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Reinhold Holzmann und seine "Eiserne Lady".

Wie Reinhold Holzmann eine fixe Idee realisiert

Meine Kanone und ich

Feldkirchen - Vor Jahren fuhr Reinhold Holzmann mit dem Motorrad zur Tour de France. Er wollte die Radler schwitzen sehen, er wollte die Leute am Rand schreien hören, er wollte dabei sein. Ganz vorn. Zurück kam er – ja, auch mit ein paar Eindrücken vom größten Radrennen der Welt. Aber vor allem mit einer fixen Idee. Er würde, hatte er beschlossen, eine Kanone kaufen.

Das Ding hatte er stehen sehen im Hof der letzten Unterkunft, in der er wohnte auf seinem ungewöhnlichen Trip, und was mit ihm passierte, als er im Engadin rausschaute aus dem Fenster, das beschrieb er später in einem mehrseitigen Erlebnisbericht unter der Überschrift „Meine Kanone und ich“ so: „Unten fuhr der Glacierexpress vorbei und im Hotelgarten stand ein Artilleriegeschütz der Schweizer Gebirgsartillerie – aus war’s.“ 

Verhängnisvolle Aussage des Hotelbesitzers: Ja klar, die Waffe auf Rädern sei verkäuflich. Reinhold Holzmann, Kaufmann von Beruf, war damals 75 Jahre, er war Rentner, er hatte Zeit. 

„Pass auf, fall nicht runter, sonst jammerst wieder.“

Er ist ein Mensch, dem schon immer lustige Ideen in den Kopf kamen, dessen Frau sich an seine Extravaganzen längst gewöhnt hat. Wenn er zu ihr sagt: „Übermorgen fahr ich mit dem Motorrad nach Südfrankreich Radrennen anschauen“, dann, berichtet er schmunzelnd, zuckt sie nur mit den Schultern. Und gibt zurück: „Pass auf, fall nicht runter, sonst jammerst wieder.“

Jetzt hatte er, die Kanone auf der Wunschliste, quasi ein Projekt. Das ihn letztlich fast drei Jahre lang beschäftigte, ihn, den irgendwie ohnehin Ruhelosen, ließ die Idee gut herumkommen in der Republik, führte ihn in die absonderlichsten Büros, besetzt von durchaus eigenwilligen Beamten. 

Gleich auf der Heimfahrt hatte er sich beim österreichischen Zollamt nach den Ausfuhr-Bestimmungen erkundigt, dort war ihm ans Herz gelegt worden, den ungewöhnlichen Transfer lieber an der schweizerisch-deutschen Grenze durchzuziehen. Wieder zuhause, verbrachte er nicht wenig Zeit am Telefon, Ergebnis: Er muss zurück nach Morell, die Kanone fotografieren. Was er macht. Dann setzt er sich in den ICE nach Bonn, Reiseziel: das Ministerium für Wirtschaft und Arbeit.

„In ihrem Alter werden Sie ja keinen Krieg mehr anfangen wollen.“

In seinen Aufzeichnungen füllt das, was jetzt kommt, noch viereinhalb DIN-A 4-Seiten. Gelandet ist er schließlich im Innenministerium, wo er sich einem Experten gegenübersah, „die Wände voll Bildtafeln und Zeichnungen von Munition und Waffen“. Man war hier quasi unter sich. Und Holzmann erklärte dem Gleichgesinnten, dass er die Kanone quasi brauche. „Als Andenken.“ Was dafür sprach, ihm sein Ansinnen zu erlauben: „In ihrem Alter werden Sie ja keinen Krieg mehr anfangen wollen“, wie der Mann im Büro gutmütig unterstellte.

Letztlich hat er im Anhänger eines Bekannten das 2,2 Tonnen-Stück heim nach Feldkirchen geschafft, zehn Minuten verbrachten sie am Schweizer Zoll, zweieinhalb Stunden auf deutscher Seite. Ob es das jetzt gewesen ist? Nicht ganz. Denn jetzt machte sich der Feldkirchner daran, sein Artilleriegeschütz zu zerlegen, sandzustrahlen, neu zu grundieren und zu lackieren. Was am Ende zwei Jahre in Anspruch genommen hat. Erstmal musste er ja auch herausfinden, wie man das gute Stück überhaupt auseinander nimmt. 

Fast acht Jahre stand die von ihm liebevoll so genannte „eiserne Lady“ in seinem Keller. Ab und zu staubte er sie ab. Vor einem dreiviertel Jahr hat Holzmann, inzwischen 84, die Kanone, die zu erwerben eins seiner größten Abenteuer war, doch verkauft. „Bevor sie ein Schrotthändler kriegt...“, meinte er.

Von Andrea Kästle

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