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Mit dieser Fotomontage zeigt die Bürgerinitiative in ihren Flyern eine sechs Meter hohe Aufschüttung, die für die Flurvariante der Gemeinde nötig wäre. Das Planungsbüro aber sagt: „Die Darstellung ist falsch.“

Im Vorfeld des Bürgerentscheids

Ortsumfahrung Schäftlarn: Alternative Fakten

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Der Ton im Vorfeld des Bürgerentscheids zur Ortsumfahrung in Schäftlarn wird zunehmend rauer. Die Vertreter beider Seiten warten mit jeweils unterschiedlichen Fakten auf. Während die Bürgerinitiative etwa von einer massiven Aufschüttung von sechs Metern Höhe bei der Gemeinde-Trasse ausgeht, spricht das beauftragte Planungsbüro von gerade mal 1,40 Meter. Und das ist nicht die einzige Ungereimtheit.

Schäftlarn – Die Bilder machen Angst: Sie zeigen in einer Fotomontage teilweise bis zu sechs Meter hohe Aufschüttungen quer über Schäftlarns Felder. Darauf die neue Umgehungsstraße, gebaut nach der von der Gemeinde favorisierten Variante B. Auch die Holzstangen, die, verbunden durch rotes Flatterband, entlang der Felder und Straßen aufgestellt wurden, sind eindrucksvoll. Sie sollen den Verlauf und die an manchen Stellen immense Höhe der Umfahrung verdeutlichen. Hinter beidem steckt die „Initiative für Verkehrsentlastung Hohenschäftlarns bei Erhalt unserer Landschaft“, die den Verlauf einer Umgehungsstraße zuerst über die Milchstraße und dann durch den Wald bevorzugen würde.

Die Fotomontage zeigt die Initiative in ihren beiden Flyern und schreibt darin auch ganz konkret von einer „Aufschüttung von bis zu sechs Metern Höhe“. Die Markierungsstäbe hat die Initiative eigens für ihre Informationsveranstaltung vor wenigen Tagen aufgestellt. Viele Schäftlarner haben sich hier über die Folgen einer Umfahrung nach Gemeindevorstellungen informiert und waren schockiert über die dramatischen Auswirkungen, die ihnen hier vor Augen geführt wurden.

Die Holzpfosten sollen die Höhe der Aufschüttung im Zuge der Flurvariante verdeutlichen. Aufgestellt wurden sie von der Bürgerinitiative

Planer sprechen von „falscher Darstellung“

In der jüngsten Gemeinderatssitzung allerdings fand Bürgermeister Matthias Ruhdorfer (CSU) klare Worte: „Die Darstellung ist falsch.“ Das planende Ingenieurbüro habe sich bei der Gemeinde gemeldet und „ darauf hingewiesen“, so Ruhdorfer, „dass die Fotomontage der Bürgerinitiative falsche Proportionen darstellt.“ Das Bild würde eine Straßenführung in vier bis fünf Metern Höhe vermitteln. „Das stimmt nicht - das geplante Niveau liegt nach den Vorplanungen etwa 1,40 Meter über dem jetzigen Weg“, zitierte Ruhdorfer die Planer.

Doch wie kommt die Initiative überhaupt auf diese besagten sechs Meter? Alles Panikmache? So haben sie es aus den Plänen gelesen, argumentierten die Vertreter der BI, Franz Römer und Wolfgang Herzog, bereits im Dezember im Gespräch mit dem Münchner Merkur. Römer: „Wir konnten nur von dem ausgehen, was uns als Planung vorlag. Und das war einer vom 9. März 2017.“ Hier waren neben Grundrissen auch Schnitte dargestellt – wie der der S-Bahn-Unterführung. „Hier war eine lichte Höhe von 5,20 Metern angegeben.“ Dazu kommt noch der Aufbau der Straße. „Ergibt über sechs Meter.“

Ohne konkrete Planung, keine Gespräche

Dass der Ton in Schäftlarn zunehmend rauer wird, merkte man auch in der Bürgerfragestunde zu Beginn der Gemeinderatssitzung. Wolfgang Herzog meldete sich zu Wort. Nachdem Altbürgermeister Erich Rühmer, der die Initiative unterstützt, öffentlich die Informationspolitik der Verwaltung kritisierte und viele Landwirte ihre Grundstücke gar nicht verkaufen wollen, fragte Herzog den Bürgermeister: „Haben Sie mit denen überhaupt schon mal gesprochen?“

