1. Startseite
  2. Lokales
  3. München Landkreis
  4. Schäftlarn

„Sch..., da kommt ein Zug“: Was in den Sekunden vor dem S7-Unglück passierte

Erstellt:

Von: Sebastian Horsch, Nadja Hoffmann, Carl-Christian Eick, Dirk Walter, Martin Becker

Kommentare

„Sch..., da kommt ein Zug“ waren offenbar die letzten Worte des Lokführers vor dem Zusammenstoß. Am Tag nach dem S-Bahn-Unglück nahe München fügen sich die Informationsschnipsel langsam zu einem Bild zusammen.
„Sch..., da kommt ein Zug“ waren offenbar die letzten Worte des Lokführers vor dem Zusammenstoß. Am Tag nach dem S-Bahn-Unglück nahe München fügen sich die Informationsschnipsel langsam zu einem Bild zusammen. © Hermsdorf-Hiss/Open Street Map/Grafik: ike

Zwei S-Bahnen stoßen zusammen, ein Mensch stirbt, 18 weitere werden verletzt. Nach dem Zugunglück bei Schäftlarn im Landkreis München suchen Ermittler nach der Ursache - und haben erste Hinweise.

Schäftlarn – Der Tag danach bringt weitere traurige Details. Der Fahrgast, der beim Zusammenstoß zweier S-Bahnen am Montagnachmittag (14. Februar) nahe Schäftlarn sein Leben ließ, hieß Mustafa. Er kam 2018 von Afghanistan nach Deutschland, war 24 Jahre alt und lebte in einer Asylunterkunft in Wolfratshausen. 18 weitere der 95 Insassen wurden bei dem Unfall verletzt – sechs davon schwer, darunter auch die beiden Lokführer.

Daniel Buck, der Kommandant der Feuerwehr Hohenschäftlarn, zeichnet ein dramatisches Bild der Lage bei Eintreffen der Rettungskräfte. Mit Motorsägen hätten sie sich durchs Gestrüpp hinauf zu den Gleisen gekämpft. „Die, die schreien konnten, ließen wir zunächst liegen und kümmerten uns um die, die nicht mehr ansprechbar waren“, schildert Buck. „Fast jeder war blutüberströmt – in der Situation prasselt alles auf dich ein, du musst entscheiden, wem du zuerst hilfst.“

(Unser Landkreis-München-Newsletter informiert Sie regelmäßig über alle wichtigen Geschichten aus Ihrer Region. Melden Sie sich hier an.)

S-Bahn-Unglück in Schäftlarn: Lokführer hatte das „unvorstellbare Glück seines Lebens“

Neben eingeklemmten Fahrgästen lag der Fokus der Helfer auf den beiden Lokführern. „Der Lokführer der S7 Richtung München hat offenbar noch eine Notbremsung eingeleitet und sich dann nach hinten gerettet“, vermutet Buck. Der Lokführer der S-Bahn Richtung Wolfratshausen indes habe „das unvorstellbare Glück seines Lebens gehabt“. In der völlig zerstörten Kabine hätten ihn 30 Zentimeter, die als Puffer blieben, gerettet.

Die Frage, die noch offen ist, lautet: Wie konnte das passieren? Gegen 16.35 Uhr waren die beiden Züge der Linie S7 auf dem eingleisigen Abschnitt kollidiert. Sicher ist, dass die S-Bahn aus München wegen einer Bahnübergangs-Störung rund zehn Minuten Verspätung hatte. Der planmäßig in Icking kreuzende Gegenzug wurde deshalb eine Station weiter bis Ebenhausen-Schäftlarn geleitet.

Ermittlungen nach S-Bahn-Crash von Schäftlarn: Hätte die S7 warten müssen?

Das ist ungewöhnlich, normalerweise finden an dieser Stelle keine Zugkreuzungen statt. Aber auch in Ebenhausen-Schäftlarn gibt es zwei Gleise, die S-Bahnen können also aneinander vorbeifahren. Die S7 aus Wolfratshausen hätte aber warten müssen, bis der Gegenzug am Bahnhof eintrifft – warum sie trotzdem losfuhr und warum verschiedene technische Sicherungssysteme nicht griffen, ist Gegenstand der Ermittlungen.

Die S7-Strecke hat etliche Langsamfahrstellen und gilt unter Lokführern als schwierigste S-Bahn-Strecke überhaupt – nicht ohne Grund finden alle Fahrberechtigungsprüfungen dort statt. Aber sie ist technisch nicht vorsintflutlich. Es gibt eine „Punktförmige Zugbeeinflussung“ (PZB), die Züge im Notfall bremst. Nach Lage der Dinge löste die PZB aus und brachte den Zug aus München kurz vor Ebenhausen-Schäftlarn zum Stehen.

S7-Unglück in Schäftlarn: Was passierte kurz vor dem Zusammenstoß? „Sch..., da kommt ein Zug“

Aber warum verließ der Zug aus Wolfratshausen den Bahnhof? Eine Theorie: Der Lokführer könnte die Anweisung bekommen haben, „auf Sicht“ zu fahren – dies aber als Losfahrbefehl missverstanden haben. Dabei überfuhr er ein Rotsignal (der Fachausdruck für das Signal ist Esig). Dann griff eine Zwangsbremsung, die jedoch vom Lokführer offenkundig neutralisiert wurde. „Danach“, so wird es unter Einsatzkräften geschildert, „hat er nur noch in den Funk gebrüllt: Sch..., da kommt ein Zug ...“. Er bremste noch etwas – die von Feuerwehrmann Buck geschilderte Notbremsung –, aber es war zu spät: Mit gemessenen 57 km/h krachten die Züge aufeinander.

Die Bahn hält sich bedeckt. Man unterstütze die Arbeit der Behörden, heißt es lediglich. Die Polizei hat die Fahrtenschreiber der Züge sichergestellt, auch die Staatsanwaltschaft München II war noch am Unglückstag vor Ort, gibt sich aber ebenfalls wortkarg. Die Polizei geht derzeit nicht davon aus, dass mit der Bergung der Unglückszüge rasch begonnen werden kann.

S-Bahn-Unglück in Schäftlarn: Sperrung der Strecke wird einige Tage andauern

Die Kräne, die zur Stabilisierung der demolierten S-Bahnen aufgestellt wurden, waren mittags nicht mehr nötig. Inzwischen wurde ein größerer Kran angefordert, mit dem die Züge zu einem späteren Zeitpunkt vom Gleis gehoben werden können. Dem Vernehmen nach sollen sie nicht per Bahn, sondern per Sattelzug abtransportiert werden. Die Sperrung der S-Bahn-Strecke wird noch einige Tage dauern – auch der Gleiskörper ist beschädigt.

Derzeit fahren S-Bahnen der Linie S7 nur zwischen München und Höllriegelskreuth. Von dort gibt es Pendelbusse von und nach Wolfratshausen. Die Bundesstraße 11, die direkt an der Unglücksstelle im Landkreis München vorbeiführt, soll heute wieder befahrbar sein – etwas Normalität am Ort einer Katastrophe.

Auch interessant

Kommentare