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Der Friedhof in Zell. Das Grab Friedrich Münchingers bis heute von den Benediktinern gepflegt.

Vor 100 Jahren spielen sich in Schäftlarn dramatische Szenen ab

Spartakisten besetzen Kloster

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Die Partei der Grünen in Schäftlarn möchte zum Gedenken an die Opfer des Spartakusaufstands 1919 am Friedhof in Zell eine Gedenktafel anbringen lassen. Denn: „Das Ende der Räterepublik in Bayern vor 100 Jahre ging auch an Schäftlarn nicht spurlos vorüber“, begründet Fraktionsvorsitzender Gerd Zattler das Ansinnen an den Gemeinderat.

Schäftlarn –  Neun Spartakisten wurden im Schnellverfahren abgeurteilt und in Hohenschäftlarn erschossen. Ein Blick zurück auf die letzten Apriltage im Jahre 1919: Die Benediktiner des Klosters sitzen mit Abt Sigisbert I. Liebert beim Mittagessen, als plötzlich lautes Geschrei ertönt: Lastkraftwagen, besetzt mit bewaffneten Spartakisten, hält vor dem Kloster. Etwa 20, 30 Männer springen heraus, bringen bei der Klosterwirtschaft ein Maschinengewehr Richtung Pforte in Stellung und verlangen, den Abt zu sprechen. „Das Kloster war angezeigt worden, unerlaubt Waffen zu besitzen“, schreibt Pater Martin Barthel, späterer Prior des Klosters in der „Jubiläumsschrift Kloster Schäftlarn 1866 bis 1966“.

Guten Gewissens gibt Abt Sigisbert die Erlaubnis zur Durchsuchung des Hauses. „Er wusste von keinen Waffen.“ Doch die Spartakisten gehen penibel vor: „Sie suchten im Bett und unterhalb desselben, in Nachtkästchen und Schubladen“, notiert damals Pater Augustin Ulrich in sein Tagebuch, das Norbert Piller, heutiger Prior und Archivar des Klosters, aufbewahrt. „Später nahmen sie nur noch Stichproben.“

Allerdings, bei einem Pater, der sich für historische Gegenstände interessierte, wird man fündig: Ein altes Gewehr aus dem Jahre 1870, ein Säbel, eine entladene Eierhandgranate und ein Spielzeugrevolver. Aber es ist nicht die Ausbeute, die man sich erwartet hatte. Gegen 15 Uhr geben die Spartakisten die Waffen zurück. „Sie müssten sich schämen, wenn sie das nach München brächten“, notiert Pater Augustin. Abt Sigisbert I. zeigt sich nicht nachtragend: Er versorgt die Männer mit je einem Laib Brot aus der Klosterbäckerei und lädt zu einem Imbiss ein. Dann verlassen die Spartakisten das Kloster. „Wir atmeten auf“, zeigt sich Pater Martin erleichtert. Doch schon am 26. April fahren am Abend erneut zwei Lastwägen vor, „beladen mit 50 Kommunisten, angeführt von einem Maurerlehrling aus Straßlach“ (Quelle: Pater Martin). Man verlangt Quartier im Kloster, da sie beauftragt seien, „als Vorposten vor München gegen die ,Weiße Garde’ Stellung zu beziehen.“ Letztlich bleiben elf Mann im Kloster, der Rest wird auf die Nachbardörfer verteilt. „Dr. Michael Hausladen kommt und verbindet einen Spartakisten“, so Pater Augustin weiter.

Die Männer besetzen sogar das Telefon in der Pforte und sorgen bei den Schülereltern für Verwirrung. Diese rufen – schließlich sind die Osterferien gerade zu Ende – an, um sich zu erkundigen, ob die Schule weiterging. „Ohne Wissen der Schulleitung beantworteten sie diese Frage einfach positiv“, schreibt Pater Martin. „Doch unter solchen Umständen war ein Schulbetrieb nicht möglich.“ In der Nacht vom 29. April auf dem 30. April sind an der Pforte Schüsse zu hören. Die ersten Soldaten der Weißen Garde sind eingetroffen. „Ein württembergischer Unteroffizier läutete an der Klosterpforte und fragte mit lauter Stimme nach dem Aufenthalt der Spartakisten.“ Sein Name: Friedrich Münchinger, 21 Jahre, früher Landwirt. Doch auch die Gesuchten hatten den Tumult mitbekommen. Der Unteroffizier reißt die Türe auf und wird von Pistolenschüssen der dort versammelten Spartakisten getroffen. „Bruder Dionys wollte ihm noch helfen“, berichtet die Jubiläumsschrift weiter, „aber die Revolutionäre wiesen ihn barsch zurück.“ Der Tote wird im Speisesaal aufgebahrt.

Die Begleiter des Unteroffiziers beeilen sich, Verstärkung zu holen. Während sie sich auf den Weg nach Hohenschäftlarn machen, versuchen die Spartakisten zu verhandeln. „Plötzlich schlagen Geschosse eines Maschinengewehrs ein, einige Handgranaten explodieren im Vorraum der Pforte“, ist weiter in der Geschichte zu lesen.

Das Freikorps ist zurück. Erst nachdem sie von der Kapitulation der Spartakisten Kenntnis erhalten hatten, tritt wieder Ruhe ein. Die elf Spartakisten werden verhaftet und abgeführt. Die Nacht verbringen sie auf der Polizeistation Unterdorf 17.

Gemeindearchivar Josef Darchinger erlaubt einen Blick in das „Tagebuch der Expositur Hohenschäftlarn“, das auch einige Notizen enthält, die vom Leiter der Gendarmerie stammen müssen. „Am anderen Tag ist seitens der Offiziere ein Feldgericht gebildet worden.“ Von den elf Gefangenen sollen neun erschossen werden. Zwei wurden freigesprochen. „Ihre Schuld konnte nicht bewiesen werden“, so Pater Augustin weiter. „Mit diesem Vorgehen“, sagt Darchinger, „war man weit vom Völkerrecht und der geltenden Haager Kriegsordnung entfernt.“

Das Urteil sollte sofort vollzogen werden. „Ein Leutnant mit einem Exkursionskommando kam“, ist weiter zu lesen, „und bat mich wo eventuell ein Platz wäre zur Vollstreckung.“ Man einigt sich auf die Kiesgrube (im heutigen Bereich Falkenstraße). Und während unten auf dem Friedhof bei der Klosterkirche die Beisetzung des württembergisches Unteroffizier stattfindet, werden die neun Spartakisten erschossen und in der Kiesgrube verscharrt. Später setzt sich die Kirche dafür ein, die Getöteten auf dem Zeller Friedhof, an der Mauer nahe des Durchgangs zum Marxnhof, zu bestatten.

Annemarie Hartwig spricht in ihrem „Zeller Dorfrundgang“ davon, dass „die Gräber eingeebnet werden mussten. Nichts erinnert dort an die Toten.“ Das änderte sich. Bis in die 1930er Jahre hing hier eine Gedenktafel. Wer sie angebracht hatte, und welchen Wortlaut sie zeigte, ist laut Darchinger genauso wie deren Verbleib unbekannt. Der Schäftlarner Chronist Emil Stöckl vermutete, dass die Nazis die Tafel entfernt hatten, der verstorbene Pfarrer Anton Fürstenberger vertrat eine andere Theorie. „Er war der Meinung“, berichtet Darchinger, „dass die Zeller sie selbst hatten entfernen lassen, da es ihnen unangenehm gewesen wäre, wenn sie auf ,ihrem’ Friedhof dereinst neben Kommunisten zu liegen kämen.“ Das Grab Friedrich Münchingers wird bis heute von den Benediktinern gepflegt.

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