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Problemstrecke S7: Zugunglück bei Schäftlarn war nicht der erste große Unfall

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Ein Foto aus dem Zeitungsbericht über den Bahn-Unfall 1913: Am 28. Januar entgleiste dort ein Zug an der Schlederleiten, weil ein Felsblock die Schienen blockierte. 
Ein Foto aus dem Zeitungsbericht über den Bahn-Unfall 1913: Am 28. Januar entgleiste dort ein Zug an der Schlederleiten, weil ein Felsblock die Schienen blockierte.  © Andrea Kästle

Das Zugunglück vor drei Wochen bei Schäftlarn hat viele Menschen in der Region schwer erschüttert. Ein 24-Jähriger hat sein Leben verloren, zahlreiche Fahrgäste wurden teils schwer verletzt. Wie ein Blick in die Geschichte zeigt, ist es nicht der erste Bahnunfall im Bereich der S7.

Schäftlarn/Baierbrunn - Wie und wann, auch warum es auf der teils eingleisig geführten Linie immer wieder zu Zusammenstößen und Entgleisungen kam, das hat Wolfgang Jirschik, der ehemalige Bürgermeister von Baierbrunn (ÜWG), jedenfalls für die letzten 100 Jahre archiviert. Jirschik ist, seit er mit sechs Jahren den ersten Spielzeugzug geschenkt bekam, ein großer Bahn-Fan, außerdem ist er als ehemaliger Realschullehrer geschichtsinteressiert. Er hat Fotos von der Bahn gemacht, als sie noch von einer Dampflok gezogen wurde, und natürlich war er auch bei der Einweihung der S 7 dabei.

Zug prallt gegen Felsblock

Das erste Unglück, das sich in den Unterlagen des ehemaligen Rathauschefs findet, passierte am 28. Januar 1913, damals blockierte ein Felsblock „von mehr als einem Meter Durchmesser“, wie die Zeitung berichtete, die Gleise hinter Icking. Der ankommende Zug wurde durch den Aufprall aus den Schienen gewuchtet, ein Wagen kippte, rutschte aber Gott sei Dank nicht den dort befindlichen Hang hinunter.

Wolfgang Jirschik in seinem Arbeitszimmer, umgeben von Literatur und Ordnern zur Eisenbahn allgemein und speziell zur Isartalbahn/S 7 vor der Haustür
Wolfgang Jirschik in seinem Arbeitszimmer, umgeben von Literatur und Ordnern zur Eisenbahn allgemein und speziell zur Isartalbahn/S 7 vor der Haustür © Andrea Kästle

Die Passagiere konnten unverletzt ins Freie klettern – und halfen dann auch gleich mit, die Strecke wieder instand zu setzen. Die dann am nächsten Tag schon wieder befahrbar war, allerdings: Ein mulmiges Gefühl, war klar, würde bleiben, wie das „Wolfratshauser Wochenblatt“ meinte: „Der Hang zeigt soviel drohend überhängendes Erdreich und Gestein, dass wohl jeder Vorüberfahrende sich schon Gedanken darüber gemacht hat, wie leicht es hier eintreffen kann, dass ein großes Eisenbahnunglück durch Gestein erfolgt.“

1947 bricht eine Achse

1947, also zwei Kriege später, krachte es wieder auf der kurvigen, teils abschüssigen Strecke, auf der traditionell angehende S-Bahn-Lokführer ihre Abschlussprüfung machen, weil sie eben aufgrund vieler Langsamfahrstellen so schwierig ist. Am 20. Juni gegen 18 Uhr wurden Passagiere im ersten Wagen Richtung Süden erst durch einen Knall aufgeschreckt, dann konnten sie zusehen dabei, wie sich die Räder durch den Wagenboden bohrten. Eine Achse war gebrochen, die Bahn rollte noch aus über die Weidacher Eisenbahnbrücke und blieb dann stehen. Auch jetzt wurde niemand verletzt, bald spielten, wie auf Fotos zu sehen ist, Kinder im liegen gebliebenen Waggon.

1976 Kollision wegen falscher Weiche

25 Jahre später wurde die Isartalbahn ausrangiert und ersetzt durch die S 10, ab 1981 war es dann die S 7, die München mit dem schönen Umland verband. Und ausgerechnet in einem Bahnhof, der schon zweigleisig ausgebaut gewesen ist, in Baierbrunn nämlich, kam es am 19. November 1976 zum nächsten Unglück: Der 24-jährige Fahrdienstleiter hatte vergessen, eine Weiche umzustellen. Weshalb dann der ankommende Zug mit gut 30 Stundenkilometern genau auf dem Gleis einfuhr, auf dem der nächste Zug nach München schon bereitstand. Auch hier entstand nur Sachschaden, in beträchtlicher Höhe von rund 100 000 Mark. Die zwei Züge mussten später mit dem Schneidbrenner voneinander getrennt werden. Schlagzeilen machte der Unfall auch deshalb, weil die Bahn erst von einer „betrieblichen Störung“ gesprochen hatte; später sagte dann ein Mitarbeiter: „Wir haben großes Glück gehabt.“

Am Bahnübergang Buchenhain vor 1960, die Isartalbahn ist noch nicht elektrifiziert. Zu sehen ist eine Lok der Baureihe 64. 
Am Bahnübergang Buchenhain vor 1960, die Isartalbahn ist noch nicht elektrifiziert. Zu sehen ist eine Lok der Baureihe 64.  © Andrea Kästle

Wohnwagen und Schlammlawine

Für zwei weitere Unfälle konnte dann aber niemand etwas, und auch sie gingen glimpflich aus. Im September 2007 hatte sich ausgerechnet auf einem Bahnübergang in Baierbrunn ein Wohnwagen vom Auto entkoppelt, an dem er angehängt gewesen war. Die ankommende S-Bahn rammte den Wagen, war aber nicht schnell unterwegs gewesen. Und zwei Jahre später war es wieder die Natur, die die Bahn aus der Bahn warf, bei Icking hatte eine Riesenmure aus Schlamm und Geröll die Strecke komplett verschüttet, Lokführer Thomas Neher sprach später von einer „grünen Wand“, die er nach einer Kurve plötzlich vor sich gesehen habe. Seinen 59 Passagieren, die er per Durchsage noch vorbereitet hatte auf das, was kommen würde, passierte nichts, sie mussten allerdings von der Feuerwehr und vom Roten Kreuz über Leitern befreit werden.

Das letzte Vorkommnis zwischen Pullach und Wolfratshausen, ehe dann am 14. Februar der Zusammenstoß zweier Züge einen 24-Jährigen das Leben kostete, ist im August 2021 gewesen. Und dass dabei nichts passiert ist, war reines Glück – kurz zuvor waren Personen im Gleis gesichtet worden, weshalb die beiden S-Bahnen, die bei Wolfratshausen auf demselben Gleis aufeinander zufuhren, kaum Geschwindigkeit hatten. Sie konnten gebremst werden und kamen quasi Schnauze an Schnauze, nur 150 Meter voneinander entfernt, zum Stehen.

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