Fast fertig: Eins der drei Gebäudewinkel in Putzbrunn. Die Grünanlagen müssen Landschaftsgärtner noch gestalten.
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Fast fertig: Eins der drei Gebäudewinkel in Putzbrunn. Die Grünanlagen müssen Landschaftsgärtner noch gestalten.

Beginnt jetzt der große Betriebswohnungs-Boom?

10 Euro Miete gegen Fachkräftemangel: Sind Betriebswohnungen die Lösung für das Riesenproblem?

  • Max Wochinger
    VonMax Wochinger
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In Putzbrunn wurden nun 54 Betriebswohnungen für Mitarbeiter des Landkreises eröffnet. Eine Änderung im Steuergesetz könnte jetzt die Wohnform reaktivieren.

Putzbrunn/Landkreis – Mode kommt und geht. Schlaghosen und Getränkelieferdienste etwa: Noch bis vor fünf Jahren wurden sie für Tod erklärt. Jetzt liegen sie wieder voll im Trend. Nur, dass Lieferanten früher Bierfahrer hießen. Ähnlich verhält es sich nun mit Betriebswohnungen: Landrat Christoph Göbel (CSU) will die eingestaubte Wohnform aus der Versenkung holen. Als Lösung für den Fachkräftemangel im Landkreis München. In Putzbrunn eröffnete Göbel vergangene Woche ein neues Quartier: 54 Betriebswohnungen, exklusiv für Mitarbeiter des Landratsamts.

„Die guten, alten Betriebswohnungen“, sagte Landrat Göbel beim Anblick der neuen Wohnhäuser mit Satteldach. Er wurde nostalgisch: Das Giebeldach sei eine „gute, alte Dachform“. Mit den großen Balkonen und künftig grünen Innenhöfen kann sich das Wohnquartier tatsächlich sehen lassen. In der Waldkolonie in Putzbrunn sind in nur zwei Jahren Bauzeit drei Wohnhäuser in Winkelform entstanden. Zwei Quartiere gehören dem Landkreis, das andere der Gemeinde Putzbrunn.

Wohnquartier in Winkelform: Vom Modell bis zur schlüsselfertigen Wohnanlage hat es zwei Jahre gedauert.

Gekostet haben die Landkreisquartiere rund 21 Millionen Euro. Etwa 8,3 Millionen Euro hat der Freistaat über das kommunale Wohnungsbauprogramm zugesteuert.

Mitarbeiter des Landratsamts ohne Wohneigentum zahlen zehn Euro Kaltmiete. Pauschal – egal wie hoch das Einkommen ist. Im Vergleich zu anderen Wohnungen ein Schnäppchen. Die Wohnungen wurden bereits „großteils vergeben“, sagte eine Mitarbeiterin der Kreisverwaltung. Der Nettopreis wurde durch die Förderung der Staatsregierung ermöglicht, so Göbel. Das Grundstück gehörte dem Landkreis.

„Jetzt dreht sich der Spieß um.“

Göbel will mit den neuen Werkswohnungen „mit gutem Beispiel vorangehen“, sagte er. Wohnraummangel sei „die“ Herausforderung. Wer gute Arbeitnehmer gewinnen möchte, brauche mehr als finanzielle Anreize.

Wohnungen können ein wichtiger Baustein sein, um Beschäftigte anzuwerben, sagt René Faßbender. Der IT-Unternehmer ist Vize-Regionalchef der IHK. Der Druck auf Unternehmer ist nach wie vor riesig: „Das Hauptproblem für Betriebe ist der Fachkräftemangel“, sagt Faßbender. In den 2000er-Jahren seien Werkswohnungen der großen Unternehmen in der Region verkauft worden, erzählt Faßbender. „Jetzt dreht sich der Spieß um.“

„Die guten, alten Betriebswohnungen“: Landrat Christoph Göbel bei der Schlüsselübergabe.

Grund dafür ist eine Änderung im Steuergesetz. Seit 1. Januar 2020 können Unternehmer ihren Arbeitnehmern Betriebswohnungen zu einem Drittel unter der ortsüblichen Miete anbieten. Bisher mussten Mieten als geldwerter Vorteil versteuert werden – ohne finanzielle Nutzen für Beschäftigte. „Wenn die ortsübliche Miete bei 15 Euro liegt, kann der Unternehmer jetzt seine Wohnung für 10 Euro anbieten“, erklärt Faßbender. Trotz aller Vorteile: Unternehmer, die Werkswohnungen anbieten, kann die Kreis-Handelskammer auf Nachfrage nicht nennen.

Brauerei stellt Mitarbeitern Wohnungen

Zumindest die Brauerei Aying bietet ihren Mitarbeitern Werkswohnungen an – und zwar schon lange. „Vor dem Zweiten Weltkrieg gab es hier schon eine Braumeister-Wohnung“, sagt Brauerei-Chef Franz Inselkammer. Werkswohnungen sind eben ein historisches Konzept der Mitarbeitergewinnung. Heute stünden 20 Wohnungen für Mitarbeiter zur Verfügung, so Inselkammer. „Selbstverständlich sind alle belegt.“ Eigene Wohnungen seien ein eindeutiger Wettbewerbsvorteil.

Beginnt jetzt der große Betriebswohnungs-Boom? Die Wirtschaftsförderung im Landratsamt bremst die Erwartungen ein, anders als Behördenchef Göbel: Interessierte Unternehmer müssten die Aufgabe „organisatorisch und finanziell“ stemmen können. Zudem brauche es für den Bau geeignete Flächen. „Gerade das ist im Landkreis München schwierig“, so die Kreisverwaltung. Sie schlägt eine Alternative vor: Die Übernahme von Fahrtkosten sei auch eine „geeignete Maßnahme“.

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