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Unrühmliche Vergangenheit?: Über den von der NSDAP eingesetzten Putzbrunner Bürgermeister Michael Haslbeck ist bisher nicht viel bekannt. Vorerst bleibt es beim neutralen Straßenschild.

Vergangenheitsbewältigung im Gemeinderat Putzbrunn

Schatten der NS-Zeit

Der Putzbrunner Gemeinderat führt eine schwierige Diskussion zum Thema Vergangenheitsbewältigung: Die Wernher-von-Braun-Straße erhält ein Zusatzschild „Pionier der Raketenforschung, für Verbrechen der Nazidiktatur mitverantwortlich“. Die Abstimmung über die Michael-Haslbeck-Straße wurde abgesetzt. Es bleibt beim bestehenden Zusatz „Bürgermeister von 1935 bis 1945“.

Putzbrunn – Ein Mammutprogramm von 37 Tagesordnungspunkten hatte der Putzbrunner Gemeinderat auf seiner Sitzungsagenda am Dienstagabend, weshalb Bürgermeister Edwin Klostermeier (SPD) die anwesenden 19 Gemeinderäte auch scherzhaft mit den Worten begrüßte: „Wahrscheinlich wäre Bauausschuss passender.“ Mehr als 30 Tagesordnungspunkte betrafen die Überarbeitung/ Neuaufstellung des Flächennutzungsplanes der Gemeinde, doch einer nicht. Und der hatte es in sich.

Denn die Umbenennung von Straßen, die Namen nationalsozialistisch belasteter Personen tragen, „ist deutschlandweit schon seit Jahren ein Thema“, leitete Klostermeier, die Abstimmung zu den zwei Putzbrunner Fällen ein, die nur zu einer Änderung führte: Die Wernher-von-Braun-Straße erhält ein Zusatzschild „Pionier der Raketenforschung, für Verbrechen der Nazidiktatur mitverantwortlich“. Die Abstimmung über die Michael-Haslbeck-Straße wurde abgesetzt. Es bleibt beim bestehenden Zusatz „Bürgermeister von 1935 bis 1945“.

Faktenlage zu Michael Haslbeck ist sehr dünn

Eine Wendung der Diskussion, die Klostermeier „so nicht erwartet“ hatte. Der Bürgermeister hatte dafür plädiert, die Entscheidung über die Haslbeck-Straße zu vertagen, um weitere Erkenntnisse über den von den Nazis eingesetzten Bürgermeister zusammenzutragen. Die Faktenlage sei trotz umfangreicher Recherche dünn, in den Rathausarchiven und der Gemeindechronik sei nicht viel über Haslbeck zu finden. Klostermeier regte an, nach weiteren Quellen zu forschen und verwies dabei auch auf Hohenbrunn, wo der Arbeitskreis Ortsgeschichte gerade eine Dokumentation zur Geschichte der Gemeinde im Nationalsozialismus vorgestellt hat.

Zudem wollen die Grünen in der Aprilsitzung beantragen, eine regionalgeschichtliche Masterarbeit über die Geschichte Putzbrunns in der Nazizeit auszuloben.

Zunächst bewegte sich die Diskussion im Gemeinderat um zwei Optionen: Entweder die potenziellen neuen Erkenntnisse abzuwarten oder direkt über den Verwaltungsvorschlag „eingesetzter Bürgermeister von 1935 bis 1945“ auf dem Zusatzschild unter dem Straßennamen abzustimmen und bei eventuellen neuen Erkenntnissen neu zu diskutieren.

Dann allerdings beantragte Gemeinderat Josef Jakob junior (Freie Wählergemeinschaft), die Entscheidung ganz auf Eis zu legen, um „Hinterbliebene von Haslbeck, die noch in Putzbrunn leben, zu schützen“.

Unerwartete Wende in der Diskussion

Klostermeier konterte, dass auch Opfer des Nationalsozialismus Hinterbliebene hätten, doch der Antrag kam zur Abstimmung und ging mit 11:9 Stimmen durch: Die Umbenennung der Michael-Haslbeck-Straße ist vom Gemeinderats-Tisch, wie auch schon 1999, als ein Antrag nicht zum Beschluss kam.

