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Genießen die unendlichen Weiten der Wüste in Namibia: die Auswanderer Thomas Lehn und Constanze Kühnel.

Im Interview

Weltenbummler aus Sauerlach erklären, warum sich Afrika selbst vernichtet

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Nach fast vier Jahren auf Afrika-Tour sind Thomas Lehn (58) und Constanze Kühnel (45) auf Heimatbesuch in Sauerlach: Sie sagen: „Es frustriert uns, zu sehen, wie dieser Kontinent sich selbst vernichten wird.“

Sauerlach – Die Kontraste könnten größer kaum sein. Namibia im Januar und Februar, das bedeutet: enorme Hitze, bis nahezu 50 Grad Celsius. Und hierzulande? Ein Winter, der so viel Schnee und Kälte bringt wie lange nicht mehr. Nach fast vier Jahren auf Afrika-Tour sind Thomas Lehn (58) und Constanze Kühnel (45) für sechs Wochen auf Heimatbesuch in Sauerlach: Das Globetrotter-Ehepaar besucht Familie und Freunde, erledigt Behördengänge und Arztbesuche. „Es ist schon ein eigenartiges Gefühl, nach so langer Zeit wieder einmal nach Deutschland zurückzukehren“, sagen die beiden Weltreisenden. Ihr erster Eindruck: „Vieles scheint sich nicht geändert zu haben – die Kanzlerin ist immer noch dieselbe und die Bayern sind immer noch Deutscher Meister.“

Am 28. Februar geht es zurück nach Namibia

Ihr Reisemobil haben sie in Namibia sicher untergestellt, sind mit dem Flugzeug zum Heimatbesuch gereist. Was die Weltreisenden erstaunt: die deutsche Schnelligkeit. „Nur sensationelle 35 Minuten nach dem Aufsetzen unseres Flugzeugs sitzen wir schon in der S-Bahn nach Sauerlach! Aussteigen, Passkontrolle, Gepäckband, Zoll, Fahrkartenkauf – das flutscht. In Windhoek würde der gleiche Vorgang mindestens zwei Stunden dauern.“ Und die Sicherheit hierzulande: „Wir stellen unsere Koffer neben die Türe in der S-Bahn, setzen uns zwei Sitzgruppen weiter. Und auch nach zwei Dutzend Stationen ist das Gepäck noch da – mach das mal in Kapstadt oder so…“

Mit ihrem umgebauten Reisemobil geht es auf steilen Pisten durch die Drakensberge in Südafrika.

Bevor es am 28. Februar zurück nach Namibia geht, haben sich Tommy Lehn und Constanze Kühnel ausführlich Zeit genommen für ein Gespräch mit dem Münchner Merkur, der die beiden schon seit den Anfängen ihres Aussteigerlebens im Mai 2012 journalistisch begleitet. Es wird ein Interview über die Liebe zu Afrika – und zugleich über den Schmerz, all die Missstände auf dem „schwarzen Kontinent“ mitansehen zu müssen.

Dieser Winter ist so schneereich wie seit vielen Jahren nicht mehr. Konntet ihr schon die Gelegenheit nutzen und eine Skitour unternehmen?

Thomas Lehn: Ja, wir haben unsere Ausrüstung ja hier eingelagert, und so konnten wir in der Faschingswoche die beiden Traumtage optimal nutzen. Aber wir haben uns ganz schön plagen müssen, so ganz ohne Training (Lehn war von 2006 bis 2011 Vorsitzender des Alpenvereins im Nachbarort Otterfing; Anm. d. Red.). Aber man muss, wenn man sein Leben komplett auf den Kopf stellt, bereit sein, sich von gewissen Dingen zu verabschieden. Das Bergsteigen als Ausgleich zum Stressjob brauchen wir ja nicht mehr – wir sind ausgeglichen bis zum Abwinken.

Constanze Kühnel: Manch alte Freunde können nichts mehr mit uns anfangen, weil wir ein komplett neues Leben führen. Dieses Geregelte, was ist morgen? Genau davon haben wir uns verabschiedet.

Was ist, nach fast vier Jahren nonstop in Afrika, der größe Unterschied in der alten Heimat?

Lehn: Dass hier alles funktioniert. Wie zum Beispiel nach unserer Landung. Und die Sauberkeit – in Afrika erstickst du im Müll. Zu 80 Prozent gibt es dort keine Toiletten. Hier, in Deutschland: Das ist eine andere Welt.

Kühnel: So faszinierend Afrika auch ist mit seinen gigantischen Landschaften und der Tierwelt – so brutal, grausam und unbegreiflich ist es auf der anderen Seite.

Wir lieben Afirka. Aber...

Inwiefern?

Lehn: Dazu muss man in die Geschichte schauen, ins Jahr 1884. Damals haben die Kolonialmächte die rund 3000 Volksstämme ohne Rücksicht auf kulturelle Unterschiede wie Sprache oder Religion einfach aufgeteilt in die heute 55 Staaten. Doch genau deswegen funktionieren diese willkürlich konstruierten Staaten nicht; allein in Kenia gibt es 64 unterschiedliche Volksstämme.

Kühnel: Wir lieben Afrika. Aber es frustriert uns total, zu sehen, wie dieser Kontinent sich selbst vernichten wird.

Unzählige Investitionen in Entwicklungshilfe nützen nicht?

Lehn: Wir haben mit über 1000 Menschen gesprochen, vom armen Bauern im Kongo bis zum Multimillionär in Südafrika. Unser Wissen wäre ein Fundus für die GIZ (Deutsche Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit) oder ähnliche Organisationen, doch deren Mitarbeiter wollen das nicht hören.

Kühnel: Die ganze Entwicklungshilfe ist letztlich ein Geschäftsmodell, die auch in Deutschland Arbeitsplätze schafft.

Lehn: Der naive Umgang europäischer Medien mit diesem Thema wundert uns sehr. Es werden zig Millionen Euro sinnlos verblasen, vor Ort reiben sich die Mächtigen die Hände und keiner hier kapiert’s. Komischerweise sind afrikanische Präsidenten die reichsten der Welt, ihre Völker aber bitterarm. Das macht uns wütend und traurig.

Kühnel: Wir haben darüber auch mit studierten Afrikanern diskutiert. Einer sagte uns: ,Hört endlich auf mit der Entwicklungshilfe – wir müssen selbst durchs Tal der Tränen gehen, um auf eigenen Beinen zu stehen‘.

Gibt es Beispiele?

Lehn: In einem Dorf haben Entwicklungshelfer einen Thermo-Ofen installiert. Der nutzt die Sonnenwärme und spart den Frauen das gemeinsame Hirsestampfen. Die Idee dahinter war, den Dorffrauen Zeit für andere Dinge zu geben. Nur: Die haben gar nichts anderes zu tun, weil Effizienz in Afrika keine Rolle spielt – das Hirsestampfen war das tägliche gesellschaftliche Ereignis, und das hat man ihnen genommen. Irgendwann ging der Ofen kaputt, gekümmert hat es keinen, es wurde einfach weitergelebt wie in der Zeit vor dem Ofen.

Kühnel: Das Problem ist, dass wir mit unserer europäischen Denkweise da rangehen, die Lichtjahre von der afrikanischen entfernt ist.

Lehn: Bildung ist der Schlüssel zum Fortschritt, doch sie findet in Afrika kaum statt. Das fängt mit den Kleinkindern an – mit denen spielt nie jemand, die werden sich selbst überlassen. Schule ist reines Auswendiglernen mit der Folge, dass die meisten Afrikaner kein Gespür für logisches Denken entwickeln. Daran haben sie gar kein Interesse, sie planen nicht, sondern leben im Heute. Da stehst du oft fassungslos da, selbst bei Studierten. Deshalb gibt es in Afrika keinen unternehmerischen Mittelstand und somit nie genügend Jobs. Noch ein Beispiel ist der „Day zero“ in Kapstadt, wo am 11. Mai das Trinkwasser ausgehen soll. Alle hoffen auf Regen, aber über die Hintergründe – dass dort viel zu viele Menschen leben – denkt keiner nach.

Letztlich wird es eine riesige Völkerwanderung geben

Afrika leidet unter seiner Überbevölkerung...

Lehn: Aus den jetzt 1,1 Milliarden Einwohnern werden bis zum Ende dieses Jahrhunderts fünf Milliarden werden, schon jetzt sind 60 Prozent jünger als 15 Jahre, für die es aber weder Schulen noch Arbeit gibt. Jedes Projekt wird so zur Makulatur, auch wenn es Machbarkeitsstudien gibt für Entsalzungsanlagen, mit denen Trinkwasser gewonnen werden könnte. Aber die würden nie funktionieren, weil die Kraftwerke verrottet und die Stromversorgung nicht vorhanden sind. Das heißt, letztlich wird es eine riesige Völkerwanderung geben – dagegen ist das, was wir jetzt täglich im Mittelmeer erleben, nur Kinderkram.

Wie steht es um Arbeitsplätze durch Tourismus? Es gibt doch schöne Nationalparks?

Lehn: Noch, teilweise. Interessanterweise herrscht hierzulande ja die Ansicht, der Afrikaner sei naturverbunden. Doch mit welcher Selbstverständlichkeit Müll einfach überall hingeworfen und der Boden verseucht wird, das ist erschreckend. Nutztiere sterben, weil sie Plastik fressen – und in Senegal haben wir erlebt, wie Ziegen mit Pappe gefüttert wurden. Dort, wo Urbanisation auf Wildnis trifft, findet ein Hauen und Stechen statt. Aber du kannst niemanden für Tierschutz sensibilisieren, wenn er Hunger hat. Und so lange der chinesische Markt nach Nashornpulver für Potenzmittel verlangt, werden Nashörner abgeschlachtet und Nationalparks zerstört.