Ruhdorfer wies darauf hin, dass bereits im Vorfeld alle Grundstückseigentümer zu einem Informationsgespräch eingeladen worden seien, aber auch, dass, solange eine Planung nicht feststeht, man nicht konkret sprechen könne. Im November habe es nochmals Gespräche mit den Planern gegeben, um weitere Schritte zu vereinbaren. „Bevor es weitergeht, wollte ich noch mit dem Bauernobmann sprechen“, so Ruhdorfer. Doch dazu kam es nicht, weil sich die Initiative gegründet hatte. Auf die Frage nach möglichen Enteignung wollte der Bürgermeister nicht vorgreifen. „Zum jetzigen Zeitpunkt will ich nicht spekulieren.“

Milchstraße muss auf acht Meter verbreitert werden

Derweil gibt es noch weitere Ungereimtheiten, die die notwendigen Waldrodungen betreffen. Die BI, die in ihrer Variante die sogenannte Milchstraße mit einbindet., schreibt in ihrem Flyer: „Es werden bereits versiegelte Flächen genutzt.“ Doch um die Milchstraße einbinden zu können, muss sie die gesetzlich festgelegten Ansprüche einer Umgehungsstraße erfüllen. Im Klartext: Ohne Rodung geht nichts.

Für die geplante Umgehung wird – egal in welcher Variante – laut der Voruntersuchung des Ingenieurbüros Schönenberg aus München die Entwurfsklasse für Landstraßen festgelegt. Die Entwurfsklasse richtet sich nach der Funktion, die die Straße einmal haben soll. Im Fall der Milchstraße heißt das, dass die Fahrbahn auf acht Meter mit beidseitig jeweils 1,5 Meter breiten Banketten verbreitert werden muss. Aktuell ist die Straße nur sechs Meter breit. „Als Teil einer Umgehungsstraße erfüllt sie die heutigen Ansprüche jedenfalls nicht“, sagt Stefan Rinderer vom Staatlichen Bauamt Freising.

Nicht mit einbezogen hat die Bürgerinitiative, dass die Milchstraße ertüchtigt werden muss und auch dafür Bäume fallen.

Um das zu erreichen, müsste die Straße aufgerissen, Unterbau und Aufbau komplett erneuert werden. Das heißt aber auch, dass man nicht umhin kommt, Teile des östlichen Bannwaldes zu roden. Das Ingenieurbüro nimmt hier eine Fläche von etwa 3000 Quadratmetern an. Die kommen bei der Waldvariante der BI, die ja bereits schon etliche Quadratmeter Rodungen voraussetzt, dann noch dazu.

Dass dies bekannt ist, hat Wolfgang Herzog als Mitvertreter der BI auf Anfrage schriftlich bestätigt. Laut ihm wurden diese Zahlen auch bei der Informationsveranstaltung der BI genannt. Im Flyer stehen sie aber nicht. Allerdings hat die BI einen Ausbau der Milchstraße auch nie ausgeschlossen. So ist auf ihrer Homepage (umfahrung-schaeftlarn.de) als Antwort auf die Behauptung, die BI-Variante hätte mit ihren etwa 5,1 Kilometern Länge eine höhere Flächenversiegelung als die Flurvariante (2,8 Kilometer), zu lesen: „Jeder kann im Bayernatlas nachmessen, dass die Länge der BI-Variante von der B 11 bis zur Milchstraße zirka 3,3 Kilometer beträgt und die mittlere Flurvariante bis zum Anschluss an die Starnberger Straße zirka drei Kilometer. Der Längenunterschied ist also sehr gering, nämlich nur zirka zehn Prozent. Die Milchstraße darf bei dieser Betrachtung nicht mit einbezogen werden, da sie ja bereits existiert und von der Stadt Starnberg im Zuge des Ausbaues des Gewerbegebiets Schorn ausgebaut werden soll.“ Wie der Ausbau ohne Flächenverbrauch bewerkstelligt werden soll, erklärt die BI nicht.

Starnberg will Bürgerentscheid abwarten

Doch was sagt die Stadt Starnberg dazu? Denn diese ist derzeit Baulastträger, auch wenn die Milchstraße auf Schäftlarner Flur liegt. „Uns sind die Vorgänge in der Nachbargemeinde bekannt“, lässt deren Pressesprecherin verlauten. Man wolle aber erst einmal den Ausgang des Bürgerentscheids abwarten. Dann erst könne man Gespräche aufnehmen.

Infoabend und Unterlagen

Die Voruntersuchung des Büro Schönenberg und Partner ist auf der Homepage der Gemeinde unter www.schaeftlarn.de zu finden. Zwei Wochen vor dem Bürgerentscheid haben die Schäftlarner noch einmal die Möglichkeit, sich zu den beiden Varianten zur Ortsumfahrung zu informieren. Die Gemeinde lädt dazu am Montag, 29. April, um 19.30 Uhr in die Aula der Grundschule ein.

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