgermeister von 1935 bis 1945.“ Bürgermeister Edwin Klostermeier (SPD) begründete die Entscheidung damit, dass Haslbeck „nur NSDAP-Mitglied war, sonst kann man ihm eigentlich nichts vorwerfen“.

Noch im Jahr 1999 forderte Klostermeier, damals noch nicht im Gemeinderat, die Umbenennung der Haslbeck-Straße. Doch damals kam es zu keiner Abstimmung. Bei der Diskussion im Jahr 2017 wollte das Gremium vor einer Entscheidung auf eine damals noch zu vergebende Arbeit eines Doktoranden der Ludwig Maximilians-Universität München warten, der die Geschichte der Gemeinde in der Zeit des Nationalsozialismus aufarbeiten sollte. Diese Arbeit von Dominik Aufleger liegt nun vor. Darin enthalten ist auch ein Kapitel, das sich ausschließlich mit Haslbeck beschäftigt. „Ich habe es mehrfach gelesen, ringe seit Tagen mit mir, eine Stunde vor der Sitzung habe ich nicht gewusst, wie ich abstimmen soll“, sagte Klostermeier. „Ich fühle mich sehr unwohl, eine Straße nach einem bekennenden Nazi und NSDAP-Mitglied zu benennen.“

„Michael-Haslbeck-Straße“: Lobeshymnen auf Hitler in einer Bierflasche

Auf der anderen Seite hat sich der Gemeinderat 2017 entschieden, die Straße zu Ehren von Wernher von Braun auch nicht abzuändern, obwohl der glühender Hitler-Anhänger, Mitglied von NSDAP und SS war und Zwangsarbeiter beschäftigte. „Da müssen wir jetzt für Haslbeck gleiche Maßstäbe anlegen“, sagt der Bürgermeister.

Von Haslbeck sei zudem nur wenig bekannt. So werde ihm zwar eine „Flaschenpost“ zugeschrieben, dabei handelt es sich um eine eingemauerte Bierflasche mit Lobeshymnen auf Adolf Hitler und den Nationalsozialismus, die bei Renovierungsarbeiten in der Kirche St. Stefan aufgetaucht ist. Der Zettel wurde offensichtlich von Haslbeck unterschieben mit: „Heil Hitler. Im Jahre des Heiles 1939. Die Gemeinde Putzbrunn. Der Bürgermeister.“ Doch laut Klostermeier war Haslbeck „kein Scharfmacher oder Denunziant“.

„Michael-Haslbeck-Straße“: Zeitzeugen beschreiben Ex-Bürgermeister als rechtschaffen

Allerdings wurden fast alle Gemeindeakten von 1935 bis 1945 vernichtet, aus der Schulchronik wurden die Jahresberichte von 1933 herausgeschnitten. Die Chronik der Gemeinde aus dem Jahr 1943, auf die sich Aufleger in seiner Arbeit beruft, wurde von Haslbeck selbst verfasst.

Einige Zeitzeugen schilderten Aufleger, dass sich Haslbeck gegen die Anordnung des Kultusministers und des Gauleiters Adolf Wagner für den Erhalt eines Kreuzbildes im Klassenraum der Putzbrunner Schule eingesetzt habe. Andere Zeitzeugen, so schildert Aufleger, beschreiben Haslbeck als rechtschaffen und fleißig, der sich sehr um die Unterbringung und Versorgung „ausgebombter Volksgenossen“ aus den Großstädten kümmerte.

„Michael-Haslbeck-Straße“: Ein Zusatzschild soll aufklären

In Putzbrunn gab es aber eben auch Zwangsarbeiter, als Bürgermeister wusste er von Verfolgungsmaßnahmen, er habe „dies – durch stillschweigendes Hinnehmen – letztlich gefördert“, schreibt Aufleger.

Eduard Boger (CSU) lobte die tolle Arbeit von Aufleger, „auch heute gibt es für mich keinen Grund, den Namen der Haslbeck-Straße zu ändern“. Dies sahen Willibald Hackl (FDP) und Martina Hechl (GPP) ebenso. „Er war NSDAP-Mitglied, sonst hat er sich nichts zu Schulden kommen lassen“, sagte Hechl. Auch Volker Rentschler (Grüne) wollte die Straße nicht nur wegen der Parteimitgliedschaft ändern, „aber da muss unbedingt ein Zusatzschild hin, auf dem steht, dass er als Bürgermeister eingesetzt wurde – da weiß dann jeder Bescheid.“ So wurde es einstimmig beschlossen.

Ebenfalls Ärger mit rechtsradikalen Äußerungen hat jetzt ein Gymnasium in Grafing. 

bb

Zur Historie

Michael Haslbeck wurde laut der Doktorarbeit ehedem zum Bürgermeister ernannt, nicht gewählt. Im Jahr 1945 wurde er von den Amerikanern wieder aus dem Amt entfernt. 1935 wollte er Mitglied der NSDAP werden, konnte dies aber wegen eines Aufnahmestopps nicht. Er holte es 1937 nach. Wann die Straße nach Haslbeck benannt wurde ist nicht mehr nachvollziehbar, auch für die Zeit vor 1961 kann man im Rathausarchiv keine Dokumente finden. Vermutlich wurde die Straße dem Landwirt gewidmet, weil dessen Grundstücke und der „Haslbeck-Hof“ dort lagen.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Feuerwehr löscht brennenden Berg aus Altpapier mitten auf der Straße
Zu spektakulären Szenen ist es am frühen Morgen in der Heilmannstraße in Pullach gekommen. Dort musste die örtliche Feuerwehr einen brennenden Berg aus Altpapier und …
Feuerwehr löscht brennenden Berg aus Altpapier mitten auf der Straße
Nach Motorradunfall schwer verletzt
Schwere Verletzungen hat am Mittwochabend ein Motorradfahrer aus München bei einem Unfall in Oberschleißheim erlitten.
Nach Motorradunfall schwer verletzt
Missionarin des süßen Lebens
Die neue Eisdiele „Be. Coffee, Ice & Deli“ neben dem Luitpoldweg in Grünwald knüpft an längst vergangene Tage des Café Fischer an und wird an sonnigen Tagen zu …
Missionarin des süßen Lebens
Sturzgeburt auf dem Wohnzimmerteppich
Rebecca Nadler bringt ihr zweites Kind ungeplant zu Hause zur Welt – für den Weg zur Klinik bleibt keine Zeit.
Sturzgeburt auf dem Wohnzimmerteppich

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion