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Nach S-Bahn-Unglück in Schäftlarn: Bergung trotz Sturm begonnen - zweiter Zug stellt Arbeiter vor Probleme

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Von: Andrea Kästle

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Nach dem schweren S-Bahn-Unglück bei Schäftlarn hat die Bergung der beiden Züge begonnen. Die Arbeiten finden unter erschwerten Bedingungen statt.

Schäftlarn – Gestern Abend war es dann soweit – um 17.27 Uhr, rund 61 Stunden nach dem verheerenden S-Bahn-Unfall, konnte der am meisten beschädigte Wagen mit einem Kran von der Böschung gehoben werden. Um heute, Freitagfrüh, auf einem Tieflader nach München gekarrt zu werden. Minutenlang schaukelte der 21 Meter lange, 21 Tonnen schwere Triebwagen im seltsam gelblich verfärbten Himmel über den Gleisen, die noch länger nicht befahren werden können. Damit war sicher der spektakulärste Teil der Bergungsarbeiten, die am Donnerstag in aller Früh um 6 Uhr begonnen hatten, vorbei.

S-Bahn-Unglück bei Schäftlarn: Langwierige Vorbereitungen zur Bergung der Züge

Schon in der Nacht zum Mittwoch hatten die Verantwortlichen die Bergung vorbereitet, hatten erst den Fahrdraht der Oberleitung durch Bahn-Spezialisten abgenommen, dann den Oberleitungsmast, der beim Frontal-Zusammenprall der beiden Züge beschädigt worden war, abtransportiert. Am Mittwoch wurde dann das Gelände um die beschädigten Wagen aufgeräumt, die hinteren vier Wagen des Zugs, der aus München gekommen war, wurden schon einmal abgeschleppt.

Mit einer Diesellok, ins Bahnwerk Steinhausen. Jetzt standen noch zwölf Wagen in der Kurve, in der am Montag ein Mensch gestorben war und 18 weitere zum Teil schwer verletzt worden sind. Der Unfall hat die kleine Gemeinde ins Mark getroffen, es wird kaum über etwas anderes geredet im Ort.

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S-Bahn-Unglück bei Schäftlarn: Stürmischer Donnerstag erschwert die Bedingungen

Gestern dann wird gegen acht Uhr der neun Meter breite Kran der Firma Schmidbauer auf der B 11 in Stellung gebracht. Hier kommt nun niemand mehr durch, natürlich auch nicht der Schienenersatzverkehr, der an den Vortagen wenigstens passieren hatte dürfen. Zu dem Zeitpunkt war Werner Bögl, Einsatzleiter vom Notfall-Management der Bahn, ein Mensch, der nicht leicht aus der Ruhe zu bringen ist, mit seinen 20 Leuten schon seit zwei Stunden vor Ort. Außerdem zugegen: Spezialfirmen sowie das Technische Hilfswerk mit 50 Mann, die Leitung hier hat Andreas Frank.

Das Wetter: könnte unangenehmer kaum sein, es stürmt, später wird es auch noch anfangen, fast waagrecht zu regnen. Bögl lässt sich nicht drausbringen, für ihn sind die beinah orkanartigen Böen ein „Lüfterl“. Es ist dies nicht der erste Einsatz dieser Art, den er leitet – auch in München musste er schon einmal, am Leuchtenbergring, eine demolierte S-Bahn bergen, ebenso in Neufahrn beim Flughafen.

Die erste größere Aktion an diesem Tag: eins der zwei Drehgestelle, auf denen die beiden Zugspitzen auflagen, runterzubringen von den Gleisen. Mit dem Kran. Um 10.23 Uhr ist es soweit, der zehn Tonnen schwere Bahn-Untersatz baumelt am Gehänge, schwebt eine Weile über den ineinander verkeilten Zug-Schnauzen. Ist bald nicht mehr zu sehen, wird später mit einem Tieflader nach München gebracht, über die B 11. Auch Bögl hat von dem Ganzen ein Bild gemacht mit dem Handy.

S-Bahn-Unglück bei Schäftlarn: Schwierigkeiten beim zweiten Zug - Abtransport auf Schienen unmöglich

Jetzt werden die Journalisten weggeschickt, wer die Arbeiten weiter verfolgen will, muss sich mit einem Platz auf der Straße begnügen. Gegen 12 Uhr sind die beiden Zug-Spitzen voneinander getrennt, zwischen den Unglücks-Bahnen, aus deren Führerstand am Morgen noch Dämmmaterial, außerdem Metallteile, Holz und Kunststoff gequellt sind, ist jetzt ein Abstand von vielleicht zwei Metern. Gegen 14.30 Uhr meldet die Bahn, man habe den Zug, der nach Wolfratshausen unterwegs gewesen war, der auf den Gleisen stand, als der Zug nach München mit 57 Stundenkilometern in ihn reinknallte, jetzt eingleisen können. Dieser Zug soll mit einer Diesellok nach München gezogen werden, was aber erst in der Nacht passieren wird. Vorher haben die Bahnleute noch die zertrümmerte Spitze eingehüllt in Planen.

Die, wie Bögl erklärt hat, heikelste Aufgabe steht den Beteiligten gegen 15.30 Uhr bevor. Sie müssen am Zug, der nach München unterwegs gewesen ist, den ersten Wagen vom Rest der Bahn trennen. Am Balg, der die Wagen verbindet – an der Stelle, meinte Bögl in der Früh, „steckt eine Menge Spannung drin“.

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S-Bahn-Unglück bei Schäftlarn: Langwierige Bergungsarbeiten mit einigen Tücken

Kann man sich vorstellen, der Wagen ist auf der Seite zur Böschung hin zusammengeschoben wie eine Ziehharmonika, auf der anderen Seite in die Länge gezogen. Letztlich geht alles leichter als gedacht, es wird geflext, die Dämpfer werden aufgemacht, Verbindungen gelockert, die Kupplung gelöst. Eine Schraube klemmt, um 16.25 Uhr die Mitteilung: „Wir kriegen sie nicht auf“, nicht einmal mit dem Druckluft-Schlagschrauber. Um 16.43 zeigt sich ein Regenbogen im Norden, „ein gutes Zeichen“, meint eine Frau.

Und wirklich: Um 17.06 Uhr wird der Wagen zum ersten Mal angehoben, das Gehänge muss dann noch nachjustiert werden.
21 Tonnen wiegt der Wagen, für den Kran, der auf 120 Tonnen ausgelegt ist, fast ein Fliegengewicht. Trotzdem hat man vorsorglich einen noch leistungsfähigeren Schienenkran aus Fulda nach München geordert, dessen Tragkraft: 160 Tonnen. Er wird nicht zum Einsatz kommen.

Lesen Sie hier, was in den Sekunden vor dem Unglück geschah: „Sch..., da kommt ein Zug“

S-Bahn-Unglück bei Schäftlarn: Keiner weiß, wie lange die Bergung dauern wird

Dann schwebt das vordere Teil des Unglücks-Zugs in diesem unwirklichen Himmel, inzwischen ist es wieder windig. Alle, auch die Bahn-Mitarbeiter, machen Bilder. Nichtmal zehn Minuten dauert es, dann ist das Abteil unten an der Bundesstraße. Ob er erleichtert sei? Werner Bögl lacht, er raucht, er sagt: „Ja, schon. Sowas hat man nicht alle Tage.“

Seine Leute heben jetzt noch den folgenden Wagen zurück ins Gleis, auch diese S-Bahn wird am heutigen Freitag noch mit einem Zweiwegefahrzeug weggeschafft, in die andere Richtung, nach Ebenhausen. Dann wird von der Katastrophe nicht mehr viel zu sehen sein, äußerlich. Die Reparaturen an Gleisen, Schwellen, Schotter und Oberleitungen werden noch eine Weile in Anspruch nehmen. Und es wird dauern, bis die Bilder vom Montag in den Köpfen der Schäftlarner verblassen. Noch mehr aktuelle Nachrichten aus dem Landkreis München finden Sie hier.

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