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Hier ist es passiert: Anette Kreitmair (li.) mit ihrem Baby und Hebamme Helga Sauerbrey-Bock auf der Straße vor der Wolfratshauser Kreisklinik. Genau dort kam die kleine Carina zur Welt.

Geburt im Schein der Straßenlaterne

Baby kommt auf Strasse vor Kreisklinik zur Welt

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Die Nacht, in der Carina Felicitas Kreitmair auf die Welt kam, wird niemand, der dabei war, so schnell vergessen: Das Mädchen wurde mitten auf der Straße geboren – nur ein paar Meter von den Türen der Wolfratshauser Kreisklinik entfernt.

Wolfratshausen – Eigentlich hatte der Gynäkologe den Geburtstag exakt berechnet. „Doch seit wann halten sich Babys an solche Berechnungen?“ meint Anette Kreitmair mit einem Augenzwinkern. „Mein Mann Thomas und ich haben jedenfalls nicht an eine Punktlandung geglaubt.“ Also machte sich die Dietramszellerin erst einmal keine Sorgen, als am Abend vor dem Geburtstermin die Wehen einsetzten. Die Kreitmairs haben schon zwei Kinder. „Ich dachte, ich weiß, was auf mich zukommt“, sagt die 37-Jährige. Doch sie sollte sich irren.

Es war etwa 2 Uhr, als Thomas Kreitmair seine Mutter weckte – sie wohnt im gleichen Haus. Er bat sie, auf die beiden Kinder, Emilia (3) und Sebastian (1), aufzupassen. Sekunden später ging es los in Richtung Kreisklinik. Die Wehen bei seiner Frau wurden immer stärker. Der 36-jährige Heizungsbauer drückte aufs Gaspedal. Die Ortschaften Linden, Thanning und Egling flogen vorbei. „Normalerweise fährt man von Dietramszell bis Wolfratshausen etwa 20 Minuten“, sagt die Steuerfachwirtin. „Wir haben gefühlt die Hälfte gebraucht.“

Der Vater drückt aufs Gaspedal

Als sie die Kreisklinik erreichten, lenkte Thomas Kreitmair den Wagen direkt auf den Parkplatz vor dem Eingang. Das Ehepaar beeilte sich. Doch noch während Thomas Kreitmair die Tasche seiner Frau aus dem Kofferraum holte, platzte die Fruchtblase. „Das Köpfchen war schon zu spüren“, erzählt Anette Kreitmair. Die werdende Mutter sank auf die kalte Straße. Zwar schneite es nicht, aber die Temperaturen bewegten sich um den Gefrierpunkt. „Die Kälte habe ich in dem Augenblick gar nicht gespürt“, erinnert sie sich. „Mein erster Gedanke war eher: Toll, wenigstens ist hier eine 30er-Zone, da rasen sie hoffentlich nicht. Auch fehlte mir die Kraft, irgendwie auf den Bürgersteig zu kommen.“ Thomas Kreitmair schrie um Hilfe – doch keiner hörte ihn. Also blieb dem werdenden Vater nichts anderes übrig, als seine Frau liegen zu lassen. Er rannte zum Empfang der Klinik und trommelte mit seinen Händen gegen die Glaswand, um den Pförtner zu alarmieren.

„Sie in den Kreißsaal zu bringen – dazu war definitiv keine Zeit mehr.“

Hebamme Helga Sauerbrey-Bock hatte Dienst in der Kreisklinik. Zwei Geburten hatte die Schäftlarnerin in ihrer Schicht schon begleitet. Gerade bereitete sie ein Bett für eine weitere vor. „Plötzlich rief die Nachtschwester, ich soll sofort mitkommen“, erzählt die 60-Jährige. Zusammen mit einer Schwester aus der Ambulanz rannten die Frauen ins Freie, die Treppenstufen hinunter, bis zur Straße. „Viel gesehen habe ich erst einmal nicht“, sagt die Hebamme. „Nur, dass hier auf der Straße eine Frau lag und schrie. Sie in den Kreißsaal zu bringen – dazu war definitiv keine Zeit mehr.“

Nun hieß es improvisieren: Sauerbrey-Bock bat eine der Schwestern, Handtücher und eine sterile Schere zum Abnabeln zu holen. Doch die kleine Carina wollte nicht warten: „Innerhalb von zwei Minuten kam das Baby im Schein der Straßenlaterne und einer Handy-Taschenlampe zur Welt.“ Die Schäftlarnerin wickelte das Mädchen in die Jacke des Vaters, um es zu wärmen. „Da fing die Kleine auch schon kräftig an zu schreien. Alles gut, Mutter und Kind wohlauf.“ In der Zwischenzeit waren sowohl die Ambulanz als auch Frauenärztin Ileana-Maria Niculescu vor Ort eingetroffen. Sie kümmerten sich umgehend um Anette Kreitmair und ihr Töchterchen.

Wiedersehen am Parkplatz der Geburt

Ein paar Wochen später treffen sich Anette Kreitmair und Helga Sauerbrey-Bock noch einmal am Geburtsort der kleinen Carina. Die Mutter ist überglücklich, dass trotz der ungewöhnlichen Umstände alles glatt verlaufen ist. „Hebamme, Ärzte und Schwestern – alle waren fantastisch“, sagt die Dietramszellerin. „Sie haben mich immer wieder getröstet und mir Mut zugesprochen. Trotz der Umstände war es eine absolut supertolle Betreuung, für die man sich nur auf das Herzlichste bedanken kann.“ Auch für die Hebamme war die Situation nicht alltäglich. „Eine Straßengeburt habe ich in meinen 40 Jahren Berufserfahrung auch noch nicht erlebt“, sagt die Schäftlarnerin. „Man handelt einfach automatisch, ohne groß nachzudenken.“

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