Eine Umbenennung war sowieso grundsätzlich nicht angedacht, auch im Falle der Wernher-von-Braun-Straße nicht: Umbenennen führe zum Vergessen der Person und damit auch zum Vergessen der Geschehnisse während der Nazi-Zeit, „mit einem Hinweis, was damals war, erreichen wir mehr“, argumentierte Klostermeier. Strittig war nur die Länge dieses Hinweises. Für ein ausführliches Zusatzschild machte sich die Gemeinschaft pro Putzbrunn stark und regte für den längeren Verwaltungsvorschlag „Pionier der Raketenforschung – Fragwürdig sind seine Mitgliedschaft in der NSDAP und SS, die Beschäftigung von Zwangsarbeiter/innen sowie seine Tätigkeit in der NS-Rüstungsindustrie“ sogar noch eine Ergänzung (führende Tätigkeit bei der Entwicklung und Produktion der V2 als Angriffswaffe) an.

Die Mehrheit (13:7) war allerdings für die kürzere Version, so auch Grünen-Gemeinderat Volker Rentschler, der argumentierte: „Das Zusatzschild soll Denkanstöße geben, nicht Geschichte erklären.“ Das Zusatzschild „Pionier der Raketenforschung, für Verbrechen der Nazidiktatur mitverantwortlich“ an der Wernher-von-Braun-Straße ist damit beschlossene Sache.

Von Silke Nörenberg

Reaktionen nach der Debatte:

Landwirt Josef Jakob jun. (42), Gemeinderat der FWG: „Wir dürfen unsere Vergangenheit nicht verleugnen und müssen die Jugend darüber informieren, was passiert ist. Aber man sollte die Hinterbliebenen in Ruhe lassen. Sie leben noch im Ort und können nichts dafür, was damals war. Ich will nicht, dass mit dem Finger auf die Leute gezeigt wird und die Geschichte alle 15 Jahre neu aufgerührt wird. Mein Großvater war ein Gegner der Nazis und wurde in der turbulenten Zeit nach dem Krieg von den Amerikanern als Bürgermeister eingesetzt, dann aber 1948 bei den ersten Wahlen nicht wieder gewählt. Ich denke, man sollte die Geschichte nicht aufbauschen, solange die Angehörigen noch leben.“

Alexander Bräuer (64), Fraktionsvorsitzender der SPD: „Ich finde es sehr traurig, dass in der heutigen Zeit nicht über dieses Kapitel der Vergangenheit gesprochen werden kann. Es darf doch keine Rolle spielen, ob noch Angehörige im Ort wohnen oder nicht. Diese Entscheidung hätte ich nie im Leben erwartet. Es ist ja auch noch gar nicht sicher, ob in der nächsten Gemeinderatssitzung der Antrag der Grünen, eine Masterarbeit zur Ortsgeschichte auszuloben, angenommen wird, oder sich wieder eine Mehrheit dagegen bildet. Ich hoffe dass, die Leute wach gerüttelt werden, was hier los ist.“

Volker Rentschler (65), Grüne: „Ich bin gegen den Zusatz an der Michael-Haslbeck-Straße ,eingesetzter Bürgermeister’, solange die Geschichte nicht aufgeklärt ist. Erst muss die Masterarbeit vorliegen, dann kann man weiteres entscheiden. Eine Umbenennung der Straße kann ich mir aber nicht vorstellen, da wären Aufwand und Kosten für die Firmen, die dort ansässig sind, sehr groß.“

Eduard Boger (46), Fraktionssprecher der CSU: „Ich denke, dass die Geschichte aufgearbeitet werden soll. Aber dass als Reaktion auf Vergangenheitsbewältigung, 70 Jahre später Straßen umbenannt werden sollen, das finde ich nicht vernünftig.“

icb

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