Hoffen, dass die Impfmoral nicht zu sehr leidet: Landrat Christoph Göbel (l.) und Markus Bauer, Leiter des Impfzentrums in Oberhaching.
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Hoffen, dass die Impfmoral nicht zu sehr leidet: Landrat Christoph Göbel (l.) und Markus Bauer, Leiter des Impfzentrums in Oberhaching.

Landrat: „Das ist katastrophal“

Astrazeneca-Stopp: Rückschlag für die Impfkampagne im Landkreis

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  • Max Wochinger
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  • Laura Forster
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Der Impfstopp mit Astrazeneca bremst auch im Landkreis München den Impffortschritt aus. Rund 1400 Termine mussten abgesagt werden. „Das ist katastrophal“, sagt Landrat Christoph Göbel (CSU).

Landkreis - Bis 15.30 Uhr lief der Impfbetrieb im Impfzentrum Oberhaching am Montag ganz normal ab. Dann bekam die behandelnde Ärztin Claudia Hofberger eine Zeitungs-Eilmeldung von einer Kollegin geschickt. „Ich habe von dem Impfstopp aus den Medien erfahren“, sagt sie. „Wir haben an diesem Tag glücklicherweise nur Moderna und Biontech geimpft.“ Trotzdem seien sie und ihre Kollegen nach der Nachricht frustriert gewesen. „Wir sind ja alle hier, weil wir impfen wollen“, sagt Markus Bauer, der Leiter des Impfzentrums. „Der Impfstopp ist ein herber Rückschlag für die Impfkampagne.“ Der Betrieb in Oberhaching gehe zwar mit den Vakzinen Moderna und Biontech weiter, doch die Menge der Impfungen ist stark reduziert. „Ich bin froh, dass genau hingeschaut wird. Das ist auch notwendig“, sagt Bauer. Doch das Auftreten einer speziellen Form von sehr seltenen Hirnvenen-Thrombosen nach der Impfung sei sehr gering. „Die Warscheinlichkeit an Corona zu erkranken, ist deutlich höher“, sagt Bauer.

Warnhinweis statt Impfstoff

Auch Landrat Göbel ist überzeugt, dass der Impfstopp auf poltisch internationalen Druck hin und weniger aus medizinischen Gründen entschieden wurde. „Zumindest von den Erkenntnissen, die man bisher zu der Thrombose- und Blutungs-Gefahr hat, hätte meiner Meinung nach vielleicht auch ein Warnhinweis ausgereicht.“

Terminabsagen: Betroffene werden informiert und müssen auf neuen Termin warten

Das Vakzin von Astrazeneca wurde zu früh vom Markt genommen, findet Dr. Friedrich Kiener. Arzt und Leiter des Impfzentrums in Unterschleißheim. Es sei „überhaupt nicht evident“, ob der Impfstoff Schuld an Blutgerinnseln ist, die bei geimpften Patienten aufgetreten sind. Bei seinen Patienten habe es bisher keine Thrombosen gegeben. Trotzdem wurden nun alle Astrazeneca-Impftermine abgesagt. Betroffene werden über das bayerische Registrierungsportal BayIMCO per SMS oder E-Mail über die Stornierung des Termins informiert. Wer sich telefonisch beim Impfzentrum registriert hat, bekommt von dort einen Anruf. Alle Betroffenen kommen dann allerdings nicht automatisch sofort dran, sobald Astrazeneca wieder freigegeben wird, sondern erhalten einen neuen Impftermin.

Zweitimpfung noch nicht in Gefahr

Kiener fürchtet nun eine deutliche Reduktion der Impfquote: „Ein gutes Drittel der bisherigen Impfungen fällt jetzt weg“. Der Impfstopp kommt zu einer Zeit, in der das Impfzentrum in Unterschleißheim ohnehin nur wenige Vakzine zur Verfügung hat. „Das macht mich sehr traurig“, sagt der Internist. Die Impfungen mit Astrazeneca begannen im Februar, Patienten sollten nach zwölf Wochen die zweite Impfung bekommen, sagt Kiener. Für die Entscheidung, wie man mit diesen Zweitimpfungen umgehen soll, sei noch ein paar Wochen Zeit. Die wenigen Impfdosen, die noch im Impfzentrum in Unterschleißheim liegen, bleiben vor Ort, so der Chef des Impfzentrums. In dieser Woche erwartet der Landkreis laut Landrat Göbel noch weitere Lieferungen, die nun vorerst gelagert werden. Die Vakzine seien sechs Monate haltbar. „Ich hoffe, dass wir nichts wegschmeißen müssen.“ Dass das passieren wird, denkt Friedrich Kiener nicht. „Meine persönliche Meinung: Sie geben den Impfstoff wieder frei“.

Landrat: Impfen für alle freigeben, die sich impfen lassen wollen

Davon geht auch Göbel aus, trotzdem sei es eine Katastrophe, dass man mit dem Impfen jetzt nicht voran komme – für den Landrat neben den flächendeckenden Tests der wichtigste Baustein raus aus den ständigen Lockdowns. Gesundheitsminister Jens Spahns Begründung, man wolle mit dem Impfstopp Vertrauen bewahren, sei „gründlich misslungen“. Der Landrat hofft, dass man jetzt seine Lehren daraus zieht, die Menschen noch besser aufklärt und sich endlich von den bürokratischen Hürden und strengen Priorisierungen verabschiedet: „Wir sollten das Impfen freigeben für alle, die sich impfen lassen wollen. Jeder sollte ganz unkompliziert mit seinem Impfpass zum Hausarzt gehen können.“ Doch dafür fehlt bisher der politische Wille – und vor allem Impfstoff.

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