Festes Ritual: Während Franz Schmid den Seilzug der Glocken bedient, beginnt er das Angelus-Gebet zu sprechen. Seit vier Generationen läutet seine Familie die Glocken von St. Michael.
+
Festes Ritual: Während Franz Schmid den Seilzug der Glocken bedient, beginnt er das Angelus-Gebet zu sprechen. Seit vier Generationen läutet seine Familie die Glocken von St. Michael.

Franz Schmid läutet in St. Michael noch per Hand

Der Glöckner von Zell

  • Sabine Hermsdorf-Hiss
    vonSabine Hermsdorf-Hiss
    schließen

Ohne Franz Schmid (79) und seine Frau Maria wäre es ruhig in Zell. Denn ohne den Wehnerbauern und seine Familie würden die Glocken von St. Michael schweigen. Mittlerweile seit vier Generationen ist der Landwirt für das Läuten zuständig. Aber nicht etwa per Knopfdruck, sondern mit Seilzug und Muskelkraft.

Zell – Das 11-Uhr-Läuten übernimmt meistens Schmids Frau, zum Abendläuten geht er selbst in das alte Zeller Kircherl. „Und zwar dann, wenn die Dämmerung hereinbricht. Also im Winter gegen 17 Uhr, im Sommer gegen 20.30 Uhr oder 21 Uhr.“ Das Läuten der Glocken selbst empfindet Schmid nicht wirklich als anstrengend. „Es ist schon Gewohnheit“, sagt er, „und so groß sind sie ja nun auch nicht.“ Anders als im Kloster Schäftlarn. „Die sind im Vergleich dazu riesig. Da mussten früher zwei Ministranten ran“, erinnert er sich und lacht. „Und die hat es dann beim Läuten immer wieder einen guten Meter über dem Boden hochgezogen.“

Mit geübter Hand

Aber um die Glocken richtig zum klingen zu bringen, heißt nicht, dass man eben mal nur irgendwie am Seil zieht. „Der Klöppel muss im Wechsel an beiden Innenseiten der Glocke anschlagen – nicht nur an ein einer.“ Da heißt es im Rhythmus bleiben. Auch die Dauer des Läutens ist festgelegt. Während der Wehnerbauer mit geübter Hand den Seilzug bedient und der erste Schlag erklingt, beginnt er das Angelus-Gebet („Engel des Herrn“) zu sprechen. Endet dies, endet auch das Läuten. .“Früher war die Familie Angermüller für das Gebetläuten zuständig“, erzählt der 79-Jährige. „Als die es nicht mehr gemacht haben, hat man uns als Nachbarn gefragt.“ Und so wurde der große, schwere Schlüssel für die dicke Holztüre mit den Eisenbeschlägen über all die Jahrzehnte von dem Vater an den Sohn weitergegeben. Kein Wunder also, dass Schmid jeden sprichwörtlichen Feldstein, aus dem die Kirche erbaut worden ist, kennt.

Ältestes Gotteshaus

St. Michael gilt als ältestes Gotteshaus der Gemeinde. Laut einer Urkunde wurde sie am 1. Dezember 1206 „zu Ehren der heiligen Dreifaltigkeit, der heiligen Jungfrau Maria und des heiligen Erzengels Michael vom ehrwürdigen Bischof Otto II. von Freising geweiht.“ Der Heilige Michael ist als Kirchenpatron auf dem Hochaltar mit Waage und Schwert dargestellt, die beiden Seitenaltäre sind dem Schutzengel Raphael mit Tobias und noch einmal den Heiligen Michael als Bezwinger des Teufels geweiht.

1206 wurde die kleine Kirche St. Michael von Bischof Otto II. von Freising geweiht.

Als die Kirche vor rund 40 Jahren renoviert wurde, war es für Schmid Ehrensache mit zu Schaufel und Pickel zu greifen. Die Bänke wurden abgebaut, und der Kirchenboden, der noch aus Erde bestand, abgegraben. Eine schwere körperliche Arbeit - „aber, weil ich ja auch für einen Bestatter gearbeitet habe, für den ich damals per Hand rund 30 Gräber pro Jahr auf den Friedhöfen in der Umgebung ausgehoben habe, nix Neues mehr.“ Nach dem Auffüllen („Einmal habe ich einen ganzen Tag nur Schotter gefahren“) wurden die alten Pflastersteine wieder aufgelegt und befestigt. Ebenso wurden Vertiefungen der Wände mit Verputz ausgeglichen. „Ganz Zell hat da zusammen geholfen.“

Schutz im Krieg

Überhaupt ist St. Michael etwas Besonderes. Und damit ist nicht nur die Ausstrahlung der kleinen Kirche mit seinen Fresken, dem Chorbogen und dem Altarraum gemeint. Schmid wird ernst. „Damals im Krieg, als überall die Bomben niedergingen“, beginnt er zu erzählen. „Eines Nachts kamen die Flieger auch über Ebenhausen.“ Eine Gruppe der Freiwilligen Feuerwehr Ebenhausen war auf Alarmbereitschaft am Feuerwehrgerätehaus, als in nächster Nähe eine Stabbrandbombe einschlug. „Es heißt“, berichtet der Wehnerbauer weiter, „dass der Kommandant nur noch gerufen hat ,Alle in den Straßengraben!’.“

Und die Kameraden hatten Glück: Keiner wurde verletzt und auch die Zeller kamen glimpflich davon. „Ich kann nur sagen“, ist Schmid überzeugt, „da hat der Heilige Michael auf uns aufgepasst.“

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare