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178 Glocken wurden im Umkreis von Schäftlarn demontiert und teilweise hier ins Wolfratshauser Glockenlager gebracht. In der Mitte des Bildes ist Pater Odilo zu sehen, der eine Sondergenehmigung hatte, das Lager besichtigen zu dürfen.

Zweiter Weltkrieg

Glocken des Krieges

  • Sabine Hermsdorf-Hiss
    vonSabine Hermsdorf-Hiss
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Zur Unterstützung der Rüstungsindustrie im Zweiten Weltkrieg waren Bürger, Vereine und auch Kirchen dazu aufgefordert, Metall zu spenden. Die Kirchen mussten dafür auch die Glocken der Gotteshäuser demontieren. Ein Abt des Kloster Schäftlarns hat seine Erinnerungen dazu in einem Tagebuch festgehalten. 

Schäftlarn– Ende März 1940: Deutschland befindet sich seit einem halben Jahr im Krieg. Doch um die Rüstungsproduktion weiter vorantreiben zu können, fehlte es an Rohstoffen wie Kupfer, Zinn, Blei, Eisen, Bronze und Messing. Daher forderte Generalfeldmarschall Hermann Göring das Deutsche Volk auf, Metall zu spenden – als Geburtstagsgeschenk für „unseren Führer Adolf Hitler“.

Abt Sigisbert Mitterer hat seine Erinnerungen in Tagebüchern festgehalten

Dieser Aufruf wandte sich nicht nur an das Volk, sondern auch an Vereine, Kirchen und Klöster. Alte Fahnenspitzen, Pokale, Kannen und Kessel, Türschilder – alles wurde gebraucht. Auch das Kloster Schäftlarn beteiligte sich. Der Archivar und Prior des Klosters, Pater Norbert Piller, gewährt einen Blick in die Aufzeichnungen des damaligen Abtes, Sigisbert Mitterer. Dieser notierte am 12. April: „Wir haben einige Körbe voll gesammelt... aus dem Vestiarium steuerten wir einige Bronze- und Messinggeräte bei... ein Pater plünderte sein Münzsammlung und brachte eine Schachtel voller Kupfer- und Nickelmünzen zusammen...“ 

Postkarte mit Dank „im Namen des Führers“

Als Dankeschön wurde eine etwa Postkartengroße Urkunde ausgestellt. In der Mitte ist der Reichsadler mit Hakenkreuz zu sehen, rechts und links Zeichnungen, die die Arbeit in einem Rüstungsbetrieb darstellen sollen, dazwischen ein Dank „im Namen des Führers“, unterschreiben von Göring.

Nur jeweils eine Läuteglocke pro Kirche durfte bleiben

Die Ablieferung der Metallspende aus dem Kloster erfolgte am 19. April an den Propagandaleiter. Bereits im März wurden erste Gerüchte laut, dass auch die Glocken ab einem bestimmten Gewicht beschlagnahmt werden sollen. Das war auch Abt Sigisbert bei einem Besuch in München zu Ohren gekommen. „Die Beschlagnahmung betrifft alle nach 1500 gegossenen Kirchenglocken“, hieß es, „eine Entschädigung dafür gibt es nicht, aber der Staat wolle nach dem Krieg für entsprechenden Ersatz sorgen.“ Am 19. Mai wurde das Gerücht konkreter: „Im Gottesdienst wurde heute von der Kanzel eine Verkündung des Ordinariats von München und Freising verlesen“, schreibt Mitterer. „Das Reich hat die Anmeldung und Ablieferung sämtlicher Glocken aus Bronze angeordnet.“ Nur jeweils eine Läuteglocke pro Kirche sollte bleiben – um die Menschen zu warnen, Siege zu verkünden oder um die Toten auf ihrem letzten Weg zu begleiten. Doch bis es soweit war, vergingen noch eineinhalb Jahre.

Abt Sigisbert: „Ich hätte weinen können“

Fünf Glocken schienen als Metallspende geeignet und sollten am 23. Februar 1942 vom Turm der Klosterkirche Schäftlarn abgehängt werden. Am Tag davor, nach der Fastenpredigt, ließ der Pfarrer zum Abschied noch ein letztes Mal alle gemeinsam erklingen. Abt Sigisbert wurde Zeuge, als die ersten beiden Geläute vom Turm abgeseilt worden sind. „Ich hätte weinen können“, schreibt er in sein Tagebuch.

Bekannter Glockengießer hat auch das Glockenspiel am Münchner Rathaus kreiert

Die schneebedeckte Sebastiansglocke von Hohenschäftlarn auf dem Weg nach Wolfratshausen ins Glockenlager.

Schon am folgenden Tag wurden die tonnenschwere Fracht auf Schlitten verladen und zu den Sammelstellen gebracht. Eine war in Ebenhausen, eine andere in Wolfratshausen. „Und zwar dort, wo heute die Straßenmeisterei ist“, weiß Christian Steeb, Heimatforscher aus der Loisachstadt. Hier wurde das Geläut vor dem Weitertransport auf seine Eignung geprüft. Pater Odilo hatte einen Sonderausweis erhalten, der ihm das Recht einräumte, sowohl alle Glockenlager besuchen als auch hier fotografieren zu dürfen. Also fuhr er gemeinsam mit dem Glockengießer Rudolf Oberascher nach Wolfratshausen. Die Firma Oberascher war ein alt eingesessener Glockengießereibetrieb in Salzburg, unterhielt jedoch mit den Brüdern Rudolf und Rupert Oberascher an der Spitze seit 1899 eine Art Zweigstelle in München. Das bekannteste Werk aus dieser Gießerei ist übrigens das aus 43 Glocken bestehende Spiel des Münchner Rathauses.

Glocken aus Silber für die Rüstungsindustrie unbrauchbar

Oberascher nahm sich also die Glocken aus Schäftlarn vor. Mit überraschendem Ergebnis: „Drei davon waren aus Silber – und somit für die Rüstungsindustrie unbrauchbar.“ Der Experte nahm umgehend Kontakt mit dem Landesamt für Denkmalpflege auf. „.Historische Silberglocken fallen aber überhaupt nicht unter die Abgabepflicht. Dass diese Glocken echte Silberglocken sind, beweisen Bruchstücke, die einen ausgesprochenen Silberglanz an den der Bruchstelle zeigen.“ Auch wäre eine grauschwarze Silberpatina statt einer „gewöhnlichen grünlichen Kupferpatina“ vorhanden. Bei der Form kommt der Kunstglockengießer regelrecht ins Schwärmen: „Sie stammen aus dem Jahre 1652 und wurden von Ernst Bernhard gegossen worden“, teilt er dem Amt mit. „Die Formgebung in ihrer Symmetrie, Ornamentik und Schrift ist ein derartiges Meisterwerk, dass jeder neue Glockengießer an diesen studieren müsste.“

Die Rückkehr der Glocken

Mitte Mai kamen die Glocken zurück – „und“, so Abt Sigisbert weiter, „es wird dem Baumeister Bauer, der sie vor ein paar Wochen abnahm eine Ehre und Freude sein, sie sobald als möglich wieder auf den Turm zu bringen.“ Dies geschah am 13. Mai 1942. Insgesamt hatte die Firma im Umkreis von Schäftlarn. 178 Glocken demontiert. „Die erste in unserer Filialkirche in Baierbrunn, die letzte war das Glöckchen auf der Kapelle im Mühltal.“ Dietramszell steuerte mit 52 Zentnern die Schwerste bei, die aus Thanning wog 47 Zentner. „Die Bürger von hier boten mehrere 1000 Mark an, wenn sie ihr Geläut behalten dürften“, berichtet Abt Sigisbert, „Aber das wurde nicht genehmigt.“ Oberascher erfuhr übrigens eine für die damalige Zeit besondere Ehre. Er wurde zum Dank für seine Bemühungen von Abt Sigisbert zum Essen eingeladen.

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