Der Radweg entlang der B471  zwischen Garching und Ismaning ist abgetrennt von der Fahrbahn.
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Den Radverkehr stärken will der Landkreis mit dem Konzept. Nicht überall ist es für Radfahrer so entspannt wie auf der von der B471 abgetrennten Route zwischen Garching und Ismaning.

Novum beschlossen

Übergreifendes Konzept für Radverkehr: „Der Landkreis macht Ernst“

  • Max Wochinger
    vonMax Wochinger
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Der Landkreis München bekommt erstmals ein eigenes Radverkehrskonzept. Es ist eine Großoffensive für mehr Radverkehr. Sogar von Enteignung ist die Rede, um es umzusetzen.

Landkreis – Engstellen, Poller, Schranken, Schlaglöcher, fehlende Radwege: Eine großangelegte Untersuchung des Radnetzes kommt zu dem Schluss, dass es noch viel Verbesserungsbedarf im Landkreis gibt. Gleichzeitig nimmt die Bedeutung des Radverkehrs weiter zu: Der Landkreis hat starke Pendelverflechtungen, die Siedlungsstrukturen machen das Radfahren attraktiv. Deshalb hat der Mobilitätsausschuss des Kreistags in der jüngsten Sitzung ein Gesamtkonzept für den Radverkehr im Landkreis beschlossen – und zwar einstimmig. Das Maßnahmenpaket will der Kreis abarbeiten, einen Zeitplan gibt es nicht. Fest steht: Es ist eine gewaltige Aufgabe für Kommunen und den Landkreis.

Das Karlsruher Verkehrsplanungsbüro „Inovaplan“ hatte das Radverkehr- und Beschilderungskonzept erstellt. Der Freizeit- und Alltagsverkehr wurde untersucht, Streckenlücken aufgedeckt und eine durchgehende Beschilderung geplant. Die Planer sind die Wege abgefahren, haben mit verschiedenen Geräten Daten, wie Fahrbahnbelag, Breite, Zustand und Wegweiser, erhoben. Arbeitsplatzstandorte, Pendelbeziehungen und Bevölkerungsstruktur wurden zudem analysiert. Aus den Erkenntnissen und der Zusammenarbeit mit Kommunen und dem Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) erarbeitete das Planungsbüro einen Maßnahmenkatalog. Über 700 Vorhaben sind darin niedergeschrieben. Es ist ein Mammutprojekt.

Kosten für gut eineinhalb Kilometer: 1,284 Millionen Euro

Das Konzept sieht vor, die verschiedenen Kommunen zu verbinden. Eine Maßnahme etwa ist der Bau eines breiteren Hauptverbindungswegs von Unterschleißheim nach Haimhausen (Landkreis Dachau). Der Weg soll beleuchtet werden. Kosten für gut eineinhalb Kilometer: 1,284 Millionen Euro. Eine andere Strecke, die der Kreistag ausbauen will, führt von Neuried nach Gauting (Kreis Starnberg). Das Wunschliniennetz sei „fast durchwegs“ auf bereits vorhandenen Wegen geplant, so steht es im Endbericht des Konzepts.

Der Plan sieht aber nicht nur den Ausbau von Radwegen vor, sondern auch die „zeitnahe“ Erneuerung von Belägen vorhandener Wege, etwa auf Wegen in Hohenbrunn oder Haar. Im Katalog stehen zudem E-Ladesäulen, „hochwertige Fahrradabstellanlagen“ mit Schließfächern oder moderne Wegweiser.

Die Infrastrukturmaßnahmen umzusetzen, wird zweifelsfrei am meisten Geld, Zeit und Abstimmungen in Anspruch nehmen. Einen Zeitplan gibt es dafür nicht. Das Landratsamt will „umgehend“ mit den Maßnahmen aus dem Beschilderungskonzept beginnen. Die Wegweiser sollen vereinheitlicht werden und Auskunft über regional bedeutsame Ziele geben. Laut Konzept werden zwischen 2000 und 2800 Wegweiser notwendig. Die Kosten von 250 000 bis 300 000 Euro übernimmt der Landkreis, die Kommunen sollen die Schilder anbringen.

„Vorher war das Radnetz ein ziemliches Stücklwerk“

Tania Campbell (Grüne) kritisierte in der Sitzung des Mobilitätsausschusses den Start der Maßnahmen mit dem Wegweiser-Konzept. „Die Schilder machen erst Sinn, wenn die Routen im Detail festgelegt sind“, sagte sie. Über das erste Gesamtkonzept für den Radverkehr im Landkreis freute sich Campbell. „Vorher war das Radnetz ein ziemliches Stücklwerk“, sagte sie auf Nachfrage des Münchner Merkur. Jede Gemeinde habe gemacht, „was sie möchte“. Jetzt gibt es ein ganzheitliches Konzept – wenn auch mit Lücken, kritisierte die Grünen-Kreisrätin.

Sie forderte in der Sitzung einen jährlichen Statusbericht über den Fortschritt der Maßnahmen sowie ein Radtangentenkonzept. Eine Tangente könnte nach ihrer Meinung von Pullach über den Perlacher Forst in Richtung Haar führen. Der Statusbericht und Tangenten-Plan wurden in das Gesamtkonzept mitaufgenommen.

im Notfall Enteignungsverfahren?

Grünen-Fraktionschef Christoph Nadler fehlte es wiederum an Verbindlichkeiten. Etwa bei der Finanzierung: „Was ist, wenn die Kommunen in finanzielle Engpässe geraten?“ Die 29 Gemeinden im Landkreis dürften nämlich den größten Teil der Maßnahmen tragen.

Neben der Frage der Finanzierung habe die Umsetzung des Konzepts laut Landrat Christoph Göbel (CSU) noch eine weitere Hürde: der Erwerb von Grundstücken. Die Verhandlungen mit privaten Eigentümern aber auch der Deutschen Bahn dürften in den kommenden Jahren zäh werden. Der Landrat will den Ausbau von Radwegen durchsetzen – im Notfall mit Enteignungsverfahren. Göbel: „Der Landkreis macht Ernst.“

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