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Feucht-fröhlicher Ausflug: Europas längste Floßrutsche im Mühlthal ist ein beliebtes Abenteuer für Touristen.

Tourismus im Landkreis

Das verkannte Urlaubsparadies

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Der Landkreis München ist Boomregion und Wirtschaftsmotor – aber Urlaubsziel? Das wird gerne übersehen, dabei haben hier allein im ersten Halbjahr 570 000 Menschen ihre Ferien verbracht.

Landkreis Als Pia Cyrus erstmals im Landkreis München Urlaub gemacht hat, da hieß der dortige Landrat noch Joachim Gillessen und die Region zählte 270 000 Einwohner – etwa 80 000 weniger als heute. 1991 verbrachte die ältere Dame aus Ludwigshafen zwei Wochen im Hotel Schlee in Schäftlarn, und seitdem ist sie genau dort wieder und wieder eingekehrt, Jahr für Jahr, heuer zum 26. Mal.

„Wir fahren immer runter nach Bad Tölz, zum Starnberger See, zum Chiemsee und natürlich nach München in die Museen, in den Englischen Garten und und und“, zählt Pia Cyrus auf. Warum sie sich nicht direkt in der Landeshauptstadt ein Quartier sucht? Auf diese Frage schüttelt die rüstige Dame energisch den Kopf und zeigt mit dem Arm zum Fenster, hinter dem auf einer Wiese die Kühe grasen. „Hier ist es wunderschön grün und ruhig“, sagt Pia Cyrus, ehe ihr Arm weiter zur Tür wandert. „Und gleich hier vorne ist die S-Bahn. Da bin ich sofort in der Innenstadt.“

Mehr als eine Million Übernachtungen

Die Nähe zu München ist das Hauptargument für die meisten Touristen, die in den Landkreis kommen. Stolze 570 000 sind das laut den neuen Zahlen des Wirtschaftsministeriums allein im ersten Halbjahr 2017 gewesen. Damit rangiert der Landkreis hinter München (3,4 Mio.), Nürnberg (820.000) und dem Oberallgäu (694 000) bayernweit auf Rang vier. Oder anders ausgedrückt: Zwischen Aying und Unterschleißheim steigen fast genauso viele Besucher ab wie in den Touristenstädten Regensburg und Bamberg zusammen. Im Schnitt bleiben sie zwei Tage im Landkreis, was zu einer Gesamtzahl von 1,06 Millionen Übernachtungen im ersten Halbjahr geführt hat. Die Auslastung der angebotenen Betten lag bei 41 Prozent, was in etwa dem Durchschnitt im Freistaat entspricht.

Zum 26. Mal macht Pia Cyrus (r.) Urlaub im Hotel Schlee in Schäftlarn, diesmal mit Freundin Ingrid Höss.

Dass der Tourismus damit auch im Landkreis ein Wirtschaftsfaktor ist, das wird hier gerne mal übersehen – ist man doch die Heimat dreier Dax-Konzerne sowie eines unendlichen Wirtschaftsmärchens. Dabei zeigt eine Studie der IHK für München und Oberbayern, des bayerischen Hotel- und Gaststättenverbands und des Tourismusverbands Oberbayern, dass die Touristen im Münchner Umland einen Umsatz von immerhin 1,4 Milliarden Euro generieren.

Im Schnitt gibt ein Urlauber im Münchner Umland 172 Euro aus; bei einem Tagesausflügler sind es rund 25 Euro. „Viele vergessen bei der wirtschaftlichen Bedeutung des Tourismus’ die Sekundäreffekte“, sagt Martin Drognitz, Referatsleiter bei der IHK. Bedeutet, dass die Reisenden nicht nur in Hotels und bei Sehenswürdigkeiten ihr Geld lassen, sondern dass sie auch den Einzelhandel und sonstige Dienstleistungen ankurbeln.

Im Landkreis München sei die größte Trumpfkarte natürlich die Nähe zur Landeshauptstadt, sagt Martin Drognitz. Zugleich sei dies aber auch „eine große Herausforderung“. Denn: Für den Landkreis ist es schwierig, ein eigenes Tourismusprofil zu entwickeln, nehmen ihn die meisten Urlauber doch nicht als eigenständige Region sondern als Teil von München wahr.

Gemeinden brauchen eigene Schwerpunkte

Bleibt die Frage, wie sich der Landkreis und seine Kommunen positionieren sollten, um mehr Touristen anzuziehen? Hier empfiehlt IHK-Experte Drognitz zweierlei. Zum einen sei es durchaus sinnvoll, wenn Gemeinden eigene Schwerpunkte setzen – wie es etwa Oberschleißheim tut, das sich mittels seiner Schlossanlage und der Flugwerft einen Namen gemacht hat, und das unabhängig von München. Zum anderen müssten die Kommunen aber auch die benachbarten Landkreise untereinander stärker kooperieren, empfiehlt Drognitz. Das könnten etwa gemeinsame Broschüren und Flyer sein oder eine Routen-App für Radfahrer, über die man auch Hotels und Gaststätten finde.

Gemeinsame Konzepte fehlen

In puncto Kooperation sieht auch das Landratsamt „noch viel Optimierungspotenzial“, wie es in einer Broschüre des Landkreises heißt. „Durch gemeinsame Konzepte der Landkreiskommunen untereinander, aber auch mit der Landeshauptstadt könnten Synergieeffekte besser genutzt und vor allem das Standortmarketing mit einer gemeinsamen Präsentation und Vermarktung nach außen intensiviert werden.“ Denn an Attraktionen fehlt es dem Landkreis wahrlich nicht, das weiß auch Pia Cyrus für ihren Urlaubsort Schäftlarn: „Das Kloster mit dem Rosengarten ist wunderschön“, schwärmt sie. „Mich zieht es einfach immer wieder hierher nach Schäftlarn.“

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