Wie lange bleibt ihr noch in Afrika, wie sehen die weiteren Pläne aus?

Lehn und Kühnel: Die Idee ist, von Namibia nach Norden zu fahren und weiter auf die arabische Halbinsel, von dort über Pakistan nach Indien. Über Russland geht’s dann zurück nach Europa zum nächsten Heimatbesuch – danach wollen wir unser Reisemobil nach Uruguay verschiffen. Die nächsten zehn bis 15 Jahren sind wir also gut beschäftigt.

Weitere Infos: www.mantoco.com

Für ein paar Wochen ist die Familie in Sauerlach wieder beisammen: (v.l.) Tochter Sarah Lehn, Mutter Ursula Lehn, Tommy Lehn, Schwester Claudia Lanting-Lehn, Conny Kühnel und Tochter Stefanie Lehn.

Auch spannend: Zahnarztpaar aus Oberbayern arbeitet in Namibia. Lesen Sie den Report: Bohren im Busch

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Kommentare

ganz lustig
(1)(1)

Völlig richtig erkannt! Da hat man jahrelange wirklich gelebte Auslandserfahrung und wird dann von Leuten, die vielleicht eine Woche URLAUB in einem fremden Land machten, belehrt. Besonders die DENKWEISEN anderer Völker lernt man nicht in einer Woche, wie Deutschland, überhaupt Europa, heute schmerzlich feststellen muß. Dies von jemandem mit 20 Jahre Leben in USA und mittlerweile mehr als 35 Jahre Leben in Japan.

Globetrotter
(2)(0)

Ja Merkur, unbedingt dranbleiben. Ich lebe auch in einem Land mit ca 10 verschiedenen Kulturen.
Da lernt man die Welt schnell kennen.
Auch wir lieben Afrika und wären als Auswanderer wohl in die Ecke von Mombasa / Ukunda verzogen hätten wir der Situation dort vertraut.
Uns genügten eine Reihe von Urlauben um zu verstehen, dass mit Hakuna Matata (keine Probleme) nichts ist sondern im Gegenteil viel Matata. Es hat was mit der Mentalitäten zu tun, welche auch noch viele Afroamerikaner Lateinamerikas verinnerlicht haben.
Derart durchdrungene Orte wie Colon in Panama oder Esmeraldas in Ecuador sind von Haus aus heikel bis sehr gefährlich, während Orte mit Indigenen, also Mestizen, Indios usw eher recht sicher bis sogar sehr sicher für Europäer sind. Ausnahmen bestätigen die Regel.
Natürlich lieben wir auch die Kinder Afrikas aber wer wirklich helfen will sollte sich so langsam mal von seiner unrealistischen Sozialromantik verabschieden und das Ding dort anpacken wo es nötig ist, andernfalls drohen Milliarden ganz übel vor die Hunde zu gehen.
Gerade schlägt Südafrika den Weg des ehemals so hoch gelobten Simbabwes ein.
Apartheit: Alle hatten ein Dach über dem Kopf, Strom und sauberes Wasser sowie Zugang zur Bildung.
Nicht schön so eine "getrennte Entwicklung" aber was besseres wie Tot und Elend allemal.
Ich glaube hier werden sich noch manche die Augen reiben, zu welchen Mitteln man greifen wird wenn kein besserer Weg gefunden wird, also ein Wunder geschieht.

Thomas Weber
(6)(0)

Lieber Thomas, liebe Constanze !
Mit einer Mischung aus Wehmut und Hochachtung lese ich Eure Worte. Ich selbst bin als Student in zwei Urlaubssemestern durch Nepal und Indien gereist und habe erlebt, was es bedeutet, aus einer Scheinwelt aufzuwachen. Das Gerede von der "Gleichheit aller Menschen", es stimmt einfach nicht. Wir sind alle gleichwertig, aber wir sind nicht gleich. Die kulturellen Prägungen sind so wirkungsmächtig, so nachhaltig, so tiefgehend. Dagegen ist jeder Widerstand zwecklos. Was immer man tut - ob Geschäftsanbahnung, Entwicklungshilfe, Kulturaustausch oder Migration: Das darf man nie vergessen. Dann - und nur dann - kann es Erfolg haben.

So sehr ich Indien geliebt und die jahrtausendealte Kultur bewundert habe, so sehr habe ich auch gemerkt: Ich bin kein "Weltbürger". Ich bin Europäer. Ich bin Deutscher. Dieses Land ist meine Heimat. Hier will ich meine Kinder großziehen. In dieser Erde will ich eines Tages begraben werden. Diese Erkenntnis tat weh, sehr weh. Sie sie zerstörte mein Weltbild.

Ich werde bestimmt Euer Buch bestellen.....