Familie nicht Flüchtlingskind auf

Neues Zuhause für Sulaiman

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Schäftlarn - Familie Büttner aus Hohenschäftlarn  hat  den 16-jährigen Sulaiman aus Syrien bei sich aufgenommen. Ein kleiner Blick in die Familie.

Es waren die Bilder im Fernsehen, die Monika Büttner nicht mehr aus dem Kopf gingen. Die Bilder von verzweifelten Menschen, die auf der Suche nach Frieden aus ihrer Heimat geflohen sind. „Ich hatte mir immer wieder überlegt, wie ich helfen könnte – nur bei drei kleinen Kindern im Alter von einem, vier und sieben Jahren ist das nicht so einfach.“ 

Die Sozialpädagogin besprach sich mit ihrem Mann Bernd. „Drei Sekunden später war klar, dass wir einem Flüchtling ein Zuhause bieten wollten.“ 

Bekannte und Freunde reagierten erst einmal unterschiedlich auf diesen Entschluss. „Da war alles dabei, von Respekt bis hin zu der Angst, dass ich selbst überfordert sein könnte.“ 

Natürlich machte sich die Familie auch ihrerseits Gedanken: Wie geht man mit einem Jugendlichen um? Wie funktioniert die Verständigung? Werden sich auch die Kinder untereinander vertragen? Doch gerade letztere waren das geringste Problem: „Für unsere Söhne hatte es eher Priorität, dass das neue Familienmitglied gut Fußball spielt.“ Dafür gaben sie auch gerne ihr Spielzimmer, das nun Zimmer des Neuankömmlings werden sollte, her.

 Büttners nahmen mit dem Kreisjugendamt München Kontakt auf. Dieses betreut auch das Pflegeverhältnis. Der Jugendliche selbst, sprich Sulaiman, steht unter der Vormundschaft des Sozialdienstes katholischer Frauen. „Dann trafen wir unseren Sulaiman das erste Mal in Anwesenheit eines Dolmetschers.“ Und die Chemie zwischen dem Jungen aus Syrien und der Familie aus Hohenschäftlarn stimmte auf Anhieb. „Wir machten ein Testwochenende aus“, erzählt Bernd Büttner und muss bei der Erinnerung lachen. „Sulaiman hat die meiste Zeit geschlafen, hat seine Privatsphäre genossen.“ Kein Wunder, hatte der 16-Jährige doch in den vergangenen Monaten kaum eine Minute für sich gehabt. „Ich dachte mir noch, wie kann er bei dem Krach, den unsere drei Kinder machen nur schlafen?“ Die Antwort gab der 16-Jährige wenig später selbst: Er hatte im Krieg auch schlafen müssen, während in nächster Nähe die Bomben einschlugen. 

Im November 2014 beschloss Sulaimans Familie aus Syrien in die Türkei zu fliehen. Von hier aus sollte der damals 14-Jährige ohne die Eltern und Geschwister weiterziehen. „Das war das letzte Mal, dass ich sie gesehen habe“, erzählt Sulaiman und senkt den Blick auf den Boden. Allein ging es für ihn weiter mit dem Boot nach Griechenland, und von dort aus „mal zu Fuß, mal mit dem Auto, mal mit dem Zug“ weiter nach Deutschland. In Hallbergmoos wohnte er eine Zeitlang in einer vom Jugendamt angemieteten Räumlichkeit, dann wurde er in eine Turnhalle nach Freising verlagert.

 „Und dann“, sagt Sulaiman wieder mit strahlenden Augen, „kam ich nach Schäftlarn.“ 

Er selbst hatte sich gewünscht, bei einer Familie leben zu dürfen. „Man lernt die Sprache schneller, die Sitten und Gebräuche und das ganze Leben in Deutschland.“ Überhaupt ist das Zusammenleben ein gegenseitiges Lernen. „Es ist eine Bereicherung“, wie Bernd Büttner es ausdrückt. 

Natürlich hat man sich aneinander erst gewöhnen und Missverständnisse ausräumen müssen – auf beiden Seiten. Stichworte sind hier Pünktlichkeit, Alkohol oder einfach nur Bescheid zu sagen, wenn bei einem Termin etwas dazwischenkommt. Natürlich war auch der Glaube Thema. „Man hat mir immer erzählt, dass ich in Deutschland mit meiner Religion vorsichtig sein soll und dass man mich bestimmt dazu bringen will, zu wechseln“, berichtet Sulaiman. Aber eher das Gegenteil war der Fall. Familie Büttner hat sich extra einen Koran in deutscher Sprache zugelegt, um Zusammenhänge verstehen zu können – und dabei einige Gemeinsamkeiten mit dem Christentum festgestellt. „Wenn Sulaiman hier seinen Gebeten nachgehen möchte – kein Problem. Meine Frau hätte ihn auch für das Erste um 5.30 Uhr geweckt“, so Bernd Büttner. 

Mittlerweile lebt die deutsch-syrische Familie seit Anfang Dezember zusammen. Sulaiman geht in die Übergangsklasse der Mittelschule Pullach und ist Mitglied beim TSV Schäftlarn. Auch das Essen ist kein Problem. „Wir haben immer Alternativen da“, betont Monika Büttner. „Und wenn es ein Käsebrot ist.“ Sprachliche Probleme gibt es nur noch, wenn jemand bayrischen Dialekt spricht. „Da versteh ich kein Wort mehr“, sagt der junge Syrier und grinst.

 Die deutschen Pflegeeltern habe via Skype in der Zwischenzeit auch Sulaimans leibliche Eltern kennengelernt. Der Vater hat in der Türkei Arbeit gefunden, mit der er sich und seine Familie ernähren kann, und will vorerst dort bleiben. „Sie sind sehr dankbar, dass wir uns um ihren Sohn kümmern“, so Monika Büttner. „Vielleicht klappt ja irgendwann einmal ein persönliches Treffen.“ 

Inzwischen zeigen Büttners, dass der 16-Jährige ganz offiziell zur Familie gehört. Monika Büttner hat vor langer Zeit einmal einen großen Isarkiesel mit den Namen ihrer Lieben geschmückt und am Eingangstor aufgestellt. Nun ist wie ganz selbstverständlich noch ein weiterer hinzu gekommen: „Sulaiman".

Rubriklistenbild: © Sabine Hermsdorf

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